Aufwendige Sanierung

Stadtkirche Langen: Neues Dach so gut wie fertig

Dachdeckerarbeiten auf der Langener Stadtkirche
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Filigrane Arbeit: Jeder Schieferstein wird einzeln zugehauen.

Die Stadtkirche muss nur noch ein paar Wochen „oben ohne“ in der Langener Altstadt stehen. Denn die umfassende Sanierung des Kirchendachs, die im August 2020 begonnen hatte, biegt auf die Zielgerade ein und ist fast abgeschlossen.

Langen - Dieser Tage besichtigte eine Abordnung des Kirchenvorstands, der Pfarrer und des Vereins der Freunde der Stadtkirche die Baustelle und kletterte mit den Architekten Christiane Thomas und Andreas Hein über das Gerüst. „Sie waren beeindruckt von der hohen handwerklichen Qualität der nun fertiggestellten Dächer auf dem Langhaus, dem Querhaus und auf den kleinen Zwerchhäusern neben dem Turm“, berichtet Frank Oppermann, stellvertretender Vorsitzender des Vereins der Freunde der Stadtkirche.

Architekt Hein aus Darmstadt erklärte der Gruppe das System der Deckung, das im Fachbegriff „Altdeutsche Deckung mit ansteigendem Gebinde“ heißt. Die Reihen der Schieferdeckung steigen nämlich ganz leicht nach rechts an und die Steine selbst werden nach oben hin etwas kleiner. Eine Vielzahl von Sonderstücken ist dabei zu schlagen: für die Fußgebinde an der Regenrinne, für die Firstgebinde und die linken und rechten Anschlussstücke, die sogenannten Ortgänge.

Dabei hauen die Dachdecker jeden Stein eigens für die Stelle zu, an der er versetzt werden soll. Auf einer „Haubrücke“, einem kleinen Metallteil, das mit dem Dachdecker übers Dach „wandert“, wird die Schieferplatte mit einem speziellen Dachdeckerhammer zugerichtet. Dabei schlägt der Handwerker auch mit der Spitze des Hammers zwei bis drei kleine Löcher dort hinein, wo die betreffende Schieferplatte dann angenagelt wird.

Dieses stete Klopfen und Hämmern hat die Bewohner der Altstadt an Spechte im Frühling erinnert. Da sonst keine Baustellengeräusche zu hören waren, konnte man das Hämmern der fünf Spezial-Handwerker der Dachdeckerfirma Rudolph aus Zeulenroda in Thüringen besonders deutlich wahrnehmen. Oppermann schätzt, dass im Schnitt pro Quadratmeter circa 70 Schiefersteine verarbeitet wurden. Jeder Stein wurde mindestens mit drei Schlägen zugehauen und mit zwei bis drei Stiften festgenagelt. Ergibt bei einer mehr als 1000 Quadratmeter großen Dachfläche fast eine halbe Million mal „nock“ – der Klang des Dachdeckerhammers.

Warum dieser Aufwand? Zum einen wird das Stadtkirchendach wieder in seinen optischen Zustand der ersten Deckung 1883 zurückversetzt. „Ursprünglich war’s genau so“, betont Oppermann. Bei der bislang letzten Sanierung in den 1950ern sei eine andere Dachdeckertechnik zum Einsatz gekommen. Zum anderen sorge die ansteigende Deckung für eine bessere Statik, so Oppermann. „So hält es Wind und Wirbeln einfach besser Stand.“

Der dafür verwendete Schiefer wurde in unterschiedlichen Größen aus einem Steinbruch in Spanien geliefert, weil in Deutschland Schiefersteine in der erforderlichen Qualität und Menge nicht zu finden waren. Durch die Corona-Pandemie hatten sich die Arbeiten im spanischen Steinbruch zu Beginn verzögert. Doch alles ging gut – lediglich durch die Schlechtwetterperiode wurden die Baumaßnahme einige Wochen unterbrochen. Doch das war von vorne herein so einkalkuliert.

Die Besichtigungsgruppe um Dekan Steffen Held sowie die Pfarrer Christian Mulia und Michael Holst staunte über die diffizile Ausbildung und vor allem über einen Trick der Deckung am Dachfirst: Da es bei einem Schieferdach anders als beim Ziegeldach für den First keine eigenen Ziegel gibt, ließen die Handwerker auf der Dachseite, auf der der Wind liegt, die Schiefersteine am First drei Zentimeter überstehen – ein Detail, das man mit bloßem Auge von unten gar nicht sieht.

Doch die Besichtigungsgruppe sah vom Gerüst aus schon die nächsten Mängel: Die große Rosette im Osten der Kirche muss beobachtet werden, hier könnten Sanierungsmaßnahmen bald erforderlich sein. Die Anschlüsse der Fenster ans Mauerwerk sind bautechnisch nicht perfekt gelöst, deshalb gibt es im Inneren oft Wasserschlieren; genauso wie dort noch die unschönen Flecken durch das undichte Notdach im vergangenen Jahr nachzubessern sind. Und auch der Turm wird in einigen Jahren Sicherungsarbeiten und Sandsteinausbesserungen erfordern. Der Verein der Freunde der Stadtkirche bittet daher weiter um Spenden für die anstehenden Maßnahmen. Das Spendenkonto hat die IBAN DE37 5065 2124 0027 0033 83.

Nun müssen noch die Seitenschiffdächer gedeckt und die Sandsteinarbeiten fertig gestellt werden. Da die Hauptdächer abgeschlossen sind, wurden die oberen Etagen des Gerüsts bereits abgebaut. „Wenn alles nach Plan geht, sind die Arbeiten bis Mitte Juni beendet“, hofft Oppermann. (msc)

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