Vorsitzende der Langener Tafel

„Sie sind da und sie haben Hunger“

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Friedelgaard Pietsch hat den Langener Tafelverein vor 14 Jahren mit ihrem Mann gegründet und ist heute dessen Vorsitzende. Nach ihren Schätzungen machen Flüchtlinge derzeit rund 60 Prozent der hiesigen Tafel-Kundschaft aus.

Langen - Die Entscheidung der Essener Tafel, künftig nur noch Lebensmittel an Deutsche auszugeben, hat bundesweit für Furore gesagt. Auch die Langener Tafel versorgt zu einem Großteil Flüchtlinge.

Friedelgaard Pietsch, die Vorsitzende des Tafelvereins, kann die Restriktion an der Essenausgabe nicht nachvollziehen. Mit Redakteurin Julia Radgen sprach die 73-Jährige über die Diskussion um die Essener Entscheidung und die Situation in Langen.

Frau Pietsch, wie haben Sie auf die Nachricht zur Essener Tafel reagiert?

Als ich das gelesen habe, konnte ich es mir nur so erklären: Es ist generell ein schwieriges Viertel in Essen, mit den Ärmsten der Armen. Und wenn dann noch Flüchtlinge hinzukommen, gibt es einfach böses Blut.

Heißt das, dass sie die Entscheidung des Essener Tafelbetreibers nachvollziehen können?

Nein, ich kann sie nicht nachvollziehen. Weil wir nie einen Unterschied zwischen Deutschen und Flüchtlingen gemacht haben und wir möchten diesen Unterschied auch nicht machen. Ich weiß, dass es dort schwierig ist, aber ich würde mich trotzdem nicht so entscheiden. Sie sind da und sie haben Hunger! Ich verstehe, dass die Essener Tafel es vielleicht schwerer als wir hat, aber ich kann die Entscheidung trotzdem nicht nachvollziehen.

Was halten Sie davon, dass die Politik sich einmischt und selbst die Kanzlerin das Geschehen kommentiert?

Das klingt jetzt vielleicht paradox, aber uns sollte es eigentlich gar nicht geben. Das ist die Grundüberlegung und deswegen wäre ich als Politiker ganz still. Dass es immer noch so ist, dass sich Menschen, die Hartz IV oder Arbeitslosengeld beziehen, auf die Tafel verlassen müssen, ist eigentlich ein Unding.

Sie meinen, weil die Tafel für viele eine Dauereinrichtung, geworden ist, die sie nicht sein sollte – weil sie als kurzfristige Hilfe gedacht ist?

Ganz genau. Was mich immer wieder antreibt, ist, dass wir Lebensmittel „retten“. Dass wir das, was sonst im Müll landen würde, wirklich an Bedürftige verteilen können. Das ist unser Motor. Wir sehen, wie wenig die Menschen haben, die zu uns kommen. Wenn eine alte Dame, die ihr Leben lang gearbeitet hat, nur 475,80 Euro im Monat hat. Oder Rentner, die ihr Leben lang nichts von einer Institution angenommen haben und nun nicht zum Sozialamt „betteln“ gehen wollen. Dann ist es schon ein Wunder, dass diese Leute zu uns kommen.

Wie funktioniert das Verteilsystem der Langener Tafel?

Wir haben ein Losverfahren: Die Leute kommen nicht früher dran, wenn sie schon ganz früh da sind. Jeder hat die Chance, mal die eins oder die fünf zu ziehen, aber wenn er Pech hat, hat er auch die 40. Daran haben sich alle zu halten. Dann werden die Nummern immer portionsweise aufgerufen und jeweils fünf bis zehn Leute gehen an die Ausgabe. Es läuft diszipliniert ab. Da ist keiner dabei, der sagt: „Ich war der Erste und ganz früh da, ich will zuerst drankommen.“ Diese Konfrontation gibt es überhaupt nicht. Es ist einfach eine Gerechtigkeit dahinter.

Das Milliardengeschäft mit dem menschlichen Leid

Gab es schon mal Probleme wie aggressives Verhalten?

Manche wollen schon immer mehr Lebensmittel und werden dann richtig böse. Das haben wir auf beiden Seiten, bei Deutschen und Flüchtlingen, schon erlebt – selbst bei unseren alten Damen. Wenn sich jemand total daneben benimmt oder unsere Mitarbeiter bedrängt, muss er gehen. Ob Deutscher oder Flüchtling – das interessiert uns überhaupt nicht. Wenn jemand aggressiv wird, ist einer von uns vom Vorstand in der Nähe und sagt dann „Das war’s für heute!“.

Wie oft kommt das vor?

Ach, ganz selten! Ich bin immer wieder begeistert, wie gut es bei uns läuft.

Welche Personen kommen zur Langener Tafel?

Wir haben Alleinerziehende, Rentner, Menschen im mittleren Alter, die ihren Job verloren haben und dann keinen Einstieg mehr gefunden haben, und dann natürlich unsere Flüchtlinge.

Wie hoch ist denn der Anteil an Flüchtlingen?

Ich würde sagen, aktuell sind 60 Prozent unserer Besucher Flüchtlinge.

Was sind dabei die Herausforderungen?

Wir würden manches gerne besser erklären können. Warum die Tafel beispielsweise an Ostern geschlossen ist. Das ist manchmal mühsam, sich zurechtzufinden. Man muss immer alles übersetzen. Wenn Menschen neu zu uns kommen, versuchen wir aufzuklären, was nötig ist: Sie müssen ihre Unterlagen mitbringen, aus denen ihre Bedürftigkeit hervorgeht.

Können nur Flüchtlinge zur Tafel, die eine Duldung haben oder ist das ganz egal?

Es ist egal, welchen Status sie haben, aber wir möchten eine Unterlage sehen, die die Bedürftigkeit nachweist. Wir haben zum Beispiel momentan eine Familie, die alles verloren hat, die überhaupt keine Sozialhilfe bekommt. Natürlich kriegen die Lebensmittel, da braucht man gar nicht drüber reden. Zu uns darf jeder kommen, egal mit welchem Status – Sie kriegen von uns die Lebensmittel!

Hat sich die Klientel in den vergangenen Jahren verändert?

Es sind insgesamt sehr viel mehr Menschen geworden. Und manche kommen schon seit Jahren zu uns. Ich habe aber auch bei jüngeren Leuten immer wieder erleben dürfen, dass sie plötzlich nicht mehr kamen. Dann hat sich herausgestellt, sie haben einen Job gefunden. Das ist wirklich schön. Aber es kommen auch stets neue hinzu.

Zahl der Asylsuchenden weiter zurückgegangen

Kommen Sie nun langsam an Ihre Kapazitätsgrenze?

Nein. 2015, nach der Entscheidung von Frau Merkel [die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, Anm. d. Red.], sind wir überrollt worden. Da mussten wir die Bremse ziehen, aber das hat sich jetzt eingespielt. Jetzt können wir wirklich nicht sagen, wir sind an unserer Grenze angekommen. Dadurch, dass wir vier Tage die Woche geöffnet haben, verteilt sich das gut. Die Menge der Lebensmittel schwankt natürlich, aber man wird clever: Montags bekommen wir viel nach dem Wochenende und legen etwas beiseite für den Dienstag. Zum Wochenende zittere ich manchmal ein bisschen, aber dann kommen haltbare Lebensmittel vermehrt zum Einsatz. Leer geht bei uns keiner aus! Im Gegenteil, wir machen eine zweite Runde mit Essen, das nicht bis zum nächsten Tag haltbar ist. Da stehen dann noch mal zehn bis 20 Leute an.

Was würden Sie sich für die Zukunft der Tafel wünschen?

Gut fände ich, wenn die Situation in Essen jetzt eine Grundsatzdiskussion unter den Parteien hervorrufen würde. Nach dem Motto „Mensch, so darf das nicht weitergehen. Da müssen Lösungen her!“ Das ist für mich ein Moment, in dem man darüber nachdenkt, Hartz IV zu erhöhen, von den Renten mag ich gar nicht reden. Ich weiß, dass das alles illusorisch ist, aber wenn solche Diskussionen jetzt angeheizt würden, fände ich das toll.

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