Szenische Lesung über Bettina von Arnim

Zeitlebens das wilde Kind

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Mit ihrem eindringlichen Spiel bringt Katharina Schaaf den Besuchern der Sommerveranstaltung von Werkhof und Buchhandlung litera die Schriftstellerin Bettina von Arnim nahe.

Langen - Die Frankfurter Schauspielerin Katharina Schaaf schlüpft in lila Kleidchen mit feinem Schultertuch und hochgesteckten Haaren. Sie übernimmt die Rolle von Bettina von Arnim.

Und es gibt wohl nur wenige Orte, an die die aus der Frankfurter Kaufmanns-Familie Brentano stammende Romantikerin und Schriftstellerin besser hingepasst hätte als in den Werkhof. Die historischen Mauern in der Langener Altstadt von Gertrud Schürrlein waren schon oft Kulisse von Lesungen – das szenische Spiel über die schillernde Figur der „wilden Bettina“ ist dabei ein besonderer Genuss. Ausdrucksstark und mit ebenso spannenden und lustigen Details entführt Katharina Schaaf die rund 70 Gäste in die Welt des 19. Jahrhunderts.

Bettina war die Lieblingstochter ihres Vater, des Großkaufmanns Peter Anton Brentano. Und das war wahrlich etwas Besonderes, hatte Brentano doch allein mit Bettinas Mutter Maximiliane von La Roche zwölf Kinder.

Schaaf erzählt sehr bildhaft, wie wild und ungestüm die kleine Bettina war, wie sie auf Bäume kletterte und ihre Eltern und Geschwister auch manches Mal zum Narren hielt. Ihre erste, schwärmerische Liebe galt dem eigenen Bruder: Clemens von Brentano. Ein „Schönling mit schwarzen Locken und glühenden Augen“, wie Schaaf ihn sehr bildlich beschreibt. Der Bruder war natürlich tabu, also ehelichte Bettina dessen besten Freund, Achim von Arnim. Die beiden waren miteinander durchgebrannt und schockierten mit dieser Verbindung die Brentanos zunächst.

Aber das Langener Publikum erfährt, dass Bettina durchaus sehr lebenstüchtig und auch als Tochter aus höherem Haus durchaus in der Lage war, in Berlin und sogar auf einem Landgut zu überleben. Das Ehepaar bekam sieben Kinder und besonders die Namen der Söhne, Freimund, Siegmund, Friedemund und Kühnemund, geboren zwischen 1812 und 1817, amüsieren das Publikum sehr.

Katharina Schaaf steigt nicht sonderlich tief in das literarische Werk von Bettina von Arnim ein, aber es wird durchaus sehr deutlich, dass die Frau stets das „wilde Kind“ geblieben ist und mit ihren Schriften, die eine ordentliche Portion Sozialkritik enthielten, ihrer Zeit deutlich voraus war. 1843 veröffentlichte sie zur Krönung des preußischen Königs „Dies Buch gehört dem König“. Die von ihr geschriebenen fiktiven Dialoge zwischen der Mutter Goethes und der Mutter des preußischen Königs wurden in Bayern sogar verboten.

Einen besonders großen Platz in ihrem Spiel räumt Katharina Schaaf der Korrespondenz mit Johann Wolfgang von Goethe ein. Schon die Mutter von Bettina war in den Dichter verliebt. Bettina von Arnim veröffentlichte „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ erst nach dem Tod des Schriftstellers. „Wir hatten ein inniges Verhältnis miteinander – der Goethe und ich“, kokettiert Schaaf in breitem Hessisch und mit leuchtenden Augen.

Sie erzählt aber auch die amüsante Geschichte, die letztlich zum Bruch mit dem berühmten Schreiber führte: In einer Ausstellung riss Christiane Goethe Bettina nach einer abfälligen Bemerkung über die Kunst die Brille von der Nase. Bettina ohrfeigte Christiane daraufhin und nannte sie eine „wahnsinnige Blutwurst“. „Isch durft danach net mehr zu den Goethes ins Haus“, berichtet Katharina Schaaf als Bettina von Arnim und setzt eine schuldbewusste Miene auf.

Zum ersten Mal – nach 20 Lesungen im Werkhof in Kooperation mit der Langener Buchhandlung litera – steht das Leben einer bedeutenden Frau im Mittelpunkt. Die Figur ist dazu sehr gut ausgewählt und bietet viel Wissenswertes und Amüsantes. Das Publikum lauscht dem völlig frei gespielten Vortrag mit großem Interesse und Katharina Schaaf bekommt am Ende den sehr verdienten Applaus. In der kleinen Pause bewirtet das Team von Gertrud Schürlein die Gäste – passend zur Lesung – mit Handkäs’ und Musik. (zcol)

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