Nazi-Gräueltaten bleiben in Erinnerung

Langen - Enkelin von Walter Rietig bei Stolperstein-Verlegung / „Aus Gründen der Abschreckung“ exekutiert

Auf dem Boden neben der Messingplatte liegt ein Strauß mit roten Tulpen. Der Zementmörtel rundherum ist noch feucht. Wenige Minuten ist es erst her, dass der Künstler Gunter Demnig den Stolperstein verlegt hat. „Hier wohnte Walter Rietig, JG 1906, im Widerstand verhaftet 1942, hingerichtet 22.12.1942, Berlin-Plötzensee“ – so steht es auf der Inschrift zu lesen. „Eigentlich ist das ein Grabstein“, sagt Sylvia Rietig, Enkelin des von den Nazis ermordeten Langeners, und schaut nachdenklich auf den Boden vor dem Haus in der Wolfsgartenstraße 54. Denn ein Grab für ihren Großvater hat es nie gegeben: Seine Mörder haben die Leiche zum Sezieren in die Berliner Charité überstellt, um ihn noch nach seinem Tod zu erniedrigen.

Sylvia Rietig ist aus München in die Sterzbachstadt gekommen, um dabei zu sein, wenn Demnig den Stolperstein für ihren Opa verlegt, für ihn und für 14 weitere Langener. Die Familien Neu, Blum und Eppstein wurden wegen ihres jüdischen Glaubens von den Nazis verfolgt, vertrieben, deportiert, ermordet. Walter Rietig dagegen war ein politisch Verfolgter, dem allein seine kritischen Äußerungen gegen das Hitler-Regime zum Verhängnis wurden. Der 1906 in Breslau geborene Spengler arbeitete bei Opel in Rüsselsheim und wurde von Kollegen denunziert. Ein von der Gestapo erpresstes Geständnis widerrief er zwar vor Gericht, dennoch wurde er wegen Landesverrats und „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zum Tode verurteilt – „aus Gründen der Abschreckung“.

„Ich bin sehr stolz auf ihn“, sagt Sylvia Rietig. „Und ich bin froh, dass er nicht vergessen ist, sondern durch diesen Stein und auch die Walter-Rietig-Straße weiterlebt in unserer Erinnerung.“

Wobei ihre Familie lange Jahre nicht so gut zu sprechen war auf die Langener. „Es kam nie jemand auf uns zu, wenn es um Ehrungen, Ausstellungen oder ähnliches ging“, sagt sie, obwohl die Adresse bekannt gewesen sei und auch die Familie ihrer Cousine Evelyn Beer noch in Langen lebe. Doch dies habe sich ja mittlerweile geändert.

Sylvia Rietigs Vater Gerhard war drei Jahre alt, als sein Vater hingerichtet wurde; seine völlig verzweifelte Mutter starb, als er 14 war – „an gebrochenem Herzen“. Zur Steinverlegung wollte er nicht kommen – „er hat vieles verdrängt“, sagt seine Tochter. Erst sie war es, die mit ihren Recherchen Licht ins Dunkel der Vergangenheit brachte. Und dabei feststellte: „Man hat den Angehörigen meines Großvaters viel Falsches erzählt. Selbst bei der Art, wie er exekutiert wurde, hat man gelogen.“ Für sie waren die Nachforschungen sehr wichtig, betont sie: „Und ich habe erfahren, dass ich viele Charakterzüge von meinem Großvater habe.“

stolpersteine-langen.de

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