Unter St. Martins Deckmäntelchen

Langener Corona-Gegner deklarieren Demo als Laternenumzug

St. Martinszug
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Mit St. Martin hat die Veranstaltung in Langen nichts zu tun (Symboldbild). Die Deklarierung als „Laternenumzug“ sorgt für Kritik.

In Langen sorgt ein vermeintlicher „Laternenumzug“ für Aufregung. Denn auf einem Plakat, das in der Stadt kursiert, treten als Veranstalter des Umzugs unter dem Motto „für ein bekanntes Normal“ verschiedene Organisationen auf, die als Sammelbecken für Corona-Leugner und Masken-Gegner bekannt sind. Die Stadt und die Evangelische Kirchengemeinde kritisieren die Veranstaltung.

Langen – Auf den ersten Blick sieht es ganz unschuldig und harmlos aus, das Plakat, das seit einigen Tagen für Aufregung in der Stadt sorgt: Ein Erwachsener und drei Kinder sind darauf als gezeichnete Figuren mit leuchtenden Laternen unterwegs. „Laternenumzug für Jung und Alt“ prangt darüber. Erst die anderen Formulierungen irritieren: „für und gegen“, „mit und ohne“ steht da und das Motto der Veranstalter „für ein bekanntes ,Normal’“.

Mit einem Blick auf eben jene Veranstalterliste, die im unteren Teil des Plakats abgebildet ist, wird klar, um welches „Normal“ es den Organisatoren geht: Da finden sich die „Lehrer für Aufklärung“, „Eltern stehen auf“, die lokale Abordnung der Querdenker und das Logo von „Politiker müssen haften“ – dem Slogan, den Langener seit dem Bürgermeister-Wahlkampf mit der unabhängigen Kandidatin Stephanie Tsomakaeva verbinden. Dass diese Mixtur aus Gruppierungen, in denen sich bekanntermaßen Masken-Gegner und Corona-Leugner zusammentun, in Langen am heutigen Donnerstag einen „Laternenumzug“ veranstaltet, blieb in der Stadt nicht unentdeckt und schlug auch in den sozialen Netzwerken hohe Wellen.

Facebook-Nutzer fassungslos über Plakat

Bei Facebook sind viele Nutzer fassungslos: „Was soll diese perfide Instrumentalisierung, um die eigene Demo voll zu kriegen? Mir ist schlecht und dem heiligen Sankt Martin sicherlich auch“, schreibt eine Langenerin. Viele fragen sich, wie eine solche Veranstaltung genehmigt sein kann. „Alle Martinsumzüge wurden aus gutem Grund abgesagt und jetzt kapern Schwurbler ein christliches Fest und instrumentalisieren Kinder“, kommentiert eine Nutzerin. Die katholischen und evangelischen Gemeinden verzichten aus Gründen des Infektionsschutzes auf Martinsumzüge. Andere verstehen die Aufregung nicht: „Da ist doch nichts gegen zu sagen. Man muss ja nicht teilnehmen, wenn einem das nicht passt.“

Auch im Rathaus hat der „Laternenumzug“ mit politischem Beigeschmack zu etlichen Nachfragen von Bürgern, aber auch Institutionen gesorgt. „Es handelt es sich um eine Demonstration, für die mit einer irreführenden Bezeichnung geworben wird“, klärt die Stadtverwaltung auf. Von der Veranstalterin wurde demnach eine Versammlung mit Demonstrationszug mit gut 100 Teilnehmern unter dem Motto „Politiker müssen haften“ angemeldet. Nach Informationen unserer Zeitung handelt es sich bei der Veranstalterin um Stephanie Tsomakaeva. Durch das Label „Demonstration“ muss die Stadt die Organisatoren aufgrund geltenden Rechts gewähren lassen, „wobei von den Teilnehmern die aktuellen Corona-Auflagen einzuhalten sind“, hebt Stadtsprecher Markus Schaible hervor. Scheinbar wurde bei der Anmeldung lediglich darauf hingewiesen, dass die Demonstranten Laternen mitführen könnten. „Wir haben natürlich Verständnis, dass die Bezeichnung ,Laternenumzug‘ für Unmut sorgt, da Kindergärten, Schulen und Kirchen auf eben diese Veranstaltungen verzichten müssen. Als politische Demonstration müssen wir sie allerdings zulassen“, erklärt Schaible.

Stadt Langen: „Haben keinen Handlungsspielraum“

Die Stadt habe bei der Genehmigung keinen Handlungsspielraum. Während alle anderen öffentlichen Veranstaltungen derzeit untersagt sind, dürfen Versammlungen nach Artikel 8 des Grundgesetzes – der Versammlungsfreiheit garantiert – stattfinden, wenn sie vorher ordnungsgemäß (48 Stunden vorher) bei der zuständigen Behörde angezeigt wurden. „Wir weisen darauf hin, dass es sich nicht um einen Laternenumzug im herkömmlichen Sinn handelt und wir es verwerflich finden, wenn – wie auf einem der Plakate – Kinder für politische Zwecke instrumentalisiert werden“, so Schaible.

Kritik der Evangelischen Kirchengemeinde Langen

Auch bei der Evangelischen Kirchengemeinde Langen ist man entsetzt. „Wir distanzieren uns in aller Form davon“, sagt Ulrike Glück-Löwenstein vom Kirchenvorstand. Das Martinsfest und die Laternenumzüge verknüpfe man mit dem Heiligen Martin, der seinen Mantel teilte und Nächstenliebe lebte – und seine Nächsten schützt. „Das steht in Widerspruch zu alledem, was diese Gruppierungen propagieren“, so Glück-Löwenstein. Auch der evangelische Pfarrkonvent weist darauf hin, dass Kinder mit ihren Laternen zu St. Martin an eine Geschichte von Nächstenliebe und Solidarität erinnern. Unter Solidarität verstehen die Langener Pfarrerinnen und Pfarrer dieser Tage: „Wir verzichten auf einen kleinen Teil unserer Freiheit, indem wir Abstand halten, Masken tragen und Kontakte vermeiden.“ Daher habe man alle Martinsumzüge abgesagt. An Stadtkirche und Petrusgemeindehaus wolle man durch ausgeschaltete Beleuchtung und Banner zeigen, dass man der Veranstaltung keine Kulisse biete.

Und es gibt weiteren Gegenwind: Nach Angaben der Stadt hat das Antifaschistisches Aktionsbündnis Langen für morgen eine Gegendemonstration angemeldet.

Von Julia Radgen

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