Für warmes Essen ins Gefängnis

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Auf der Straße: Die Laienschauspieler kennen sich mit den Themen genau aus, die im Stück „Un:Gewohnt“ behandelt werden – lebten sie doch selbst schon ein Leben am Rande der Gesellschaft.

Langen - „So, das war’s dann. Alles verloren. “ Mit diesen Worten beginnt das Theaterstück „Un:Gewohnt“, das im Gemeindezentrum der Petrusgemeinde Uraufführung hatte. So ungewöhnlich wie der Name ist das Ensemble, das es aufführt. Von Ruth Wadenpohl

Um auf die Situation der Wohnungslosen aufmerksam zu machen, gewährten elf Männer und Frauen Einblicke in das Leben am Rande der Gesellschaft, das sie selbst erfahren haben. Das gut 70-köpfige Publikum wird in eine Welt mitgenommen, in der sich jeder dritte Gedanke um den Schlafplatz dreht, in der Gefängnis „endlich Essen und ein Dach überm Kopf“ bedeutet, in der der größte Wunsch oft der Job ist, „von dem man leben kann“.

Drei Wochen arbeiteten die Schauspieler, Mitarbeiter des Sozialkaufhauses Dreieich, mit Theaterpädagogen vom Theater Requisit (Hattersheim) zusammen. Initiiert hatten das Projekt die Evangelische Erwachsenenbildung in Stadt und Kreis Offenbach und die Sozialberatung Dreieich, eine Einrichtung der Paritätische Projekte gGmbH.

Elf Charaktere, elf Geschichten, elf Meinungen – alles unter einen Hut zu bringen und ein authentisches Theaterstück zu erschaffen, war eine Herausforderung. „Am Anfang war das schwierig“, bekennt Anita, eine der Darstellerinnen. Sie und ihre Mitspieler sind sich einig, dass nur durch die „wunderbare Unterstützung“ dieses einzigartige Theaterstück entstehen konnte. „Ich hatte Tränen in den Augen“, gibt eine Zuschauerin zu und bekennt ihre Hochachtung vor der dargebotenen professionellen Leistung.

Obdachlosigkeit, Sehnsucht und der Weg zurück

Zu Beginn des Stückes ist die Anspannung noch spürbar, sie weicht jedoch schnell dem Spaß am Spiel. Untermalt von atmosphärischer, einfacher Hintergrundmusik, reiht sich eine Szene an die nächste. Ein Betrunkener taumelt über die Bühne und grölt Passanten an. Zwei Bettler werden verscheucht. Eine verwahrloste Frau klammert sich an ihren Hund. „Wir haben die allgemeine Meinung über Obdachlose absichtlich überspitzt dargestellt“, betonen die Darsteller – als Kontrast zu anderen Szenen. Wenn ein Mann stehen bleibt und sich nach dem Schicksal der Obdachlosen erkundigt, wenn am Abend Wärme und Essen geteilt werden oder wenn eine ältere Frau berichtet, dass sie heimatlose Menschen unterstützt und sie bei sich wohnen lässt – dann versteht man, was es für Wohnungslose bedeutet, wahrgenommen und menschlich behandelt zu werden.

Obdachlosigkeit, Sehnsucht und der Weg zurück – durch die Vielfalt der Erfahrungen können diese drei Hauptthemen von unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet werden, ernsthaft, aber dennoch auch humorvoll. Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch auf die Straße kommen kann. Oft häusliche Gewalt, der falsche Partner, Verlust des Jobs oder aber die Suche nach Freiheit und Selbstentzug aus der Gesellschaft. „Wo ist die Hoffnung hin?“, ruft jemand. Einmal auf der Straße, dauert der Weg zurück oft viel zu lange und ist häufig nur mit Unterstützung möglich.

Bereits vergangenes Jahr gab es in Langen das Kunstprojekt „Winterreise“ zum Thema „Leben am Rand der Gesellschaft“: Getragen von Schuberts Musik, wurden die Schicksale von Menschen ohne Obdach aus Langen und Dreieich dokumentiert und anonym ausgestellt. Dieses Jahr nun sollten die ehemals Wohnungslosen aktiv in das Projekt (das durch die finanzielle Unterstützung des Landes Hessen und der Dr. Bodo Sponholz-Stiftung ermöglicht wurde) integriert werden. So viel von sich preiszugeben und darzustellen, war eine Herausforderung. „Wenn man nicht dahinter steht, wird das nichts“, meint Karin, eine der Darstellerinnen. Dass sie und ihre Kollegen hinter dem stehen, was sie zeigten, haben sie durch viel Einsatz, Mut und Offenheit bewiesen.

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