Zurück auf den Arbeitsmarkt: Neustart jenseits der 50

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Langen - Das Projekt 50-Plus des Kreises Offenbach vermittelt Arbeitssuchende, die viele Personalchefs aufgrund ihres Geburtsdatums aussortieren würden. Von Katharina Hempel

Die Langener Agentur Traffego hat sich gegen den Trend gestellt und dem 57-Jährigen Martin Callenberg wieder eine berufliche Chance gegeben. Sozialdezernent Carsten Müller (SPD) und Karl-Friedrich A. Ditter vom Projekt 50-Plus besuchten ihn gestern an seinem Arbeitsplatz.

Martin Callenberg wippt entspannt zurückgelehnt in dem Stuhl am Konferenztisch. Er trägt dunkelblaue Jeans und ein Hemd in der gleichen Farbe. Den Hosenbund ziert ein Hugo-Boss-Gürtel. Der 57-Jährige ist braun gebrannt, lächelt. Er wirkt nicht so, als ob ihn jemals Zukunftsängste geplagt hätten. Martin Callenberg war bis vor wenigen Monaten arbeitslos. Seit 2012 erhielt er Hartz IV. Eine Katastrophe. Wie für alle, die qua Geburtsjahr aus dem Einstellungsraster „jung und dynamisch“ fallen. Für sie hat der Kreis Offenbach das Projekt 50-Plus ins Leben gerufen. Es vermittelt ältere Arbeitsuchende und will Arbeitgebern in der Region neue Chancen eröffnen, indem sie erfahrene und motivierte Mitarbeiter einstellen. „2012 fanden damit 450 Menschen, die älter als 50 Jahre sind, einen neuen Job“, sagt Sozialdezernent Carsten Müller.

Coaching als Angebot des Projekts

Seit März gehört auch Coaching zu den Angeboten des Projekts. Davon wurden 27 der 120 Teilnehmer bereits vermittelt. „Das Coaching-Projekt betreuen wir mit zwei Personen“, berichtet Karl-Friedrich A. Ditter, Jobvermittler und Coach von 50-Plus. „Menschen in diesem Alter brauchen eine andere Ansprache beim Arbeitgeber. Dafür müssen wir bei der Jobvermittlung den Menschen richtig kennen, um ihn zielgenau platzieren zu können. Wir müssen sie motivieren, um den Riemen wieder auf die Maschine zu bekommen.“

Erst dann könnten die Jobvermittler vor dem möglichen Arbeitgeber richtig argumentieren und die Berufserfahrung ihres Kunden herausstreichen. „Die ist anders als bei unerfahrenen, teils unbeherrschten jungen Leuten. Die Stärke des 50-Plussers: Er kann viele Dinge besser“, findet Ditter.

Das findet auch Jan Christof Deppe, Geschäftsführer von Traffego, eine Langener Agentur für digitale Kommunikation und Online-Systeme: „Ich habe meine Erfahrung gemacht. Für mich zählt die Leistung, das Alter macht keinen Unterschied. Herr Callenberg hat bei uns in die Materie reingeschnuppert und eine kleine Schulung bekommen.“ Und überzeugt. Im April hat Traffego 50-Plusser Callenberg einen unbefristeten Vertrag angeboten. Mit mehr als 3 000 Euro Bruttogehalt monatlich sind die Hartz-IV-Zeiten vorbei. „Er geht auf Menschen ganz anders zu als es Jüngere, Unerfahrenere tun würden. Und er kommt bei den Kunden an“, begründet Geschäftsführer Deppe seine Wahl.

Kundenakquise der Agentur

Martin Callenberg ist für die Kundenakquise der Agentur verantwortlich. „Sales Manager“ steht jetzt auf seiner Visitenkarte. Früher stand dort „Vertrieb“. „Ich habe über 20 Jahre lang im Außendienst in der Textilbranche gearbeitet“, erzählt der 57-Jährige. „Das Unternehmen, bei dem ich damals angestellt war, hat 2001 ein Servicecenter in Frankfurt eröffnet. Dort war ich acht Jahre lang Geschäftsführer, verantwortlich für 300 Mitarbeiter. Das hat viel Spaß, aber auch viele Probleme gemacht.“ Daraufhin versucht Martin Callenberg, sich im Vertrieb selbstständig zu machen und meldet ein Gewerbe an. „Mir ist es dann immer geradeso gelungen, mich über Wasser zu halten. 2012 ging es dann nicht mehr.“

Arbeitslosigkeit. Existenzangst. Schuldgefühle. Depression liegt näher als Selbstmotivation. „An dieser Stelle steigt unser Coaching-Team ein“, sagt Jobvermittler Ditter. „Wir lassen unsere Kunden eine Perspektive sehen und motivieren sie.“ Das ist besonders wichtig bei Singles und Menschen, die keine Familie hinter sich stehen haben.

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„Ich habe zum Glück zwei tolle Töchter, die sind tough und erfolgreich. Die haben mich motiviert und an mich geglaubt. Das hat mir sehr geholfen“, beschreibt Martin Callenberg seine Zeit der Arbeitslosigkeit. Er fügt hinzu: „Es hört sich abgedroschen an, aber: Man darf nicht aufgeben. Eigenmotivation ist wichtig.“

Das hat ihm auch geholfen, sich für Traffego das Berufsfeld Direktmarketing zu erarbeiten. Damit kannte sich Callenberg zunächst gar nicht aus, wie er zugibt. „Aber ich weiß auch: Bei der Kundengewinnung macht Fachwissen sieben Prozent aus, die Stimme 38 Prozent, und die restlichen Prozent hängen davon ab, wie Sie sich geben.“

Erfahrung und Gelassenheit lassen sich eben nicht erzwingen. Sie reifen mit dem Alter. Lieber zwei 25-Jährige einstellen als einen 50-Jährigen – die Rechnung mancher Personalchefs geht mathematisch auf, aber an der Lebenswirklichkeit geht sie vorbei. Die Deutschen werden immer älter – und damit die Arbeitnehmer. Ihr Potenzial verfällt ungenutzt.

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