Langsam kehrt wieder Leben ein

Stadtbücherei Langen: Noch längst nicht wie früher

Mit Maske, ohne Sessel: Wina Hensel und ihre Tochter Marlene sind trotzdem froh, dass sie nach dem langen Lockdown wieder in der Stadtbücherei nach Lesestoff stöbern können.
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Mit Maske, ohne Sessel: Wina Hensel und ihre Tochter Marlene sind trotzdem froh, dass sie nach dem langen Lockdown wieder in der Stadtbücherei nach Lesestoff stöbern können.

Nach dem langen Lockdown ist die Stadtbücherei Langen wieder für Besucher geöffnet, auch wenn es noch zahlreiche Einschränkungen gibt. Doch die Bibliothek hat sich in der Krise auch neu erfunden.

Langen – Zwischen den Bücherregalen der Kinderabteilung in der Stadtbücherei blättert die vierjährige Marlene mit ihrer Mutter im Bilderbuch „Traumschuhe für Lilian“. Beide sitzen auf dem Fußboden, keine Kissen oder Sessel laden zum Verweilen ein. Seit anderthalb Monaten hat die Bücherei nach dem Lockdown wieder ohne Terminbuchung geöffnet. Es ist etwas weniger los als früher und auch kein Spielzeug liegt herum.

„Letztes Mal waren wir wegen Weihnachtsgeschichten hier“, erinnert sich Wina Hensel. Früher kamen Mutter und Tochter alle zwei Wochen vorbei. Dann begann der Winter-Lockdown. „Ich war lange nicht hier“, sagt die kleine Marlene, die vor allem Geschichten vom Drachen Kokosnuss mag. Beide sind froh, wieder das Angebot der Bücherei nutzen zu können. „Ich mag alles in der Bücherei“, schwärmt Marlene.

Auch Thomas Mertin, Leiter der Stadtbücherei, ist überglücklich, dass er wieder Menschen in „seinen“ vier Wänden begrüßen kann. „Jetzt sind wir endlich wieder da“, sagt er und freut sich, dass das Angebot gut angenommen wird. „Die Menschen können endlich herkommen und die Bücher wieder persönlich aus dem Regal nehmen. Doch leider müssen wir den Büchereiaufenthalt noch zeitlich begrenzen“, so Mertin.

Er und sein Team schauen auf eine turbulente Zeit zurück: Lockdown im März 2020, Lockerungen im Sommer, Lockdown im Dezember mit „Click & Collect“, also der Abholung vorab im Internet ausgewählter Bücher am Hintereingang. Ab März dieses Jahres eine Ausleihe mit Terminvergabe. „Doch das war schwer in den Alltag vieler Menschen einzuplanen“, erinnert sich Mertin. Seit Juni stehen jedoch wieder die Türen für alle offen.

Noch lange ist nicht alles wie vor der Pandemie: Markierungen am Boden und Absperrungen leiten die Besucher durch die Bücherei, an der Ausleihe sind zum Schutz der Mitarbeiter Plexiglasscheiben aufgestellt. Ein Desinfektionsmittelständer wartet an prominenter Stelle und überall in den Räumen herrscht Maskenpflicht. Momentan dürfen nicht mehr als 30 Menschen gleichzeitig in die Bücherei hinein. In der Kinderabteilung wird darauf geachtet, dass nicht zu viel los ist. Es wird noch dauern, bis die Bücherei ihre alte Kapazität wieder ausschöpfen und als Lern- und Aufenthaltsort wieder genutzt werden darf.

Doch es gibt Lichtblicke: „Wir sind heilfroh, dass wir zwei Lese- und zwei Lernplätze anbieten können – die Nachfrage ist riesengroß“, so Mertin. Auch für beide Arbeits-PCs hat er vom Corona-Krisenstab der Stadtverwaltung eine Genehmigung erhalten. Ebenso dürfen geschlossene Kita- und Schulgruppen wieder eingeladen werden. „Das wird sehr gut angenommen. Innerhalb von vier Wochen hatten wir 13 Klassenführungen in der Stadtbücherei“, freut sich der Büchereichef.

Die Corona-Zeit war für die Stadtbücherei keine Phase des Stillstands, im Gegenteil. „Trotz neunwöchiger Schließung hatten wir nur einen leichten Rückgang der Ausleihen um neun Prozent, bei den Kinder- und Jugendbüchern nur 3,2 Prozent“, erklärt Mertin. Dafür habe aber die Ausleihe digitaler Inhalte beim Internetportal Onleihe Hessen geradezu geboomt. „Dort wurden 20 Prozent mehr Medien heruntergeladen als 2019“, sagt er. Vor allem wurden in dieser Zeit viele Weichen für die Zukunft gestellt. Das Team der Stadtbücherei hat den Einsatz eines elektronischen Selbstverbuchungssystems per Chiptechnologie vorbereitet. Bald werden die Lesefans ihre Lieblingsschmöker selbst elektronisch ausleihen können. Sie müssen dazu also nicht mehr unbedingt zum Ausleihschalter gehen.

