Teuflische Tänze vor der Stadtkirche

Unterhaltsam und Schaurig: Unterwegs in der Langener Altstadt mit Stadtarchivar Heribert Gött

Streifzug durch die Langener Geschichte: Stadtarchivar Heribert Gött (Dritter von links) in seinem Element.
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Streifzug durch die Langener Geschichte: Stadtarchivar Heribert Gött (Dritter von links) in seinem Element.

Heribert Gött sprudelt über vor lauter alten Anekdoten rund um die Langener Altstadt. Der ehrenamtliche Stadtarchivar ist mit der Seniorenhilfe unterwegs, führt seine Gäste durch die Gassen und erzählt längst vergessene Geschichten. Lustig, dramatisch und gruselig wird es auf der Spazierrunde, die gut eine Stunde dauert.

Langen – Das Haus mit den grünen Fensterläden gegenüber des Alten Rathauses könnte 1774 der Ort einer lustigen Geburtstagsfeier von Johann Wolfgang von Goethe mit dem Darmstädter Herausgeber und Naturforscher Johann Heinrich Merck gewesen sein. „Goethe war auf jeden Fall in Langen. In ,Dichtung und Wahrheit’ schreibt er sogar von der gut gepflasterten Straße von Langen“, hat Gött recherchiert. Ob es tatsächlich dieses Haus war oder ein anderes, sei heute nicht mehr nachzuweisen.

Direkt in der Nachbarschaft zur Schererschen Halle, wo einst Schnaps, Apfelwein und Likör gebrannt wurden, kennt der Archivar ein besonderes Detail: „Herr Scherer war ein angesehener Mann. Er durfte seinen Weinbrand sogar Cognac nennen. Das war ein großes Privileg und war nur mit Besitzungen in der Cognac zu erklären“, erläutert Heribert Gött.

Üble Geschichten gibt es rund um die Stadtkirche. Die Tanzlinde, die dort stand, war Pfarrer Eucharius Zinkeißen ein Dorn im Auge. 1568 schrieb er sogar einen Beschwerdebrief an die Landesherren und bat nach zehn Jahren in der Sterzbachstadt um Versetzung. „Keine Zucht und Ehrbarkeit“, beklagte Zinkeißen und sprach von „züchtigem Aufwerfen und Tänzen wie vom Teufel geritten“. Außerdem musste er sich über die mangelnde Disziplin seiner Schäflein ärgern. Sie kamen vielleicht jeden Sonntag zum Gottesdienst: „Aber sie schliefen in den Bänken“, berichtet der Archivar schmunzelnd.

Aber die Strafen für die Vergehen waren drakonisch. Langen hatte einen Lasterstein. „Daran wurden die Deliquenten angekettet. Am Hals. Sie mussten 24 Stunden dort stehen und jeder, der vorbeikam, durfte sie beschimpfen oder sogar mit faulem Obst bewerfen“, weiß Gött über die damaligen Bestrafungsmethoden zu erzäh-len.

Die historische Stadtführung führt die Gruppe weiter über die Frankfurter Straße. Gött erinnert an die alten Kilometersteine, die in Sandstein in die Straßen eingebracht wurden und heute noch zu finden sind. Es gebe welche, die die Distanz nach Darmstadt berechnen, aber in der Bahnstraße sei beispielsweise einer verlegt, der 12,6 Kilometer nach Groß-Gerau bemisst. Und in Höhe der Synagoge in der Dieburger Straße gibt es noch heute Kilometersteine in Richtung Dieburg.

Wallstraße und Hegweg waren einst Wälle und Hecken zum Schutz von Langen. Auf den Wiesen in Richtung Dreieichenhain habe während der französischen Besatzungszeit nach dem ersten Weltkrieg die Stunde der Schmuggler geschlagen. Die Langener waren ganz gut ausgestattet von den Franzosen, die bei ihnen gute Stimmung machen wollten. Diese Waren waren damals heiß begehrt bei den Dreieichenhainer Nachbarn.

Vorbei am Spitzen Turm – Langens erstes Gefängnis – und dem Stumpfen Turm geht es weiter in Richtung Bachgasse. Gött zeigt die mittelalterlichen Sühnekreuze, die aufgestellt wurden, um Schuld anzuerkennen und Blutrache zu verhindern. Diese beiden wertvollen Relikte aus dem Mittelalter sollen künftig noch besser geschützt werden und in Zusammenarbeit mit dem Verkehrs- und Verschönerungsverein sowie der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach eine Sanierung erhalten.

Eine tragische Geschichte hat der Stadtarchivar hier noch zu erzählen. Eine junge Frau, ledig, hatte im 18. Jahrhundert aus Verzweiflung um ihre ausweglose Situation ihr Kind im Bach ertränkt. Sie wurde zum Tode verurteilt und in Bessungen mit dem Schwert hingerichtet.

Elke Dürr, die als Vorstandsmitglied der Seniorenhilfe die Gruppe begleitet, ist froh, dass der Ausflug mit Heribert Gött geklappt hat: „Es ist einer der ganz wenigen Veranstaltungen, die wir jetzt durchführen konnten. Die Nachfrage war groß, aber wir haben es bei zehn Teilnehmern belassen, um die Abstände wahren zu können. Vielleicht können wir diese Runde ja noch mal anbieten“, hofft Dürr. (Von Nicole Jost)

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