„Toller Blick und ruhiges Wohnen“

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Das Alpha-Hochhaus ist das höchste Wohnhaus Hessens.

Langen - Nach 41 Sekunden Fahrt öffnet sich die Aufzugstür im 27. Stock. Dann noch den Gang entlang, durch ein paar Türen bis ins Büro von Heinz Wenig – und aus dem Fenster geschaut. Von Markus Schaible

Bis nach Hochheim reicht der Blick, in den Taunus hinein, davor der Flughafen, auf dem jedes startende und landende Flugzeug zu sehen ist. Willkommen im Alpha-Hochhaus, dem höchsten Wohnhaus Hessens. „Schönere Sonnenuntergänge als von hier sieht man nirgends“, sagt Wenig. Und Herbert Blum, der von seiner Wohnung in die andere Richtung – über die Langener Altstadt hinweg – blickt, ergänzt: „Ich steh’ jeden Morgen auf und freue mich, dass ich so eine schöne Aussicht habe.“

Aufs Dach mit Rundumblick über ganz Langen und weit darüber hinaus darf normalerweise keiner, aber für die Presse machen Verwalter Heinz Wenig (rechts) und Herbert Blum eine Ausnahme.

Nun ist Aussicht das eine, Wohnumfeld das andere. Und der Ruf ist schlecht – so schlecht, dass im Stadtumbau-Prozess sogar über einen Teilrückbau des Alpha-Hochhauses gesprochen werden soll (dazu hier mehr). Im Haus selbst hat dies für Unmut, aber auch für Ängste gesorgt. Und die Bewohner fühlen sich völlig zu Unrecht an den Pranger gestellt: Das Hochhaus „funktioniert“, sagen Verwalter Wenig und der engagierte Eigentümer Blum, und meinen damit nicht nur die technische, sondern auch die soziale Komponente.
Noch mal zurück ins Erdgeschoss: Wer zu Besuch kommt, sollte das Stockwerk wissen, in das er will, das erspart bei 226 Klingeln die Suche nach der richtigen. Was auffällt: Die gesamte Klingelanlage ist ebenso wie die Briefkasten-Batterie in einem hervorragenden Zustand. Wenig: „Wir legen Wert auf die einheitliche Beschriftung.“

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Innen sorgt Granit für ein gediegenes Ambiente. Drei Aufzüge warten darauf, Bewohner und Besucher hoch und wieder runter zu bringen. Die Zeiten, in denen sie häufig mal stecken blieben, sind längst vorbei, weiß Wenig. Dafür haben zwei bereits hochmoderne Motoren, die beim Abwärtsfahren Strom ins Netz einspeisen; der dritte soll demnächst umgebaut werden.

Videoüberwacht: In Hessens höchstem Wohnhochhaus wird Sicherheit groß geschrieben.

Die Flure auf den Wohnetagen sind mit heller, abwaschbarer Farbe freundlich gestaltet, ab und an stehen Pflanzen da. Und hinter den Türen wohnen „fast ausschließlich friedliche Leute“, sagt Wenig. Natürlich gebe es das eine oder andere Problem – „aber das sind die gleichen wie in allen anderen Wohnanlagen auch“. Oder vielleicht sogar ein paar weniger: Verwalter, Verwaltungsbeirat, Hausmeister, Reinigungspersonal – alle wohnen im Alpha-Hochhaus und sind somit daran interessiert, dass alles gut läuft.

Und woher kommt dann der schlechte Ruf? Verwalter Wenig winkt ab: „Ich habe das Haus übernommen, da war es noch unbewohnt, und es hatte bereits einen schlechten Ruf. Hochhäuser haben eben immer einen Negativ-Touch. Und die Bevölkerung war von Anfang an dagegen, weil damals acht Häuser nebeneinander geplant waren.“ Blum bringt es mit anderen Worten auf den Punkt: „Die anderen schauen drauf – wir schauen raus.“ Und er fügt hinzu: „Ich hatte noch nie eine so ruhige Wohnung.“

Auf einem der Türme des Alpha-Hochhauses haben übrigens Turmfalken ihr Nest, unten die Jungvögel aus dem Jahr 2008.

Vor drei oder vier Jahren habe es Probleme mit Jugendlichen gegeben, „die meinten, den Dicken machen zu müssen“, erinnert sich Wenig. „Aber man kommt weiter, wenn man mit ihnen redet und sie nicht beschimpft.“ Jetzt seien sie aus dem Alter heraus und es herrsche wieder Ruhe. Dagegen ist der gebürtige Bayer noch immer begeistert von der Freundlichkeit seiner Mitbewohner quer durch alle Nationalitäten: „Jeder, der mit dem Aufzug fährt, sagt beim Aussteigen Tschüss. Das kenne ich aus keinem anderen Hochhaus.“ Und wer vor dem Lift warte, stelle sich automatisch hinten an der Schlange an, betont Herbert Blum.

Info-Box

Das Alpha-Hochhaus wurde von 1974 bis ’76 erbaut und besteht eigentlich aus zwei Türmen, die über die innenliegende Aufzugs- und Treppenanlage miteinander verbunden sind. Es ist rund 90 Meter hoch, wobei einer der Türme mit 26 Stockwerken eines niedriger ist als der andere. 226 Wohnungen haben die Adresse Weserstraße 11; Verwalter Wenig geht von knapp 800 Bewohnern aus. Der Name kommt daher, dass das ursprünglich vorgesehene Bauprojekt mit acht Hochhäusern (das größte mit 35 Stockwerken) Alpha-Center heißen sollte.

Auch seien die Kontakte innerhalb des Hauses stark. Wenig: „Die Leute helfen sich gegenseitig und passen aufeinander auf.“ In den ganzen 33 Jahren habe es gerade mal zwei Wohnungsaufbrüche gegeben – „und die haben wir selbst aufgeklärt.“ Kriminalität innerhalb der Anlage sei kein Thema. Immer wieder, berichtet er, würden Leute einziehen, weil sie von Freunden wissen, wie sauber und sicher es im Alpha-Hochhaus sei. Dafür sorgt natürlich auch die Videoanlage, mit der der gesamte Eingangsbereich und die Aufzüge überwacht werden. „Wenn etwas wäre, könnten wir das 72 Stunden nachvollziehen.“ Und dann lässt er seinen Blick über den blankgeputzten Boden streifen, während eine junge Dame vorbeiläuft und freundlich grüßt.

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