Tod einer Grundschullehrerin lässt Richter fassungslos zurück

„Spontan“ die schlafende Ehefrau ermordet

+
Eine 39-jährige Frau war Anfang April in ihrem Haus an der Frankfurter Straße tot aufgefunden worden.

Langen/Darmstadt - Mit einem Geständnis hat heute vor dem Darmstädter Schwurgericht der Mordprozess gegen den 47-Jährigen begonnen, der am 5. April in der Frankfurter Straße seine 39-jährige Ehefrau getötet hatte. Das Motiv blieb allerdings unklar. Der erfahrene Richter zeigte sich fassungslos. Von Silke Gelhausen

Die Tat wenige Tage nach Ostern sorgt in Langen für Entsetzen: Der ehemalige Krankenpfleger erwürgt seine auf dem Sofa schlafende Frau, dann trägt er die 39-jährige Lehrerin ins Bett und deckt sie zu. Bevor er sich mit vollkommen sachlichen und nüchternen Worten bei der Langener Polizei stellt, räumt er noch das Wohnzimmer auf. Die beiden pubertierenden Kinder sollen nicht sofort merken, dass etwas nicht stimmt. Jetzt muss sich der bis dato unbescholtene Familienvater wegen Mordes vor dem Landgericht Darmstadt verantworten.

Kein Streit, kein Eifersuchtsdrama gehen der grausamen Tat voraus. Psychische Probleme, Drogen- oder Alkoholmissbrauch sind unbekannt, die Familie gilt als harmonisch, ausgeglichen, mittelständisch. Bis auf ein paar finanzielle Sorgen scheint alles in bester Ordnung. Diese Sorgen macht der Angeklagte nun in seiner ausführlichen Aussage für die Tat verantwortlich. Aber bringt man deswegen seine Ehefrau um, die zudem den Mammutanteil des Familieneinkommens nach Hause trägt?

Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Volker Wagner, der schon viele bizarre Tötungsdelikte auf dem Arbeitstisch hatte, steht vor einem Rätsel: „Es ist überhaupt nicht zu verstehen, warum Sie Ihre Frau töteten!“ Immer wieder bohrt er nach, will tiefer eindringen in die Geheimnisse des seltsamen Mannes. Und bekommt doch keine zufriedenstellende Antwort.

„Ich bin an dem Morgen nass geschwitzt und hyperventilierend mit Bluthochdruck aufgewacht“, so der Krankenpfleger, „Ich war voller Sorgen wegen unserer Finanzen. Ich hab den Hund im Schlafzimmer eingesperrt und bin zu meiner schlafenden Frau ins Wohnzimmer gegangen. Dann hab ich dort und in der Küche Monologe geführt – das alles so schrecklich ist.“ Nachdem er fünf Minuten vor dem Sofa stand, habe er ihr das Kissen aufs Gesicht gelegt. „Sie wurde wach, strampelte und schlug um sich, da hab ich das Kissen noch fester gedrückt und sie mit einer Hand gewürgt. Dann ist sie vom Sofa gerutscht“, erklärt der Langener.

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

„Warum schlief Ihre Frau im Wohnzimmer, wo Ihre Ehe doch so harmonisch war?“, will Wagner wissen. Die Antwort scheint plausibel: „Sie arbeitete dort oft bis spät in die Nacht, deshalb blieb sie dann gleich dort.“ Auch mit der naheliegenden Frage nach einem eventuell geplanten erweiterten Suizid beißt der Richter auf Granit: „Nein, da war nichts geplant. Die Tat war spontan.“ Dann der Versuch einer Erklärung des 47-Jährigen: „Ich weiß nicht, was mich ferngesteuert hat. Das bin nicht ich. Ich verstehe es selber nicht.“ Und er fängt an zu weinen.

Lesen Sie dazu auch:

Tod einer Grundschullehrerin: Geldsorgen als Mordmotiv?

Familiendrama: Ehemann gesteht Tötung seiner Frau

39-jährige Frau leblos in Wohnung gefunden

Aus seiner Lebensgeschichte könnte man deuten, dass sich der Deutsch-Bosnier im Lauf der Jahre immer mehr als Verlierer fühlte. Beide Eheleute machten Abitur und erlernten den Beruf des Krankenpflegers. Beide wollten gern studieren. Während die aus einer alteingesessenen Langener Familie stammende Getötete sich ihren Wunsch trotz zweier kleiner Kinder nach der Ausbildung erfüllte und Lehrerin wurde, blieb ihr Mann auf der Strecke: Sein Abi wurde in Deutschland 1990 nicht anerkannt. Dann ein weiterer Tiefschlag: 2014 konnte er wegen Herz-Kreislauf- und Rückenproblemen seinen Schichtdienst nicht mehr stemmen, wechselte vom Krankenhaus in eine städtische Einrichtung mit einer Dreiviertelstelle. Anfang 2018 ging auch das nicht mehr, der Familienvater meldete sich arbeitslos. Trotz der üblichen dreimonatigen Geldsperre war die Arbeitsagentur auf seiner Seite: Sie bewilligte eine Umschulung zum Baubiologen, die im Frühsommer begonnen hätte. Währenddessen ging seine Frau an der Wallschule voll in ihrem Beruf auf, war bei Kindern und Eltern gleichermaßen beliebt. Der Angeklagte räumt mit naheliegenden Gedanken sofort auf: „Ich habe meine Frau bei ihren Plänen immer voll unterstützt.“ Dazu Wagner: „Das sagen Sie für mein Empfinden zu oft!“ Bleibt abzuwarten, ob der psychiatrische Sachverständige Professor Hartmut Berger Licht ins Dunkel des Motivs bringen kann.

Für den Prozess sind mindestens sechs Verhandlungstage eingeplant.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion