Praxis in Langen geschlossen 

Erneute Praxisschließung: Sieben Sitze im Westkreis Offenbach nun unbesetzt 

+
Einfache Rechnung: Mehr Patienten + weniger Ärzte = längere Wartezeiten. KARIKATUR: Buxbaum

Die hausärztliche Versorgung in Langen hat sich erneut verschlechtert. Aktuell sind im Westkreis Offenbach sieben Arztsitze für Allgemeinmediziner unbesetzt.

Langen – Die hausärztliche Versorgung in Langen hat sich erneut verschlechtert: Zum 30. September hat Susanne Geuckler ihre Praxis vis-à-vis der Post geschlossen; einen Nachfolger gibt es nicht. Somit sind im Westkreis Offenbach mittlerweile sieben Arztsitze für Allgemeinmediziner unbesetzt. Und die Lage wird auf absehbare Zeit nicht besser – ganz im Gegenteil: In den kommenden zwei bis drei Jahren sind mindestens zwei weitere Praxisschließungen aus Altersgründen in Langen absehbar.

„Der von der Politik in den Blickpunkt gerückte Ärztemangel auf dem Land ist längst in der Stadt angekommen.“ Fast gebetsmühlenartig wiederholt Dr. Matthias Scholz diese Mahnung seit nahezu zehn Jahren. Der Vorsitzende des Medizinischen Qualitätsnetzes Langen-Dreieich (MQLD), in dem sich die niedergelassenen Ärzte zusammengeschlossen haben, blickt mit großer Sorge in die Zukunft. Denn Langen wächst enorm; allein bis zum Jahr 2021 sollen fast 4000 auf dann 42 000 Bewohner hinzukommen. Und die anderen Westkreiskommunen prosperieren ebenfalls. Sprich: Auch der Blick über die Stadtgrenzen hinaus bringt Langens Bürger nicht weiter.

Langen: Arzt-Praxis geschlossen 

„Alle Kollegen arbeiten an der absoluten Kapazitätsgrenze und darüber hinaus“, sagt Scholz. Das gelte im Übrigen nicht nur für die Hausärzte, sondern auch für die zwei Kinderärzte in Langen.

Die Gründe für die Misere sind vielschichtig. Generell sei festzustellen, dass in der Ärzteschaft eine große Frustration herrsche – nicht zuletzt durch die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), es sei ja keiner gezwungen, „als Kassenarzt tätig zu sein“. Dazu kämen ständige Gängelungen seitens der Kassenärztlichen Vereinigung (KV): „Die kommen und wollen gestandenen Kollegen, die seit 20 oder 30 Jahren praktizieren, erklären, wie sie Medizin machen sollen.“ Das führe dazu, dass sich junge Kollegen lieber in Kliniken anstellen lassen, als das Risiko und den Stress einer eigenen Praxis auf sich zu nehmen.

Was früher üblich war, nämlich die Übernahme einer gut gehenden Praxis durch einen jungen Mediziner, ist sehr schwierig geworden. Das musste offenbar auch Susanne Geuckler erfahren. Näher dazu äußern mochte sich die Medizinerin, die ihre Praxis – nach erfolgloser Nachfolgersuche – aus gesundheitlichen Gründen geschlossen hat, nicht.

Eigentlich mache es Sinn, eine vorhandene Praxis zu übernehmen, weiß Dr. Scholz. Während eine Facharztpraxis etwa 200 000 Euro koste, sei eine Hausarztpraxis mit 20 000 bis 40 000 Euro (je nach Größe und Patientenzahl) deutlich günstiger. Dafür könne der neue Arzt dann die vorhandene Infrastruktur, die Räume und die Patientendaten nutzen und habe auch gleich Personal, das ansonsten schwer zu finden sei.

Andererseits kann ein interessierter Mediziner für gerade mal 120 Euro den freien Arztsitz kaufen. Er verzichtet dann zwar auf die erwähnten Vorteile, dürfte aber trotzdem kaum Probleme haben, Patienten zu finden.

Westkreis Offenbach: Sieben Arztsitze für Allgemeinmediziner unbesetzt 

„An sich ist das hier eine tolle Region für Ärzte“, betont Scholz, auch, weil es viele Privatpatienten gebe. Und wenn sich schon keine neuen Kollegen finden, die sich hier niederlassen wollen, müsste die KV wenigstens die vorhandenen Ärzte halten. „Sie müssten mal die Kollegen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, fragen, wie sie ihnen das Leben erleichtern können, um sie zu motivieren, noch etwas länger zu praktizieren.“ Doch das Gegenteil sei der Fall. „Wir haben jetzt einen Engpass, in den wir sehenden Auges reingeschlittert sind.“

Inzwischen ist das Problem auch in der Kommunalpolitik angekommen. Den Stadtverordneten liegt für die kommende Sitzung ein Antrag der FWG-NEV vor, der einen Bericht des Magistrats zur zukünftigen ärztlichen Versorgung in Langen fordert. Im Sozialausschuss wurde das Ansinnen bereits einstimmig abgenickt.

Dieser Bericht solle noch in diesem Jahr vorliegen, verspricht Bürgermeister Frieder Gebhardt. Er könne dann Grundlage für Gespräche mit der KV sein. Dabei könnte es auch darum gehen, wie die Stadt bei der Ansiedlung weiterer Hausärzte helfen könne. „Als damals die Augenarztpraxis von der Schließung bedroht war, haben wir auf der städtischen Internetseite einen Aufruf veröffentlicht. Man muss schauen, ob das auch hier Sinn macht.“

Allerdings sieht Gebhardt, dass auch die KV „eine ganze Reihe von Faktoren gar nicht beeinflussen kann“. So würden immer mehr Frauen Medizin studieren, die dann auch mal in Teilzeit arbeiten möchten, was in einer eigenen Praxis nur schwer möglich sei. „Die Mediziner haben heute eine ganz andere Lebensplanung als die gestandenen Hausärzte von früher.“

Die Folgen des Ärztemangels im Westkreis werden wohl vor allem Neubürger zu spüren bekommen. Denn wer neu zuzieht, muss erst mal einen Arzt finden, der ihn auch aufnimmt

Von Markus Schaible

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare