Umsiedlung vor der Rodung

Neubaugebiet Liebigstraße: Rettung für stachelige Untermieter

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Gefunden! Jeder Igel, der vor der Rodung des Neubaugebiets gerettet werden kann, ist ein Erfolg.

Langen - Von dem Neubaugebiet an der Liebigstraße profitiert nicht jeder. Demnächst soll das nächste große Areal gerodet werden. Von Vanessa Kokoschka 

Während sich die einen ihr neues Heim ausmalen, müssen die bisherigen Bewohner ausziehen: Rund 500 Tierfreunde kamen deshalb zur großen nächtlichen Igel-Sicherung. Mit Stirn- und Taschenlampen, Gartenhandschuhen, Handtüchern und Transportboxen ausgerüstet, grasen die Freiwilligen das unwegsame Gelände ab. So erhellen viele kleine Lichtpunkte die weitläufige Fläche des künftigen Baugebiets wie Glühwürmchen. Tanja Schäfer hat die Rettungsaktion für die Igel ins Leben gerufen. Sie betreibt die gleichnamige Wildtierhilfe in Dreieich, die verletzte oder kranke Tiere aufnimmt und aufpäppelt. Über die Presse und Facebook hat die Tierschützerin nach Helfern und Sachspenden gesucht – mit Erfolg, denn gut 500 Tierfreunde sind gekommen. „Es ist phänomenal. Ich dachte mir, wenn bloß die Hälfte der angemeldeten Freiwilligen käme, sind wir schon gut bedient“, sagt Schäfer.

Die Helfer müssen aber auch ein großes Gebiet abdecken: 28 000 Quadratmeter groß ist das Areal, auf dem derzeit noch Igel und andere unter Naturschutz stehende Tiere wie Bilche oder Fledermäuse leben. Bevor die Bagger dort rollen, müssen sie umgesiedelt werden. Von der Stadt und der Baufirma habe Schäfer das Okay für die Umsiedlung bekommen. „Die Unterstützung durch die Stadt sieht so aus, dass sie mir vollkommen vertrauen. Ich kann auf dem Gelände schalten und walten, ohne dass sie mir auf die Finger gucken.“ Das Areal hat die Tierschützerin in 15 Bezirke eingeteilt, in denen die Helfer auf Igelsuche gehen. Alte und Junge, Langener und Tierfreunde aus dem näheren Umkreis suchen detektivisch das Gelände ab. Wer einen Igel findet, bringt ihn mit einer Transportbox zur Juki-Farm, wo eine Tierärztin wartet.

Auch tierische Helfer kamen dabei zum Einsatz.

Eine der Freiwilligen ist Steffie Abels. Mit ihrer Stirnlampe leuchtet sie in Brombeerhecken und sucht nach den kleinen Stacheltieren. „Die Menschen zerstören so viel Lebensraum, da finde ich, dass wir es den Tieren schuldig sind, sie zumindest in ein neues Zuhause zu bringen“, meint Abels. Begleitet wird sie von ihrem Partner, einer Freundin und deren Tochter. Die 13-jährige Isabeau sieht es ähnlich: „Ich will, dass es den Igeln gut geht und dass sie den Winter gut überstehen.“ Gefunden habe sie bisher noch keinen. „Aber ich hoffe, dass ich noch einen heute Abend sehe“, wünscht sie sich.

Keinen Igel, aber einen Hasen hat Nathalie Kitzinger gesichtet. Die 20-Jährige hat ihre deutsche Schäferhündin Soffie dabei. Angeschlagen habe die Hündin bislang nicht, so Kitzinger. Sie helfe gerne bei der Suche: „Ich finde es schrecklich, dass hier wieder gebaut wird. Es geht immer mehr Natur verloren.“

An der Juki-Farm wiegt und untersucht Tierärztin Meike Dewein die Igel. „Ich schaue mir die Augen und die Zähne an, achte auf die Atemgeräusche und durchsuche das Stachelkleid nach Flöhen“, zählt sie auf. In diesem Jahr gebe es wegen des heißen und trockenen Sommers viele unterernährte Igel. Der nächste angelieferte Insektenfresser ist allerdings ein Prachtexemplar: 1,3 Kilogramm bringt er auf die Waage und kann somit direkt in eins der neuen Habitate umsiedeln. „Tiere unter 400 Gramm kommen zur Igelburg Mossautal, wo sie von mir aufgepäppelt werden“, informiert Idun Rieden, Chefin der Igelburg.

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So weit sind Max und Adrian. Die beiden Zwölfjährigen bahnen sich auf der Suche nach Igeln mit ihren Taschenlampen einen Weg durch das Gestrüpp und durchsuchen sorgfältig ihre Umgebung. Die Jungs sind schon durch ihre Schulimkerei in Kontakt mit Umweltschutz gekommen. „Es ist immer dasselbe: Die Natur wird für Häuser oder Wohnungen abgeholzt“, meint Adrian. Er sei dabei, „damit die Igel anderswo weiter leben können.“ Mit dabei sind Adrians Schwester und seiner Mutter, die von der Igelsicherung über eine Bekannte erfuhr. „Ich habe es den Kindern vorgeschlagen und sie waren direkt begeistert“, berichtet Angelika Lang-Kissel, „obwohl es heute den Tag über geregnet hat, wollten die Kinder unbedingt Igel retten.“ Auch Lea, Adrians kleine Schwester, würde die Rettungsaktion nicht gegen einen gemütlichen Sofaabend eintauschen. „Hier ist es doch spannender“, sagt die Siebenjährige.

Ein paar Meter weiter leuchtet Horst Weber in eine alte Gartenhütte. Er ist aus Mörfelden gekommen, um nach Igeln zu suchen. „Meine Frau hat letztes Jahr fünf Jungtiere großgezogen“, erzählt Weber, „die haben wir in mehreren Kleingärten wieder ausgewildert.“ Auf dem Gelände habe er bislang noch keins der Stacheltiere gefunden. „Die schreckt bestimmt auf, dass so viele Menschen unterwegs sind“, vermutet Weber.

Das sei gut möglich, bestätigt Schäfer. Zwei Stunden nach dem Start haben die Helfer nur zwei Igel gefunden, einer wurde noch vor der Suchaktion eingefangen. Seit zwei Wochen füttern Schäfer und 30 Freiwillige die Tiere an. Seitdem hat die Wildtierhilfe sieben Igel gesichert und etwa fünf weitere markiert. „An die kamen wir damals aber nicht ran, weil sie so tief im Gebüsch saßen“, erklärt Schäfer. Wie viele Igel sich genau auf dem Gelände befinden, wisse sie nicht. Allerdings werde man bis Februar regelmäßig auf dem Gelände nach Tieren suchen.

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