Opfern der NS-Gräuel nachgespürt

„Nach der Ermordung wurden Personenakten zumeist vernichtet“ Zwei Jahre lag die letzte Putzaktion der Stolpersteine zurück – „inzwischen hatten sie Patina angesetzt“, berichten die Aktiven der Stolperstein-Initiative Langen. Sie nahmen jüngst Schwamm und Metallputzmittel zur Hand und polierten die Steine wieder auf.
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„Nach der Ermordung wurden Personenakten zumeist vernichtet“ Zwei Jahre lag die letzte Putzaktion der Stolpersteine zurück – „inzwischen hatten sie Patina angesetzt“, berichten die Aktiven der Stolperstein-Initiative Langen. Sie nahmen jüngst Schwamm und Metallputzmittel zur Hand und polierten die Steine wieder auf.

Langen - Mit 85 verlegten Stolpersteinen lässt sich die Arbeit der Stolperstein-Initiative Langen in den vergangenen acht Jahren als äußerst bemerkenswert bezeichnen. Von Daniel Ucht

Für die kommenden Wochen und Monate haben die acht Aktiven verschiedene Aktionen und Veranstaltungen geplant, um der letzten noch fehlenden Langener Opfer zu gedenken. In den vergangenen Jahren widmete sich die Gruppe mit besonderer Aufmerksamkeit dem Euthanasieprogramm des nationalsozialistischen Regimes und der Zwangssterilisation. „Diese Themen sind auch heute noch kaum bekannt und werden nicht selten totgeschwiegen“, weiß Martina Hofmann-Becker von der Stolperstein-Initiative zu berichten. Ob im Staatsarchiv in Darmstadt, in den Aktensammlungen von Gedenkstätten und Heilanstalten oder auch durch private Kontaktaufnahme und eine kleine Portion Zufall: Die Wege, an Informationen über die Opfer zu kommen, sind vielfältig und oft verworren. „Über viele Personen haben wir nur spärliche Informationen“, sagt Herbert Walter und ergänzt: „Das hängt damit zusammen, dass die Akten zumeist nach der Ermordung vernichtet wurden.“

Einige Biografien konnte die Initiative allerdings genauer rekonstruieren. So etwa die von Johanna Martha Schiff. Die 1908 in Langen geborene Jüdin wurde 1933 aufgrund von Angstzuständen als schizophren diagnostiziert. „Angesichts der Lebensumstände jüdischer Menschen überraschen Angstzustände bei einer jungen Frau nicht“, gibt Walter zu bedenken. Aufgrund der Diagnose wird Schiff in die Heil- und Pflegeanstalt in Goddelau eingewiesen. Dort wird – wie bei allen „Patienten“ üblich, die nicht ins von der NS-Ideologie propagierte Bild des „erbgesunden Menschen“ passten – der Antrag auf Zwangssterilisation gestellt und diese im Jahr darauf vollzogen. Später wird Schiff aus Goddelau entlassen und lebt mit ihrer Familie in Frankfurt. Ab diesem Zeitpunkt ist nur noch bekannt, dass sie 1940 wieder in einer „Heilanstalt“ gewesen sein muss, wo sie als erstes Langener Opfer des Euthanasieprogramms vergast wurde.

Detaillierte Recherchen zum Euthanasieprogramm der Nazis und zu den Schicksalen von zehn Langener Euthanasie-Opfern finden Interessierte gleich in zwei Ausstellungen im Rathaus-Foyer beziehungsweise im Kulturhaus Altes Amtsgericht (siehe separater Kasten). „Über diese zehn Personen können wir mit Sicherheit sagen, dass sie im Zuge der Euthanasie ermordet wurden – fast alle in Gaskammern, eine durch Nahrungsentzug“, stellt Walter fest.

Rekonstruiert hat die Initiative auch die Biografien der beiden politischen Opfer Adolf Helfmann und Albert Kuntz. Helfmann wurde 1943 zusammen mit elf Arbeitskollegen wegen „staatsfeindlicher Gespräche“ festgenommen. „Sie unterhielten sich über alltägliche Dinge, wozu damals eben auch der Kriegsverlauf gehörte“, berichtet Rainer Elsinger. „Helfmann hat dabei wohl geäußert, dass der Krieg bereits verloren sei“, so Elsinger weiter. Helfmann wurde inhaftiert. In einem Brief äußerte er seine Befürchtung, dass man plane, ihn verhungern zu lassen. Zugestellt wurde das Schreiben allerdings nie, auch nach Kriegsende nicht. Die Stolperstein-Initiative fand es erst jetzt in einem Archiv. Aufgrund der schlechten Versorgung starb Helfmann in der Tat noch vor Prozessbeginn in Untersuchungshaft.

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Albert Kuntz stammt zwar nicht aus Langen, gleichwohl soll ihm hier mit einem Stolperstein gedacht werden. „In Langen begann sein langer Weg durch die Gefängnisse“, erzählt Elsinger. Kuntz, der aktives Mitglied der Kommunistischen Partei (KPD) war, galt als charismatische Persönlichkeit und guter Redner. Auf dem Heimweg von einem geheimen Treffen der damals bereits verbotenen KPD anno 1933 wurde er nach einer Kontrolle von der SA ins Langener Rathaus gebracht. Nach dem er dort von SA- und NSDAP-Mitgliedern misshandelt wurde, kam Kuntz ins damalige Gefängnis in der Sehretstraße. Obwohl freigesprochen, wurde er nicht Entlassung, stattdessen hängte man ihm weitere Prozesse an; schließlich wurde er 1945 im KZ Buchenwald ermordet. In der DDR war Kuntz als politisches Opfer des NS-Regimes bekannt und noch heute gibt es mindestens eine Schule, die nach ihm benannt ist.

Nicht nur ihm gilt die Gedenkfeier am 24. April, die Violinistin Aki Endo musikalisch untermalen wird. Als Standort der Gedenktafel war der Friedhof erste Wahl, so Hofmann-Becker: „Weil diesen Menschen die letzte Ruhestätte verweigert wurde, hielten wir den Friedhof für geeignet – auch, um den Angehörigen einen symbolischen Ort für das Andenken ihrer Vorfahren zu geben.“ Neben den Stolpersteinen für Adolf Helfmann und Albert Kuntz wird die Initiative diesmal auch eine Stolperschwelle für die 42 Langener Opfer der Zwangssterilisation verlegen. „Das ist ein größerer Stolperstein, in diesem Fall allerdings ohne Namen“, erklärt Hofmann-Becker. „Da die Thematik auch heute noch sehr sensibel behandelt werden muss, verzichten wir auf deren Nennung.“ Da die Verlegung der Stolpersteine- und schwellen mit Kosten verbunden ist, hofft die Gruppe auf Hilfe von Spendern.

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