Art People in Langen:

Die Kamera ist ihr Pinsel

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Brigitte Grausam-Tynan hat die Kamera fast immer im Gepäck. Allerdings geht die Künstlerin nicht mit dem Vorsatz vor die Tür, zu fotografieren. „Das passiert ganz einfach.“

Langen - Sie nennen sich „bunter Haufen“ und bilden eine dynamische Künstlergruppe, die das Stadtbild auf vielfache Weise geprägt hat und weiterhin prägt. Von Sina Beck 

In einer kleinen Serie stellen wir die Mitglieder der 2016 mit dem kulturellen Förderpreis der Stadt ausgezeichneten Art People vor. Heute an der Reihe: Brigitte Grausam-Tynan. Die Kamera ist ihr Pinsel, die Natur ihr Farbtopf und die ganze Welt ihre Inspiration: Mit offenen Augen geht Brigitte Grausam-Tynan durchs Leben, denn jederzeit und überall kann sie Motive entdecken, die sie förmlich zum Fotografieren einladen. Achtsamkeit statt Automatismus, so lautet die Devise des Art-People-Gründungsmitglieds, die auch und gerade im Umgang mit der Kamera gilt. Automatik-Funktion? Nein, danke!

Es ist die Freiheit der Technik, die Grausam-Tynan an der manuellen Bedienung ihrer Kamera schätzt. Formen und Farben, Licht und Schatten lässt sie in ihren Aufnahmen miteinander tanzen und sich zu einem verwaschenen Abbild der Realität vereinigen. Wo sie vor 30 Jahren noch in mühevoller Arbeit mit Überblendungen gearbeitet hat, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, macht es ihr die Technik heute viel leichter.

Welche Fortschritte sich über Jahrzehnte entwickelt haben, weiß die Künstlerin sehr wohl. Sie hat als Jugendliche noch die analoge Fotografie erlernt, konnte im Fotolabor am Gymnasium experimentieren und erinnert sich noch genau, wie aufwendig damals die Bildbearbeitung war: „Da musste ich noch die Dias einscannen, um sie zu bearbeiten. Und der Druck eines DIN-A4-Blattes dauerte vier Stunden.“

Bevor die gebürtige Rumänin mit zwölf Jahren ihre erste Kamera bekam, waren Buntstifte ihr Lieblingsspielzeug. Doch da gab es ein Problem: „Ich habe Blumen abgemalt, aber die Stifte hatten einfach nicht den richtigen Farbton.“ So zeichnet Grausam-Tynan lieber mit Licht – ihre Motive findet sie überall: beim Ebbelwoi-Fest, bei Kunstausstellungen oder in Glasbläsereien. Allerdings geht die Künstlerin nicht mit dem Vorsatz vor die Tür, zu fotografieren. „Das passiert ganz einfach“, erzählt die 65-Jährige, die ihre Kamera fast immer im Gepäck hat.

„Ganz einfach“ entdeckt Grausam-Tynan ihre Fotomotive aber nur, weil sie von Kindesbeinen an gelernt hat, ihr Umfeld bewusst wahrzunehmen. „Ich habe meinen Eltern viel zu verdanken. Von ihnen habe ich gelernt, richtig hinzugucken, zu beobachten und achtsam zu sein.“ Ein weiterer Grundstein für ihr Kunstverständnis wurde während des Architekturstudiums in Rumänien gelegt. Obwohl sie seinerzeit nicht fotografierte, wurde sie für ihre heutige Arbeit nachhaltig geprägt: „In der Kunstgruppe von Professor Stefan Bertalan haben wir viel diskutiert und experimentiert. Er hat mich extrem gefordert und gefördert“, ist Grausam-Tynan ihrem damaligen Lehrer bis heute dankbar.

Dennoch dauerte die Pause hinter der Kamera an. Im langen Prozess der Familienzusammenführung kam die Banater-Schwäbin 1984 nach Deutschland, wo es sie direkt nach Langen in die Nähe ihres jüngeren Bruders verschlagen hat. Zwei Jahre später lernte sie ihren Mann Gareth, bekanntermaßen selbst leidenschaftlicher Fotograf, kennen. Aber: „Es war noch nicht die Zeit, wieder zu fotografieren.“ Die Künstlerin war mit der Arbeit im Architekturbüro in Frankfurt beschäftigt. Doch über die Jahre haben sich viele Ideen in ihrem Kopf gesammelt, die schließlich heraus wollten. 1997 griff sie endlich wieder zur Kamera.

Eine goldrichtige Entscheidung: Seit der Gründung der Art People – die Begegnung mit Initiator Richard Williams war ein weiteres einschneidendes Erlebnis – wird die Liste ihrer Ausstellungen immer länger. Dabei beschränkt sich Grausam-Tynan nicht ausschließlich auf die Fotografie, sondern drückt sich und ihre Gedanken auch durch gesellschaftskritische Aktionskunst aus. Ein Projekt, das sie weiterhin verfolgt, befasst sich mit den Neuen Medien als Kommunikationsmittel. „Es ist wichtig, Kindern und Jugendlichen bewusst zu machen, wie viel Zeit sie dort vergeuden, ohne richtig miteinander zu reden“, findet Grausam-Tynan.

Ihr selbst macht es Freude, sich mit Menschen zu umgeben und zu kommunizieren, weshalb ihr auch die derzeitige Arbeit im Kaufhaus Braun Spaß macht. Aber sie befindet sich „auf den letzten 100 Metern“, denn am 1. September geht sie in Rente. Dann ist mehr Zeit, mit ihrem Mann der gemeinsamen Leidenschaft zu frönen. „Alle meine Zukunftspläne haben mit Kunst zu tun.“

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