Strafprozess gegen Bande von „Teppichhändlern“

Arglose Opfer über Jahre ausgenommen

Langen - Doktor Daniel aus Dubai oder Baschadusch aus Persien: Orientalisch sind die Namen, rührselig die Geschichten dazu. Einziges Ziel: Abzocke. Die Opfer: arglose Senioren. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs muss sich ein Quintett vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Die Beträge, um die die Ganoven in acht Fällen unter anderem gutgläubige Langener geprellt haben, summieren sich auf annähernd eine halbe Million Euro. Fliegende Teppiche hatte die Bande nicht zu bieten. Die Ware, die samt fadenscheinigen Geschichten „verkauft“ wurde, ist vielmehr aus jenem Stoff geknüpft, aus dem Alpträume gemacht sind. Die Täter – ein Quartett aus Frankfurt, der fünfte Mann aus Köln – wickelten sämtliche Opfer über vermeintliche Teppichgeschäfte ein. Ein 45-jähriger Italiener hatte Glück: Er wurde am zweiten Verhandlungstag aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Alle anderen sind im Kern geständig.

Geknüpfte Vorlegeware und Fantasienamen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Akten. Im Fall eines 87-jährigen Langeners kam der Kontakt über ein neues Teppichgeschäft in Gang. Der Senior im Zeugenstand: „Ich hatte irgendwann 2013 den Flyer eines neuen Ladens im Briefkasten und entschied mich, dort Teppiche zu kaufen.“ Nach dem Geschäft habe der Verkäufer erzählt, dass er schwer krank sei und ihn um einen Vorschuss für eine größere Operation gebeten. „Mit 5000 Euro hat es angefangen.“ Daraus wurden später 9650 Euro und nach zwei Jahren fehlten dem ehemaligen Ingenieur 69.000 Euro auf dem Konto. Die einzige Rückzahlung soll sich auf 900 Euro beschränkt haben. Dabei war das Geld eindeutig nicht als Schenkung, sondern als Darlehen ausgezahlt worden. Die einzigen „Sicherheiten“ des Rentners waren ein Schuldschein über die 9 650 Euro und – wie könnte es anders sein – ein „wertvoller“ Teppich. Der Langener: „Ich hatte Mitleid - es klang alles so glaubwürdig. Er hat mir erzählt, er hätte in der Schweiz ein Haus verkauft, käme aber aus steuerlichen Gründen nicht an das Geld. Sobald das über die Bühne sei, bekäme ich mein Geld zurück!“ Statt die fälligen Rückzahlungen zu erhalten, habe er dem Angeklagten aber immer wieder für irgendwelche Nachzahlungen unter die Arme greifen müssen. „Ich fühle mich blamiert und beschämt, dass ich so gutgläubig war und mir solche Fehler unterlaufen sind“, resümierte der Senior zerknirscht.

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In einem weiteren Fall ist ein 81-jähriger Sprendlinger das Betrugsopfer. Er schildert: „Alles fing an, als ich Teppichläufer meiner verstorbenen Mutter und Schwester verkaufen wollte.“ Das habe einer der Betrüger für ihn in Kommission erledigen wollen – das vorgelegte „Teppichhändlerzertifikat“ kennt Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff aus den Akten. Für Verkaufsbemühungen und Reinigungskosten musste der Senior in Vorlage treten. Wie der Leidensgenosse in Langen, wurde der Sprendlinger fortan „gemolken“ - wenige hundert und tausend Euro summierten sich rasch auf Zehntausende; nach einigen Jahren standen satte 74.550 beziehungsweise 140.000 Euro zu Buche. Mittlerweile hatte ein weiterer Angeklagter den Mann erfolgreich abkassiert. Die Richterin wundert sich über so viel blindes Vertrauen und hakt nach: „Warum haben Sie denn immer wieder Geld gegeben, obwohl nichts zurückgezahlt wurde?“

Antwort: „Sie hatten ja noch immer meine Teppiche, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich beiden vertraut und die Geschichten geglaubt habe. Der eine ist mit mir ja sogar zur Auszahlung der Schulden zum Amtsgericht nach Frankfurt und zur Commerzbank in Bornheim gegangen, aber dort konnten diese große Summe angeblich nicht ausbezahlt werden!“ Anfangs habe er auch die Verbindung zwischen den beiden Kontaktpersonen gar nicht durchschaut, räumt der Geprellte ein. Ende 2014 sei er dann endlich zur Polizei gegangen. „Das Geld war für meine Altersvorsorge bestimmt, das ist jetzt futsch. Sie können sich vorstellen, wie sich die Meinung meiner Töchter über mich geändert hat!“ klagt der Sprendlinger.

Zur Feststellung, wie sehr sich jeder der vier verbliebenen Angeklagten schuldig gemacht hat, sind insgesamt sieben Verhandlungstermine angesetzt. Die Urteile sollen Ende Mai gesprochen werden.

Rubriklistenbild: © dpa

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