Ein weiterer neuer Baustein ist das Onlineangebot mit selbst produzierten Videos. „Der Lockdown kam und wir hatten die Idee, unsere Veranstaltungsangebote auf Youtube zu stellen“, erinnert sich Allyson Obermeier. Sie ist bei der Bücherei für den Social-Media-Auftritt, die Onleihe und die Kundenbetreuung zuständig. Anfangs sei es gar nicht so einfach gewesen, eine Videoproduktion technisch umzusetzen, erinnert sie sich. Drehen, schneiden, vertonen, einen Social-Media-Kanal einrichten – all das war zu tun. Dennoch haben die Büchereiangestellten unter Volldampf losgelegt. Obermeier stellt in der Reihe „Buchclub“ für Kinder ab zehn Jahren neue Bücher vor und gibt Bastelanleitungen für den Nachwuchs. Es gab Kinderbuchlesungen von Büchern Langener Autorinnen und Autoren, für Erwachsene stellten die Mitglieder der Langener Schreibwerkstatt bislang neun ihrer Texte per Videoclip vor.

Inzwischen produziert Obermeier auch mehrsprachige Bildergeschichten für Kinder ab fünf Jahren, darunter „Marie und Koray und die seltsame Frau von gegenüber“ mit Büchereichef Thomas Mertin als Autor und der Auszubildenden Johanna Wagner als Illustratorin. Der Film ist in vier Fremdsprachen übersetzt worden, weitere Übersetzungen sind in Planung. „Das ist gar nicht so einfach, die fremdsprachigen Filme zu schneiden“, findet Allyson Obermeier. Die größte Resonanz hatte übrigens die von ihr moderierte Anleitung, wie man den E-Book-Reader „Tolino“ mit der Onleihe-Plattform nutzen kann. Das Video hat bis heute rund 15 000 Klicks, was zeigt, dass es nicht nur in Langen ein Renner ist. „Ich glaube, unser Kanal kommt sehr gut an“, sagt Büchereileiter Mertin. Gut 23 000 Aufrufe zählt er bisher insgesamt, eine Geschichte aus der Reihe Bilderbuchkino kam auf mehr als 1 000 Aufrufe. Trotzdem findet Mertin: „Es kommt nicht zum wichtigen direkten Austausch mit den Kindern. Rückfragen stellen ist nicht möglich. Für Kinder ist es das Nonplusultra, vor Ort zu sein und eine Bezugsperson zu haben.“

Auch Edelgard Kreft ist gerne wieder vor Ort. Sie hält ein Werk des japanischen Bestsellerautoren Haruki Murakami in den Händen und pausiert auf einem Sessel neben den Sachbuchregalen. Schon im Lockdown hat sie der Bücherei die Treue gehalten. „Ich habe Termine gemacht, mich an der Tür angestellt. Hat sehr gut funktioniert“, erzählt sie. Kreft schätzt die Bücherei, die sie als „hell und übersichtlich“ beschreibt. Sie freue sich stets auf die Auslage mit den Neuerscheinungen. Sie lebe nur einen Sprung von der Bücherei entfernt und komme aus praktischen Gründen: „Ich habe gerne Bücher in der Hand und möchte meine kleine Bibliothek nicht ausweiten.“ In der Stadtbücherei nutzt sie auch die Gelegenheit, um in der Zeitung zu blättern oder sich die Bücher der Spiegel-Bestsellerliste anzuschauen. Für sie ist klar: „Ich freue mich sehr, wenn die normale Offenheit wieder stattfinden kann, weil diese Bücherei eine ausgezeichnete Bücherei ist.“ (msc)

Jetzt auch auf Instagram

Neuerdings ist die Stadtbücherei Langen auch auf Instagram vertreten. Dort werden nicht nur aktuelle Öffnungszeiten oder Corona-Lockerungen gepostet, es wird auch zu Mitmachaktionen und Meinungsumfragen aufgerufen. Daneben bekommen die Abonnenten Büchervorschläge oder auch einen Blick hinter die Kulissen in den Arbeitsalltag der Bücherei. Wer der Stadtbücherei folgen möchte, findet sie unter dem Namen @stadtbuechereilangen.

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