Allein auf der Empore

Stadtkirche Langen: Kantorin Elvira Schwarz erlebt 25-jähriges Jubiläum in merkwürdigen Zeiten

Auch nach einem Vierteljahrhundert als Vollzeit-Kirchenmusikerin merkt man Elvira Schwarz die Liebe zur Orgel noch an. Aufgrund der Corona-Pandemie spielt sie zurzeit aber nur für die Kamera.
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Auch nach einem Vierteljahrhundert als Vollzeit-Kirchenmusikerin merkt man Elvira Schwarz die Liebe zur Orgel noch an. Aufgrund der Corona-Pandemie spielt sie zurzeit aber nur für die Kamera.

Elvira Schwarz ist seit 25 Jahren Kantorin der Stadtkirche in Langen. Doch Orgel spielt sie zurzeit fast nur vor der Kamera.

Langen – Der Blick von Elvira Schwarz ruht konzentriert auf dem Notenblatt, nicht ein einziges Mal wandern ihre Augen woanders hin. Nicht auf ihre Finger, die sich wie von allein über die schwarz-weiße Klaviatur bewegen, schnell und akkurat. Auch nicht auf ihre Füße, die den schwerfälligen Pedalen der Kirchenorgel ein warmes Dröhnen entlocken. Schwarz holt alles aus den 2392 Pfeifen des eindrucksvollen Instruments heraus: Mal meint man, einen mehrstimmigen Chor singen zu hören, mal zarten Flötentönen zu lauschen, mal dröhnt die Orgel in all ihrer Kraft, brachial und doch irgendwie festlich.

Doch als der finale G-Dur-Akkord von Dietrich Buxtehudes „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ noch ein paar Sekunden im weiten Gemäuer der Stadtkirche nachhallt und schließlich verstummt, gibt es keinen Applaus für das virtuose Spiel der Organistin. Denn Elvira Schwarz spielt zurzeit fast ausschließlich für die Kamera – und das ausgerechnet kurz nach ihrem 25-jährigen Jubiläum als Kantorin der Stadtkirche. Aufgrund der weiterhin hohen Infektionszahlen sind vorerst alle Präsenzgottesdienste in der Stadtkirche abgesagt, Konzerte finden, wenn überhaupt, nur auf digitalem Wege statt. „Das ist schon sehr bedrückend“, sagt die 52-Jährige. „Langsam geht es aufs Gemüt.“

Der häufige Kontakt zu den Gemeindemitgliedern, der Spaß bei Chorproben und das Lampenfieber vor Konzerten, das Gefühl, wenn die ganze Gemeinde zu ihrem Orgelspiel mitsingt – viele Aspekte, die Schwarz’ Job als Vollzeit-Kirchenmusikerin eigentlich ausmachen, fallen zurzeit komplett weg. Die beliebte „Orgelmusik zur Marktzeit“, die vor der Corona-Pandemie an jedem zweiten Samstag im Monat viele Marktbesucher zum kurzen Verweilen in die Kirche lockte, findet momentan etwa ausschließlich auf dem Youtube-Kanal der Evangelischen Kirchengemeinde Langen statt. „Ich bin froh, dass ich überhaupt etwas tun kann. Aber das ist schon anders“, sagt Schwarz. „Die sofortige Rückmeldung ist nicht mehr da.“ Und als Berufsmusikerin stört sie noch ein anderer Aspekt: „Die Raumwirkung, die ganze Akustik der Stadtkirche fehlt auf dem Youtube-Video völlig.“

Wer sich mit Schwarz unterhält merkt aber, dass ihr vor allem die Gemeinschaft fehlt. Kein Wunder bei einer Frau, die ihr komplettes bisheriges Berufsleben in ein und derselben Gemeinde verbracht hat. Geboren und aufgewachsen ist Schwarz in Hofheim, in einer musikalischen Familie, die häufig in die Kirche ging. Mit sechs Jahren nahm sie die ersten Klavierstunden, bald kam die Geige dazu. Mit 16 trat sie dem Kirchenchor bei, und als dessen Leiterin, die auch Orgelunterricht gab, nach Schülern suchte, war Schwarz’ Interesse geweckt. Bald saß sie vertretungsweise selbst bei Gottesdiensten an den Tasten und Registern und half mit, die Chorproben zu leiten. „Mir war dann schnell klar: Der Beruf ist was für mich.“

Direkt nach dem Abitur zog es sie nach Regensburg, um an der dortigen Fachakademie für Kirchenmusik zu studieren, ihr A-Examen legte sie danach an der Musikhochschule Frankfurt ab. Ende 1995, kurz nach dem Abschluss, erreichte sie das Jobangebot als Kantorin in Langen, wo Schwarz bis heute tätig ist: erst als Angestellte der damals noch eigenständigen Stadtkirchengemeinde, mittlerweile als Arbeitnehmerin des Evangelischen Dekanats. „25 Jahre sind im Nachhinein schon wahnsinnig lang“, gibt sie zu. „Aber wenn ich mich nicht wohlfühle würde, wäre ich nicht immer noch da.“

Ihre Liebe zum Instrument ist selbst nach einem Vierteljahrhundert nicht kleiner geworden. „Mich fasziniert, dass man mit der Orgel als einzelne Person so ein unglaubliches Spektrum abdecken kann“, sagt Schwarz, die mit ihren beiden erwachsenen Kindern in Langen wohnt – und auch nach 25 Jahren noch regelmäßig üben muss. Täglich versucht sie, sich Zeit dafür zu nehmen. Momentan aber lieber zu Hause: „Bei acht Grad macht es in der Kirche keinen Spaß.“

Das große Jubiläum fällt nun in eine Zeit, die für die Kantorin mit vielen Umstellungen verbunden ist. Die „Orgelmusik zur Marktzeit“ nimmt sie in Eigenregie auf, mit Kamera, Mikrofon und Scheinwerfern, den Videoschnitt hat sie sich selbst beigebracht. Die monatlichen Sonntagskonzerte, die Schwarz ebenfalls plant, muss sie eines nach dem anderen wieder absagen. Auch in der Stadtkirchen-Kita, wo sie eigentlich einmal monatlich mit den Kindern musiziert, war sie aufgrund der strengen Kontaktbeschränkungen und des Gesangsverbots schon lange nicht mehr. Am vergangenen Sonntag hat sie die Musik für einen Online-Gottesdienst beigesteuert, vom heimischen E-Piano aus. Und der Stadtkirchen- und der Frauenchor, die Schwarz beide leitet, haben seit fast einem Jahr nicht geprobt.

„Die Leute fehlen mir sehr“, sagt sie. Zwar versucht sich die Gruppe hin und wieder an Proben über die Videoplattform Zoom. Doch aufgrund der Verzögerung ist es unmöglich, synchron zu singen. „Und wenn die Leute ihre Mikros stummschalten, kann ich ihnen zwar etwas vorspielen und sie singen es nach“, so Schwarz. „Aber dann weiß ich ja nicht, ob sie es wirklich können.“

Schwarz ist gespannt, wie die Chorproben klappen, wenn sie denn irgendwann wieder von Angesicht zu Angesicht möglich sind. „Ich merke an mir selbst, dass meine Stimme langsam einrostet“, sagt sie und lacht. „So ein Chor ist eigentlich wie ein Sport-Team, das man regelmäßig trainieren muss. Ich glaube, der Wiedereinstieg wird nicht einfach.“

Wann der sein wird? Unklar. Schwarz hofft, „dass wir nach Ostern vielleicht wieder in kleinen Gruppen anfangen können“. Und noch einen sehnlichen Wunsch hegt sie: „Dass der Chor beim nächsten Weihnachtsgottesdienst singen darf.“ (Von Manuel Schubert)

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