Alternativer Stadtrundgang zu Langen in der Nazizeit

Schicksale aus der Nachbarschaft

Vor dem Alten Rathaus beginnt der Rundgang, Rainer Elsinger spricht hier über den Sturz des Bürgermeisters.
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Vor dem Alten Rathaus beginnt der Rundgang, Rainer Elsinger spricht hier über den Sturz des Bürgermeisters.

Noch heute erinnern 87 Stolpersteine und einige Gedenktafeln in Langen an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten im „Dritten Reich“. Auch hier blieben Andersdenkende von Diskriminierung, Verfolgung und Misshandlung nicht verschont. Das Antifaschistische Aktionsbündnis erinnerte am Wochenende bei seinem alternativen Stadtrundgang an die Orte und Geschichten der hiesigen Opfer, aber auch der Täter, von 1933 bis 1945.

Langen – Der Rundgang beginnt am Alten Rathaus, wo Bündnis-Mitglied Rainer Elsinger vom Sturz des Bürgermeisters Georg Zimmer (SPD) am 8. April 1933 und der Machtübernahme durch den SA-Mann Heinrich Göckel berichtet. Jener fungiert bis zum Jahr 1945 als Bürgermeister. „Wir haben dafür gekämpft, dass an dieser Stelle eine Gedenktafel errichtet wird. Bereits 1983 haben wir eine aufgehängt, die jedoch nach einer Woche schon wieder abgerissen war. 1992 wurde nun die Tafel in ihrer heutigen Form installiert“, beschreibt Elsinger die Anfangszeiten der Stolpersteingruppe.

Einige Straßen weiter, im Schulgässchen, stand das „Rote Eck“ – eine Wohnstätte von vielen Oppositionellen. Rosi Steffens weiß, dass es dort oft Razzien gegeben hat, da aus dem Haus regimekritische Flugblätter verbreitet werden. Direkt gegenüber befindet sich damals das Haus der jüdischen Familie Morgenstern. „Vater Isaak lebte hier mit seiner Frau Cilli und den beiden Töchtern Erna Sophie und Hilde Berta. Wie die meisten Juden in Langen waren auch sie sehr gebildet und nicht arm“, skizziert Steffens und erzählt, dass die Familie nach mehreren Verhaftungen im Anschluss an die Reichspogromnacht 1938 nach Frankfurt flieht, aber dort nicht sicher ist. Vier Jahre später werden Isaak Morgenstern ins Konzentrationslager nach Auschwitz, Cilli und Erna Sophie nach Theresienstadt deportiert. Nur Tochter Hilde Berta kann in die USA fliehen und überlebt.

Der weitere Weg führt die gut 15 Teilnehmer mit Maske und Abstand durch die Altstadt zur Wassergasse. „In den Kneipen hat sich damals das Leben abgespielt“, beschreibt Herbert Walter von der Stolpersteingruppe. In der Stube „Zum Adler“ treffen sich damals die Linken, gegenüber war die Gaststätte „Zum Schwan“, der Treffpunkt der Rechten. Später wird aus dieser das „Braune Haus“ – die Parteizentrale der Langener Ortsgruppe der NSDAP. In der Hügelstraße führt der Rundgang am Stolperstein von Susanne Schmidt vorbei. Sie ist eines der Euthanasieopfer. „Im Rahmen der ‚Rassenhygiene‘ wurden Menschen, die nach Meinung der Nationalsozialisten vererbbare Krankheiten oder Behinderungen hatten, zur Sterilisation verurteilt. Später ermordete man die Menschen als Versuchsprogramm für die Massentötungen im Osten auch in Gaskammern“, erzählt Walter. Susanne Schmidt wird in einer solchen „Heilanstalt“ Opfer der „Wilden Euthanasie“ und verhungert. Zehn Langener werden durch das Euthanasie-Programm der Nazis getötet.

Direkt gegenüber: Links befand sich früher die Gaststätte Zum Schwan (später Braunes Haus), rechts die Gaststätte „Zum Adler“, wie Herbert Walter den Teilnehmern erklärt.

Ein Beispiel für eine Flucht aus Langen bietet die Familie Wolf. Die Brüder betreiben hier eine Seifenfabrik und verkaufen ihre Produkte im ganzen Land. Friedrich Wolf flieht zunächst alleine in die USA, um 1939 seine Familie nachzuholen – sie überleben. Sein Bruder Semy hat weniger Glück: Er flieht alleine nach Kolumbien, seine Familie schafft es jedoch nicht, weshalb nur er und seine Tochter Doris, die nach England flieht, überleben.

Aufseiten der Täter erzählen die Historiker des Antifaschistischen Aktionsbündnisses die Geschichte von August Beck, dem Gründer der NSDAP-Ortsgruppe Langen im Jahr 1933. „Beck war im selben Jahr kurzzeitig Bürgermeister von Egelsbach. Als bekannt wird, dass er günstige Geschäfte mit Juden gemacht hat, verliert er dieses Amt. Anschließend macht er noch Station als Bürgermeister in Zeppelinheim“, weiß Rosi Steffens. Später fliegt aber auf, dass er sich an der Langener Parteikasse bedient hatte, er wird vor ein Parteigericht gestellt und verliert seine Parteiämter. Nach Ende des Krieges verschwindet Beck dann spurlos.

„Alles, was an NS-Verbrechen in Deutschland passiert ist, gab es auch in Langen“, resümiert Elsinger. Die Nationalsozialisten haben – dokumentiert – 81 Juden und vier politisch Gefangene aus Langen ermordet.

Von Moritz Kegler

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