Verfahren eingestellt

Todesdrohung unter Nachbarn: Guter Rat statt Verurteilung

Langen - Widersprüchliche Aussagen, ein unwilliger Zeuge und letztlich die Frage: Ist der Angeklagte Täter oder vielleicht Opfer? Der Nachbarschaftsstreit, der in einem Mietshaus im Süden der Stadt für unschöne Szenen sorgt(e), war Stoff für zwei Verhandlungstage im Amtsgericht, die letztlich nur ein Ergebnis haben: Die Kosten dafür hat die Staatskasse (also die Allgemeinheit) zu tragen. Von Markus Schaible 

49 1/2 Jahre wohnt die 76-jährige Rentnerin nun bereits in dem Mietshaus und erinnert sich noch an die Zeiten, als dort eine überaus gute Nachbarschaft herrschte. Doch nun muss die Seniorin gar vor dem Amtsgericht erscheinen, weil die Situation zwischen zwei Parteien so sehr eskaliert ist, dass ein gerade 53 gewordener Mann wegen Beleidigung und Bedrohung angeklagt ist: „Ich bring dich um, du Hure“, soll er gesagt haben, nachdem er ihr an die Kehle gefasst habe, hatte die Frau am ersten Verhandlungstag erklärt (unsere Zeitung berichtete). Dabei habe sie nie verstanden, warum die Beiden, die ursprünglich sogar befreundet gewesen seien, überhaupt Streit hatten, zeigt sich die 76-jährige Zeugin ratlos.

Sie hat zwar nur das Ende des Zwistes im Dezember 2017 im Hausgang mitbekommen, macht aber vor Gericht als einzige im Zeugenstand den Eindruck, als schildere sie tatsächlich nur das, was sie auch gesehen hat. Beim ehemaligen Lebensgefährten („Wir hatten eine On/Off-Beziehung“) der angeblich bedrohten 53-Jährigen dagegen haben Richter und Staatsanwältin erkennbar Schwierigkeiten mit der Glaubwürdigkeit. Zumal sich der Mann überaus unwillig gibt, beiden Juristen ständig ins Wort fällt und Glück hat, dass sein ungebührliches Verhalten ohne Folgen bleibt.

„Ich kann mir solche Sachen nicht merken“, ist so ziemlich das Erste, was der 53-Jährige zu sagen hat. Laut seiner Ex war er ihr aus dem Badezimmer stürzend zu Hilfe geeilt und hatten den Angeklagten zurückgestoßen, woraufhin dieser im trunkenen Zustand die Treppe hinab gefallen sei. Ihr Sohn habe ihren Ex-Freund dann zurückziehen müssen, um eine weitere Eskalation zu verhindern, hatte die Frau angegeben.

„Ich bin eigentlich kein aggressiver Mensch“, betont der Zeuge, um wenig später zuzugeben: „Wenn ich die Wut kriege, sehe ich nicht mehr alles klar.“ Und: „Es ist nicht gut, wenn ich austicke.“

Ob der Angeklagte betrunken war, könne er nicht sagen. Aber eigentlich sei der „ein eher ruhiger Kerl“ und habe das alles gar nicht verdient. Zumindest glaube er, dass es seinerseits keine Schläge gegeben habe, nachdem er den Mann angesprungen und aus der Wohnung gestoßen habe.

Angedroht hat er sie ihm aber offenbar – so die 76-jährige Zeugin, die auf einer Etage mit dem Angeklagten und damit eine unter dem vermeintlichen Opfer wohnt. „Auf die Fresse hauen werde er ihm“, erinnert sie sich an den erregten Ex-Freund der Nachbarin – und es ist erkennbar, dass ihr die Wiederholung der Wortwahl schwerfällt. Dafür aber hatte sie sich an dem Tag energisch zwischen die Streithähne gestellt und ihnen Einhalt geboten: „Ich habe ihnen gesagt, dass hier keiner geschlagen wird.“ Dann habe sie den Angeklagten, der ganz ruhig und „bedröppelt“ dagestanden habe, aufgefordert, in seine Wohnung zu gehen und die Tür abzuschließen.

Bilder: Prozess gegen Rapperin Schwesta Ewa

Auch von ihrer Seite aus kein Hinweis auf eine Alkoholisierung des Mannes, wie sie Mutter („So besoffen habe ich ihn noch nie gesehen“) und Sohn herausgestellt hatten. Dafür aber erinnert sie sich an einen Vorfall ein paar Wochen zuvor, als der Ex-Lebensgefährte den Angeklagten im Hausgang „äußerst schlimm“ beschimpft habe.

Amtsrichter Volker Horn muss nicht lange überlegen: Die Aussagen seien teilweise problematisch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit. Speziell der Ex des mutmaßlichen Opfers (der beim ersten Termin noch unentschuldigt gefehlt hatte) habe einen „denkbar schlechten Eindruck“ gemacht: „So hatte ich mir das vorgestellt nach dem, was ich in den Akten gelesen habe.“ Auch bei der Frau und ihrem Sohn habe er Zweifel. Letztlich bleibe nur, das Verfahren einzustellen. Für den 53-jährigen Angeklagten hat er aber einen Rat: „Sie sollten versuchen, Mutter und Sohn aus dem Weg zu gehen, um keine Situationen zu schaffen, die eskalieren könnten.“ Und mit Blick ins Bundeszentralregister: „Meiden Sie den Alkohol.“

Rubriklistenbild: © dpa

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