Randaliert und Polizei attackiert

Urteil: Filmriss kommt teuer zu stehen

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Langen - Wer sturzbetrunken nachts um drei in der Notaufnahme der Asklepios Klinik randaliert, dabei Polizisten attackiert, bespuckt und aufs Übelste beschimpft, der findet sich vor dem Amtsrichter wieder. Von Holger Borchard

So geschehen einem 23-Jährigen Langener, der mittlerweile in Dreieich lebt. Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung verurteilte Richter Volker Horn den Lagerarbeiter mit italienischen Wurzeln zu einer Geldstrafe von 85 Tagessätzen à 25 Euro plus Verfahrenskosten.

Die Beweisaufnahme zu den Ereignissen in der Klinik vom März 2012 zeichnet das „klassische“ Bild, das Polizisten und Mediziner leider allzu oft erleben: Wenn Alkohol im Spiel ist, gehen alle Lichter aus, allein das Aggressivitäts-Programm läuft auf vollen Touren weiter.

Er habe mit Freunden in einem Club gefeiert, schildert der Angeklagte. „Dabei habe ich viel Alkohol getrunken, Bier und Härteres, alles durcheinander – und irgendwann bin ich in der Klinik aufgewacht.“ Dass er getobt, Freund und Feind mit Händen und Füßen attackiert und beleidigt haben solle, dazu könne er nichts sagen. Er habe einen Filmriss gehabt.

Pegel von 2,2 Promille

Eine Version, die die kurz nach der gewaltsamen Ruhigstellung des Randalierers entnommene Blutprobe durchaus stützt: Sie ergab einen Pegel von 2,2 Promille. Zudem beschreibt das Gutachten den Behandelten als aggressiv und unkooperativ.

Umso mehr Gewicht haben die Aussagen zweier am nächtlichen Einsatz beteiligter Polizisten: „Wir bekamen einen Notruf von der Klinik, der abrupt abbrach, sodass sofort drei Streifen hinfuhren. Vor Ort haben wir einen jungen Mann vorgefunden, der wild um sich trat und schlug und offenbar schon einem seiner zwei Begleiter die Nase gebrochen hatte“, schildert ein Beamter. Selbst die Fixierung mittels Handfesseln an einem Bett habe den Randalierer nur kurz ruhig gestellt. „Er riss sich wieder los, trat gezielt nach unseren Oberkörpern und Köpfen, spuckte mir auf die Jacke und warf uns an Beschimpfungen an den Kopf, was ihm einfiel“, erzählt der zweite Kollege. „Arschlöcher“ und „Bullenschweine“ sei noch das Zitierfähigste.

Das Ende des Tumults: Drei gezielte Kinnhaken, die dem Angeklagten den schmalen Rest seines Bewusstseins nahmen. So weit die Aufarbeitung – in der Bewertung der Ereignisse gibt es insofern keine zwei Meinungen. „Am Tathergang ist nicht rütteln“, bekennt der Verteidiger. Zugunsten seines Mandaten führt er ins Feld, dass jener nie kriminell in Erscheinung getreten sei, dem Alkohol abgeschworen habe, mittlerweile in fester Beziehung lebe.

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Gegen den Angeklagten freilich spricht, dass er mit juristischem „Rucksack“ zur Verhandlung angetreten ist: Das Amtsgericht Ludwigsburg hat den Dreieicher vor einigen Monaten wegen eines alkoholbedingten Ausrasters jüngeren Datums unter identischer Anklage zur Zahlung von 65 Tagessätzen à 25 Euro verdonnert.

Den Urteilsspruch aus Baden-Württemberg berücksichtigend, hat Volker Horn nun ein Gesamt-Strafmaß zu bilden; die Staatsanwältin plädiert auf eine Geldstrafe von 110 Tagessätzen à 25 Euro. Als Wiederholungstäter darf der 23-Jährige zunächst einmal froh sein, dass Anklage und Richter eine Freiheitsstrafe gar nicht erst in Erwägung ziehen. Letztlich verhängt Horn das eingangs genannte Strafmaß, das so moderat ausfällt, dass es nicht zu einem Eintrag ins sogenannte Führungszeugnis führt. „Das geschieht erst ab mehr als 90 Tagessätzen“, wird Horn im Anschluss Achtklässlern des Dreieich-Gymnasiums erläutern, die die Verhandlung im Rahmen ihres PoWi-Unterrichts (Politik und Wirtschaft) miterlebt haben.

Den Angeklagten hat der Richter zuvor mit einer unmissverständlichen Botschaft entlassen: „Halten Sie sich von Alkohol fern oder trinken Sie so, dass Sie es im Griff haben. Sehen wir uns unter gleichen Vorzeichen wieder, erwartet Sie ein deutlich höheres Strafmaß.“

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