Niemand muss alleine trauern

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„Die innere Haltung ist entscheidend“, sagt Sabina Roemer allen, die sich fürs Engagement als Sterbe- und Trauerbegleiterin interessieren.

Langen - Für viele Menschen sind Tod und Trauer immer noch Tabuthemen. Nicht so für Sabina Roemer. Die 43-Jährige ist Vorstandsmitglied der Hospizgruppe Langen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen steht sie Sterbenden und deren Angehörigen bei. Von Sebastian von Gehren

Sebastian von Gehren sprach mit der ausgebildeten Sterbe- und Trauerbegleiterin über Aufgaben, Herausforderung und traurige, aber auch erfüllende Momente ihrer ehrenamtlichen Arbeit.

Frau Roemer, wie kommt man dazu, sich ehrenamtlich bei einer Hospizgruppe zu engagieren?

Bei den Allermeisten ist es durch ein Sterbeerlebnis im nahen, persönlichen Umfeld motiviert. So auch in meinem Fall. Bei mir war es eine Todeserfahrung im engeren Freundeskreis. Ich wurde plötzlich in das Sterben eines mir nahestehenden Menschen mit einbezogen. Während dieses Prozesses habe ich gemerkt, dass ich mich mit dem Tod und meiner Trauer auseinandersetzen will und muss. Aufgrund dieser Erfahrung habe ich mich vor sechs Jahren entschieden, mich in der Hospizgruppe Langen ehrenamtlich zu engagieren und zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden zu lassen.

Was hat es mit der Hospizgruppe Langen auf sich?

Das werde ich häufiger gefragt. Viele fragen mich dann, wo es denn in Langen überhaupt ein Hospiz gibt? Die Antwort darauf lautet: Es gibt keins. Wir sind eine ambulante Hospizgruppe. Das bedeutet, die Sterbenden kommen nicht zu uns, wir kommen zu den Sterbenden und ihren Angehörigen. Die Gruppe ist im Mai 1997 gegründet worden – als Regionalgruppe der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand. Derzeit hat sie in Langen 95 Mitglieder, davon sind 20 aktiv – 17 als Sterbe- und vier als Trauerbegleiter. Gerade den zweiten Bereich möchten wir ausbauen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Sterbe- und einem Trauerbegleiter?

Verkürzt gesagt, ist es so, dass ein Sterbebegleiter bis zum Tod zum Einsatz kommt. Hier werden sowohl der Sterbende als auch seine Angehörigen betreut, manchmal gemeinsam, manchmal getrennt voneinander. Ein Schwerpunkt hierbei ist der Abschied. In der Regel ist das die kurze Begleitung, weil wir oftmals erst dann hinzu gerufen werden, wenn der Tod bald oder unmittelbar bevorsteht. Für den Trauerbegleiter beginnt die Arbeit erst nach dem Sterben. Im Mittelpunkt stehen die Angehörigen mit ihrem Verlust. Wenn möglich, versuchen wir, Sterbe- und Trauerbegleitung zu trennen, weil diese zwar im ersten Moment ähnlich anmuten, aber eben doch unterschiedliche Wege einschlagen, andere Zielsetzungen haben und andere Qualifizierungen brauchen.

Welche Hilfe können die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hospizgruppe bieten?

Wir stehen den Menschen begleitend zur Seite, zu Hause, im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen. Wir sind verlässliche Ansprechpartner in Zeiten der Angst, Unsicherheit und Trauer. Wir hören zu und wir bringen Zeit für Gespräche mit. Wir informieren über Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten. Wir versuchen, Angehörige temporär zu entlasten. Und wir arbeiten selbstverständlich ehrenamtlich, kostenlos und verschwiegen. Wichtig ist aber: Wir können niemandem die Familie ersetzen und wir sind auch kein Pflegepersonal. Etwas anderes zu behaupten, wäre unseriös und unprofessionell.

Die Mitglieder arbeiten in der Hospizgruppe ausschließlich ehrenamtlich?

Ja. Im Gegensatz zu vergleichbaren Gruppen wie zum Beispiel den Johannitern, die hauptamtlich bezahlte Kräfte im Einsatz haben. Wichtig ist uns allerdings, dass wir die gleiche Qualifikation haben. Christel Grimm, unsere Vorsitzende, und Corinna Bohr, unsere Koordinatorin, haben zudem beide eine Palliativ-Care-Ausbildung und sind somit auch im Bereich der Schmerztherapie kompetent.

Was tun Sie gegen die Gefahr, dass Sie als Sterbe- beziehungsweise Trauerbegleiter die Eindrücke von Tod und Trauer mit in den eigenen Alltag nehmen?

Mir hilft es, mir klarzumachen, dass ich  meine Arbeit freiwillig mache. Ich muss das Sterben und den Kummer nicht aushalten, aber ich darf und ich kann es aushalten. Wenn wir einen Begleiter zu einer Familie schicken, dann immer jemanden, der sich sowohl körperlich als auch geistig absolut fit fühlt. Und noch etwas ist mir bei diesem Aspekt wichtig.

Und das wäre?

Es wäre falsch zu glauben, dass wir nur Trauriges verarbeiten müssen. Wir erfahren so viel Dankbarkeit und Vertrauen von den Betroffenen. Und diese Erfahrung ist etwas sehr Wertvolles und ungemein Erfüllendes. Und sie hilft bei der Verarbeitung des Ganzen ebenso wie die Supervision, die wir regelmäßig in Anspruch nehmen, wenn wir im Einsatz sind.

Wer kann bei Ihnen als Sterbe- bzw. Trauerbegleiter mitarbeiten? Und welche Voraussetzungen müssen Interessierte mitbringen?

Jeder, der sich für dieses Ehrenamt interessiert, kann sich bei unserer Koordinatorin Corinna Bohr unter der Telefonnummer 0172/9 58 58 53 melden. Im Kennenlerngespräch wird herausgefunden, ob der oder diejenige geeignet ist, eine Ausbildung zum Sterbe- oder Trauerbegleiter zu beginnen. Diese Ausbildung dauert zirka vier 4 Wochenenden plus 60 Stunden Praktikum. Wichtig ist uns, dass bei den Interessierten Einfühlungsvermögen vorhanden ist, dass sie sich persönlich zurücknehmen können und teamfähig sind. Ihre innere Haltung ist entscheidend. Wer wie wir glaubt, dass kein Mensch im Sterben und in der Trauer allein sein muss, den würden wir als Hospizgruppe gerne kennenlernen.

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