Gericht verurteilt Langener

Wenn Alkohol das Hirn vernebelte ...

Langen - Gefängnis bedeutet nicht nur Abschreckung, Strafe und erzieherische Maßnahme. Manchmal kann das Wegsperren sogar Leben retten – weil der Häftling so vor sich selbst geschützt wird. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Matthias U. (Name von der Redaktion geändert) aus Langen ist so ein seltener Fall. Der 20-Jährige wurde nun vom Darmstädter Amtsrichter Dennis Wacker wegen gefährlicher und versuchter gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt. Zudem ordnete der Richter Unterbringung in einer Entziehungsklinik an – denn, wie gleich mehrfach vor dem Jugendschöffengericht zu hören war: „U. ist nicht kriminell, sondern krank.“

Soll heißen: Hätte der junge Mann nicht jeweils um die drei Promille Alkohol im Blut gehabt, als er voriges Jahr zwei Straftaten beging, säße er womöglich nicht auf der Anklagebank. „Alkohol zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben“, so die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. „Schon mit zwölf Jahren hatte er den ersten Kontakt, mit 14 trank er regelmäßig.“ Es folgten Einweisungen in die Kinderpsychiatrie, Schulabbruch, vorzeitig beendete Therapien und zahllose Entgiftungen, nach denen er bereits im Krankenhaus wieder die nächste Flasche leerte. Parallel dazu konsumierte U. ab dem 16. Lebensjahr Drogen wie Speed, Kokain und Ecstasy. Bestürzende Zwischenbilanz: Leberschaden, Zahnausfall, rapider Gewichtsverlust. Das Fazit des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Lothar Staud: „Wenn Sie so weitermachen, erreichen Sie das Rentenalter nicht.“ Eine Langzeittherapie sei die einzige Chance.

U. räumt vor Gericht alle Straftaten ein

Die Straftaten räumt U. vor Gericht in vollem Umfang ein. Untermauert durch vier Zeugenaussagen gilt Folgendes als gesichert: Im Januar 2012 hat U. bei Saufkumpan D. die Nacht durchzecht. Irgendwann gegen Mittag will der 53-Jährige, dass U. endlich verschwindet, was dieser aber nicht einsieht. Es kommt zum Streit, U. rastet aus, holt fünf Steakmesser aus der Küche, wirft sie in Richtung des Älteren und rammt diesem schließlich eine elf Zentimeter lange Klinge bis auf den Knochen in den Oberschenkel. Trotz „erheblich eingeschränkter Steuerungsfähigkeit“ realisiert der junge Mann sofort, was er angerichtet hat, sucht Tücher für einen Druckverband und ruft den Rettungsdienst. Diese rationelle Handlungskette ist für den Sachverständigen Beweis genug, verminderte Schuldfähigkeit auszuschließen.

Ähnlich verläuft die zweite Tat im Februar: An diesem Tag wird der vorbestrafte U. am Landgericht wegen Raub und Körperverletzung zu 15 Monaten Jugendstrafe verurteilt. Zur Beruhigung gönnt er sich in der Verhandlungspause schon mal drei Tequila. Nach dem Urteil weiß er, dass er nicht sofort zur Haft antreten muss und will darauf erstmal mit seiner Schwester (14) anstoßen. Er deckt sich mit Wein ein und sucht die elterliche Wohnung in Langen auf. Der Bitte des Mädchens, die Wohnung nach einer Weile wieder zu verlassen, leistet U. nicht Folge, sondern schläft im Badezimmer ein. Als die Schwester ihm schließlich zum Aufwecken eine Backpfeife gibt, rastet U. erneut aus. Wieder holt er Messer aus der Küche und geht damit unter Drohungen auf die Schwester und deren Freund los. Den beiden gelingt es, ins Kinderzimmer zu flüchten, die Tür zuzuhalten und die Polizei zu verständigen. Rasend vor Wut sticht U 22-mal mit verschiedenen Messern auf die Tür ein. Kleine Klingen brechen ab oder verbiegen, ein großes Messer durchdringt das Holz. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass der dagegen drückende Freund, nicht getroffen wird.

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