Schlussakt einer traurigen Aufarbeitung

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Die Stolpersteine sollen an die in Konzentrationslagern ermordeten Juden erinnern - auf dem Bild das KZ Auschwitz.

Langen - Mit 85 verlegten Stolpersteinen und einer Gedenktafel lässt sich die Arbeit der Stolperstein-Initiative Langen in den vergangenen acht Jahren als äußerst bemerkenswert bezeichnen. Von Holger Borchard 

Nun steht der letzte Akt dieser Spurensuche, dieses In-Erinnerung-Bringens und -Haltens, an: Am Freitag, 15. August, um 15 Uhr wird der Künstler Gunter Demnig vor dem Alten Rathaus die (voraussichtlich) letzten Stolpersteine in Langen verlegen. Genauer gesagt: eine Stolperschwelle und zwei Stolpersteine. „Zu diesem Anlass sind Interessierte willkommen“, lädt Herbert Walter von der Stolperstein-Initiative ein. „Auch Bürgermeister Frieder Gebhardt hat sein Kommen zugesagt und wird eine kleine Rede halten.“ Der erste Stein erinnert an Albert Kuntz, ein politisches Opfer der Nazis. Kuntz stammt zwar nicht aus Langen, gleichwohl soll ihm hier mit einem Stolperstein gedacht werden. „In Langen begann sein langer Leidensweg durch die Gefängnisse“, weiß Walter zu berichten.

Kuntz, der aktives Mitglied der Kommunistischen Partei (KPD) war, galt als charismatische Persönlichkeit und guter Redner. Auf dem Heimweg von einem geheimen Treffen der damals bereits verbotenen KPD wurde er anno 1933 nach einer Kontrolle von der SA ins Alte Rathaus gebracht. Nachdem er dort von SA- und NSDAP-Mitgliedern misshandelt worden war, kam er ins damalige Gefängnis in der Sehretstraße. Obwohl freigesprochen, wurde Kuntz nicht entlassen, stattdessen hängte man ihm weitere Prozesse an.

Elf Jahre lang widerstand er den Repressalien der Nazis in verschiedenen KZs, bevor sie ihn im Januar 1945, kurz vor der Befreiung, im KZ Buchenwald ermordeten. Die Stolperschwelle erinnert an 24 Frauen und 18 Männer, die zwischen 1934 und 1938 von den Nazis zwangssterilisiert wurden, weil sie nicht der Vorstellung der Nazis von einem „erbgesunden Menschen“ entsprachen. In den vergangenen Jahren widmete sich die Langener Stolperstein-Gruppe mit besonderer Aufmerksamkeit dem Euthanasieprogramm der Nazis und der Zwangssterilisation. „Diese Themen sind auch heute noch kaum bekannt und werden nicht selten totgeschwiegen“, weiß Martina Hofmann-Becker.

Ob im Staatsarchiv in Darmstadt, in den Aktensammlungen von Gedenkstätten und Heilanstalten oder auch durch private Kontaktaufnahme und eine kleine Portion Zufall: Die Wege, an Informationen über die Opfer zu kommen, sind vielfältig und oft verworren. „Über viele Personen haben wir nur spärliche Informationen“, sagt Walter und ergänzt: „Das hängt damit zusammen, dass die Akten zumeist nach der Ermordung vernichtet wurden.“

DFB und DFL: Bewegender Auschwitz-Besuch

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Abschließend wird in der Karlstraße 10 ein Stolperstein für Adolf Helfmann verlegt. Helfmann war im März 1943 zusammen mit elf Arbeitskollegen wegen „staatsfeindlicher Gespräche“ festgenommen worden. „Sie unterhielten sich über alltägliche Dinge, wozu damals eben auch der Kriegsverlauf gehörte“, berichtet Rainer Elsinger von der Stolperstein-Initiative. „Helfmann hat dabei wohl geäußert, dass der Krieg bereits verloren sei“, so Elsinger weiter. Helfmann wurde inhaftiert. In einem Brief äußerte er seine Befürchtung, dass man plane, ihn verhungern zu lassen. Zugestellt wurde das Schreiben allerdings nie, auch nach Kriegsende nicht. Die Stolperstein-Initiative fand es erst jetzt in einem Archiv. Aufgrund der schlechten Versorgung starb Helfmann in der Tat noch vor Prozessbeginn in Untersuchungshaft.

Die Steine verlegt – wie immer – der Künstler persönlich. Was die Kosten anbetrifft, hofft die Gruppe auf Hilfe von Spendern. Wer einen Betrag zuschießen will, kann diesen auf das Konto Nr. 4703170 bei der Volksbank Dreieich, BLZ 50592200, überweisen. Nach der Verlegung am Freitag werden nach Adam Riese 87 Stolpersteine, eine Stolperschwelle und eine Gedenktafel in Langen an die Opfer der Nazis erinnern. 81 Steine gedenken der jüdischen Opfer; fast die Hälfte von ihnen wurde in Konzentrationslagern ermordet. Zwei Steine und eine Tafel an der Friedhofsmauer erinnern an die zehn Langener, die im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms umgebracht wurden. Vier Steine wurden für politische Opfer verlegt, die durch die Hände der Nazis starben. Die politischen Opfer, die von den Nazis „nur“ inhaftiert und misshandelt wurden, blieben bisher unberücksichtigt. Es waren einfach zu viele. Bei einem Treffen aller Aktiven will die Stolperstein-Initiative im Herbst Bilanz ihrer Arbeit ziehen und diese mit einer kleinen Feier beenden.

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