Alternativen zum Abhängen

Streetworker Ben Stielow zeigt jungen Leuten Perspektiven

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„Mit dem Holzhammer erreichst du nix – steter Tropfen höhlt den Stein“ Streetworker Ben Stielow ist seit Kurzem in Langen unterwegs. Sein Auftrag: Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen erreichen, ihnen Perspektiven aufzeigen.

Langen - Ben Stielow ist klassischer Streetworker. Seit Anfang des Jahres dreht er seine Runden in Langen – als zentrale Figur eines auf drei Jahre angelegten Projekts, für das die Stadt jährlich 50.000 Euro aus einem Fördertopf der EU bekommt. Von Holger Borchard

Stielows Auftrag: Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen erreichen, ihnen Perspektiven aufzeigen, sie im Optimalfall in Ausbildung oder zum Schulabschluss bringen. Ben Stielow ist es gewohnt, dicke Bretter zu bohren. „Für das, was ich tue, braucht man viel Geduld und einen langen Atem und am besten noch ein schier unerschöpfliches Motivations- und Überzeugungs-Repertoire.“ Der 35-Jährige geht dort hin, wo sich Jugendliche aufhalten – in Langen, wird er vorwiegend auf Spiel- und Parkplätzen im Nordend zwischen Bahnhof und Hans-Kreiling-Allee anzutreffen sein, aber auch Belzborn, Forstring, am Weißen Stein sowie Dieburger und Zimmerstraße zählen zu den für ihn ausgeguckten Revieren. Ganz aktuell wird auch der Steinberg hinzukommen: „Dort berichten Anwohner von abendlicher Ruhestörung durch Jugendliche, die sich im Freien aufhalten“, erzählt Bürgermeister Frieder Gebhardt bei der offiziellen Vorstellung des Neuzugangs für die städtische Jugendarbeit.

Von der Aussicht, einen Mann wie Stielow auf der Straße zu haben, versprechen sich sowohl der Rathaus-Chef als auch die für Integration, Jugend und Spielplätze verantwortliche Fachdienstleiterin Martina Waidelich einiges. „Er soll das Gespräch mit Jugendlichen suchen, ihr Vertrauen gewinnen und sie so weit es nur geht in geregelte Verhältnisse befördern, auf dass sie den Schulabschluss, ein Praktikum oder eine Ausbildung beginnen und von der Straße wegkommen“, fasst Waidelich zusammen.

Als Diplom-Sozialarbeiter war Stielow zuletzt in Frankfurt in der aufsuchenden Jugendarbeit, sprich auf der Straße tätig. Er hatte in Bonames und im Gallus zu tun, kennt die „harten Jungs“ und unzählige Lebensläufe samt der dahinter steckenden Probleme. Das qualifiziert ihn für das nun angelaufene Projekt, das wie üblich einen Namen mit positiver Ausstrahlung bekommen hat – „Jugend stärken im Quartier“, (JUSTiQ). Langen ist eine von bundesweit 185 Städten, die mit dabei sind. Gleiches gilt für die Nachbarstädte Dreieich und Neu-Isenburg; der Kreis Offenbach bekommt ebenfalls entsprechende Mittel. Der Löwenanteil des Projektbudgets von rund 115 Millionen Euro stammt aus dem Europäischen Sozialfonds, die Bundesregierung steuert fünf Millionen bei.

„Langen wurde berücksichtigt, weil das Nordend in den vergangenen Jahren bereits durch das Bund-Länder-Programm ,Soziale Stadt’ gefördert worden ist, das ja unter anderem dazu beigetragen hat, das Gebiet rund ums ehemalige Hessische Übergangswohnheim neu aufblühen zu lassen“, sagt Gebhardt. Das Nordend sei nach wie vor der Stadtteil mit der höchsten Bevölkerungsdichte und einem sehr großen Anteil von jungen Leuten aus unterschiedlichsten sozialen Schichten, viele davon mit Migrationshintergrund. „Der Bedarf für diese aufsuchende Jugendarbeit ist also gegeben – und sie wird im Hinblick auf die zunehmenden Flüchtlingszahlen von besonderer Bedeutung bleiben“, ist sich der Bürgermeister sicher.

Ein dickes Bündel auf den Schultern

Perspektiv- und orientierungslose Jugendliche in die Mitte der Gesellschaft zu holen und zu vermeiden, dass sich soziale Probleme in bestimmten Stadtteilen zuspitzen, bedeutet unter dem Strich ein dickes Bündel, das Ben Stielow auf seinen Schultern trägt. „Das kann aber auch stark motivieren“, hält er dagegen und lässt seine „Taktik“ durchschimmern. „Mit dem Holzhammer erreichst du nix. Ich muss behutsam vorgehen und einfach als steter Tropfen den Stein höhlen. Jetzt bin ich erst mal kommunikativ, sage bei meinen Rundgängen allen Hallo, die ich treffe.“

Stielow konzentriert sich auf Jugendliche im Alter von zwölf bis 26 Jahren, bei denen er das Gefühl hat, „die hängen einfach so rum“. Das Jugendzentrum in der Nördlichen Ringstraße ist seine Basis, dort teilt er sich das Büro mit Berufswegebegleiter Mathias Hütter. Jugendzentrum und Berufswegebegleitung sind zwei Beispiele für bereits drehende Rädchen im städtischen Sozialkonzept, mit denen sich Stielows Arbeit verzahnen soll. „Das sind Angebote, die ich den jungen Leuten schmackhaft machen will.“ Zudem liefert JUSTiQ die Möglichkeit, sogenannte „Mikroprojekte“ zu realisieren, die nicht nur der Entwicklung der jungen Leute, sondern ebenso der Aufwertung eines Quartiers dienen. Das kann eine Spielplatzgestaltung sein oder auch ein Kunstprojekt.

Kommunen ächzen unter drastisch gestiegenen Sozialausgaben

Einen Nachteil hat das Förderprojekt freilich: reichlich überbordende Bürokratie. „Wir müssen Erfolge liefern, Quoten erfüllen und dokumentieren – und das schon nach dem ersten Jahr“, bedauert Waidelich. „Da wünsche ich mir schon eine weniger realitätsfremde Vorgabe.“

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