Fünfköpfige Flüchtlingsfamilie in Langen

60 erfolglose Anläufe, eine geeignete Bleibe zu finden

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Langen/Offenbach - Dass bezahlbarer Wohnraum im Rhein-Main-Gebiet knapp ist, hat sich herumgesprochen. Der soziale Wohnungsbau kann mit der Nachfrage nicht mithalten, der Bedarf ist viel größer als das Angebot. Besonders schwer haben es Flüchtlinge, die nach ihrer Anerkennung oftmals vergeblich eine Bleibe suchen. Von Christoph Zöllner

Shabna Kakar lebt seit vier Jahren in Deutschland, seit zwei Jahren steht fest, dass sie bleiben darf. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt sind auch ihre Mutter und drei Geschwister im Alter von 17 bis 19 Jahren, mit denen sie aus Afghanistan geflohen war. Inzwischen wohnt die Familie zu fünft in einer viel zu kleinen Langener Dreizimmerwohnung. Die Mutter ist krank, muss aber im Wohnzimmer auf der Couch schlafen. Bislang hat Shabna Kakar 60 Wohnungsangebote abgeklappert – erfolglos.

Regelmäßig durchstöbert sie Zeitungen und Internet nach Anzeigen. Oft scheitert sie schon bei der Kontaktaufnahme. „Die erste Frage am Telefon ist immer, ob wir arbeiten“, berichtet die junge Frau. Sobald der Name Pro Arbeit fällt, ist das Gespräch beendet. „Oder wir haben keine Antwort auf unsere Mails erhalten.“ Shabna Kakar strebt eine Ausbildung zur Krankenpflegerin an, ihr jüngster Bruder absolviert bereits eine Lehre als Hotelfachmann, ihre Schwester lernt Friseuse.

Von den vielen Misserfolgen entmutigt, bat sie eine ehrenamtliche Helferin in Langen um Hilfe. Die Ehrenamtlerin schrieb eine Mail an eine Wohnungsbaugesellschaft. Von dieser war bekannt, dass einige von ihr verwaltete Wohnungen frei waren. Allerdings fiel auch hier die Antwort negativ aus. Begründung: Man wolle nicht, dass in dieser Gegend so viele Afghanen wohnen.

Nur zweimal gelang es der Familie überhaupt, die ersten Hürden zu überwinden und sich eine Wohnung anschauen zu können. Einmal hatte sie bereits das O.K. vom Vermieter, erhielt dann aber eine Absage – er habe die Wohnung nun doch anderweitig vergeben. Ein andermal wollte der Vermieter die Kakars auswählen, indes lag die Miete über der von der Pro Arbeit vorgegebenen Höchstgrenze.

„Wir müssen aus der jetzigen Wohnung dringend ausziehen, da sie komplett saniert werden muss“, berichtet Shabna Kakar. Die Familie wünscht sich, nicht gleich abgewiesen zu werden, „nur weil wir keine Deutschen, noch in Ausbildung und deswegen auf Unterstützung durch Pro Arbeit angewiesen sind.“

Wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe des Diakonischen Werks in Langen berichten, ist Familie Kakar kein Einzelfall. Häufig hören sie Sätze wie diesen: „Sobald ich am Telefon SGB-II erwähne, legt der Vermieter sofort auf.“ Oder: „Ich muss meine Ausbildung abbrechen, wenn ich keine Wohnung finde.“ Dabei sei ein würdiger Wohnraum ein wesentlicher Faktor, soll die Integration einmal gelingen. „Wir erwarten von den Zuwanderern, dass sie sich integrieren, aber die Bedingungen sind vor allem durch die Wohnsituation sehr erschwert“, sagt ein Sozialarbeiter der Diakonie. Die ablehnende Haltung, die sie bei der Wohnungssuche erfahren, verstärkt das Gefühl, nicht gewollt zu sein.

Diakonie und Caritas wissen allein in Langen von rund 140 Zuwanderer-Haushalten, die eine Wohnung suchen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Die Berater wünschen sich, dass Eigentümer mehr Bereitschaft zeigen, an Flüchtlinge zu vermieten. „Bei privaten Vermietern geht es am besten über persönlichen Kontakt“, berichtet eine Sozialarbeiterin der Diakonie. „Dabei könnten auch Gemeinsamkeiten erkannt werden.“

Bundesregierung stellt weitere Wohngelderhöhung in Aussicht

Wer in Langen Kontakte mit Flüchtlingen und Beratern knüpfen will, besucht das „Café Welcome“ der Kirchen. Hier können sich Bürger und Flüchtlinge kennenlernen und gemeinsam Spaß haben, etwa beim Spielen, Musizieren und Basteln. Das Café öffnet wieder am 11. Januar und 8. Februar, jeweils von 15.30 bis 17.30 Uhr im Pfarrsaal Thomas von Aquin (Berliner Allee).

Und wer weiß? Vielleicht ergeben sich nach dem Abbau der Hemmschwellen ungeahnte Möglichkeiten. Eine alleinstehende Vermieterin im fortgeschritteneren Alter beispielsweise könnte etwa davon profitieren, dass ein junger Mann oder ein Familienvater den einen oder anderen Hausmeisterdienst für eine viel zu groß gewordene Immobilie übernimmt, während die Eigentümerin ab und an auf die Kinder aufpasst. „Wir wollen den Leuten die Angst nehmen“, sagt die Mitarbeiterin der Caritas. Kein Vermieter müsse befürchten, „dass die Leute wieder verschwinden“. Schließlich seien diese ja als Flüchtlinge anerkannt.

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