„Tankstelle“ mit Kultstatus

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Die Wirtin aus der Koberstadt: Else Loidol verköstigte mit ihrem Mann Josef, der 1987 verstarb, unzählige Ausflügler am Koberstädter Falltorhaus. Die 87-Jährige freut sich sehr über die Einrichtung der kleinen Erinnerungsstätte.

Langen ‐ Es ist einfach ein herrliches Fleckchen Erde. Im Wald zwischen Langen, Egelsbach und Offenthal, dort wo einst das Koberstädter Falltorhaus stand, weihten der Verkehrs- und Verschönerungs-Verein und das Forstamt an Fronleichnam einen ganz besonderen Rastplatz ein. Von Frank Mahn

So um die 120 Leute mögen es gewesen sein, die sich bei herrlichem Wetter auf den Weg gemacht hatten, um an einem geschichtsträchtigen Ort einen Schoppen zu trinken und ein bisschen in Erinnerungen zu schwelgen. Mittendrin: Else Loidol. Die 87-Jährige betrieb mit ihrem Mann Josef bis Anfang der 80er Jahre einen äußerst beliebten Ausschank unter den damals noch nicht ganz so mächtigen Eichen. Mit den Aktionen „Langen räumt auf“ und „Langen blüht auf“ setzt der VVV alljährlich besondere Akzente zur Verschönerung der Stadt.

Forstamtsleiter Kurt Schäfer (Mitte) und VVV-Vorsitzender Walter Metzger (rechts) konnten zur Einweihung des neuen Rastplatzes so um die 120 Leute begrüßen.

Doch auch die Wald- und Feldgemarkung liegt dem Vorstand um Walter Metzger am Herzen. Jüngstes Beispiel: Im vorigen Jahr regte der Verein an, am Standort des 1833 erbauten und vor etwas mehr als drei Jahren abgerissenen Koberstädter Falltorhauses eine kleine Erinnerungsstätte für das ehemalige, mitten im tiefen Wald am Dammweg (unweit des Weißen Tempels) gelegene Forsthaus zu schaffen. Die Anregung fiel beim Forstamt Langen und dessen Leiter Kurt Schäfer auf fruchtbaren Boden. In Garten- und Landschaftsplaner Peter Kittner fanden sie einen Verbündeten. Er fertigte die Winkelbank, auf der Wanderer fortan eine Pause einlegen können. Das Forstamt kümmerte sich um die Herrichtung des Platzes und des Weges, der VVV ließ eine Info- und Hinweistafel aufstellen.

Auf der Tafel zu Füßen der alten Robinie finden sich Zahlen, Daten und Fakten über die Geschichte und Bewohner des alten Forsthauses, das über Jahrzehnte als Revierförsterdienstgehöft Offenthal firmierte. Und über Jahrzehnte war das Anwesen auch ein vor allem an den Wochenenden nicht nur von Langenern, Egelsbachern und Offenthalern stark frequentiertes Ausflugsziel. Denn: Von 1905 bis 1950 wohnte im Falltorhaus der Hausmeister Philipp Siegel, der die Ausschank-Tradition begründete. Von 1950 bis 1981 setzten Revierförster Josef Loidol und seine Frau Else die Tradition fort. Gut 30 Jahre lang verköstigten sie, unterstützt von ihren Kindern, Reiter, Wanderer und Radler. Über Generationen hieß es „Mer geh’n zum Siegel“, was im Klartext hieß: einen Ebbelwoi petze, einen Handkäs essen und den Gesangvereinen lauschen, die sich dort regelmäßig einfanden und spontane Open-Air-Konzerte gaben. Regelrechte Hochkonjunktur und nachgerade Kultstatus hatte der „Siegel“ (also eigentlich die Loidols) vor allem während der 1960er und 1970er Jahre – auch und gerade bei der Jugend.

„Wir haben Kuchen gebacken und am Anfang selbst geschlachtet“, erzählt Else Loidol. Auch der Ebbelwoi wurde selbst gekeltert. Wenn der Durst der Gäste zu groß war, wurde beim „Michel“ in Offenthal Nachschub geordert. Die alte Dame denkt gerne an diese Zeit zurück, ihre Augen leuchten und sie strahlt beim Erzählen übers ganze Gesicht. Die Kinder Christel, die samt Tochter eigens aus Kaiserslautern zur Einweihung gekommen war, und Sohn Wolfgang wurden im Wald groß. Mit dem Radl fuhren sie in die Schule, bei Schnee wurden sie auch mal mit dem Auto gebracht.

Als der Betrieb 1981 eingestellt wurde, titelte unsere Zeitung: „Kein Schoppen mehr im Wald. Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

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