Langener Kinogeschichte, Teil 3:

Verlorene „völkische“ Jahre

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Langen - Sah es im Sommer danach aus, als würde jahrzehntelange Kinotradition in der Stadt ein jähes Ende finden, so ist diese Gefahr inzwischen gebannt. In der Lichtburg gibt’s auch weiterhin Kino – ab sofort sogar in Digitaltechnik. Von Herbert Bauch

Ex-Stadtarchivar Herbert Bauch hat im Kontext der vergangenen Monate die Geschichte der Langener Kinos aufgearbeitet. Dies ist der dritte und letzte Teil seiner lokalhistorischen Filmreise.

Anfang 1932 stellte die vier Jahre zuvor im Saalbau der Gaststätte Zum Lämmchen (Schafgasse 29) eröffnete „Neue Lichtbühne“ ihre Filmprojektoren für immer ab. Zu mächtig war wohl das Konkurrenz-Unternehmen: die „UT-Lichtspiele“.

Die hatten im August 1928 nach einem Umbau stolz verkündet: „Wir haben unser Theater neugestaltet ganz den Wünschen unseres Publikums (entsprechend), in jeder Hinsicht aller Geschmack Rechnung tragend, und jedenfalls nicht das versäumt, was einem separaten Lichtspiel-Theater an Aufmachung gebührt.“ Ein Haus der Leinwandstars und -helden, das durchgängig „cineastisches Ambiente“ bot, entsprach ganz offensichtlich dem Publikumsgeschmack mehr als ein einfacher Wirtshaussaal, der vielerlei (bierselige) Nutzungen zuließ.

Nazis veränderten deutsches Filmwesen

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das deutsche Filmwesen radikal. Man habe sich darauf einzustellen, dass „die nationalsozialistische Bewegung in die Wirtschaft und die allgemeinen kulturellen Fragen, also auch in den Film, eingreife“, erklärte Propagandaminister Joseph Goebbels gleich zu Beginn der NS-Herrschaft. Der solle nun „völkische Konturen“ erhalten und Kunst sei nur dann möglich, „wenn sie mit ihren Wurzeln in das nationalsozialistische Erdreich eingedrungen ist“.

Die völkisch-rassistische und politische „Säuberung“ setzte umgehend ein. Bereits im Frühjahr 1933 hatte die Ufa, der größte deutsche Filmkonzern, alle jüdischen Mitarbeiter entlassen. Ziel war ein deutsches Filmgewerbe, aus dem alle ausgeschlossen wurden, die politische Gegner darstellten und/oder den antisemitischen und nationalistischen Vorstellungen der Nazis nicht entsprachen. Zudem sollte die verstaatlichte Filmindustrie zum Instrument der NS-Führung werden. Mehr als 1 500 Filmschaffende flohen aus Deutschland – „und wurden durch sich politisch anbiedernde Schreiberlinge und zweitklassige Opportunisten ersetzt“, so der Filmhistoriker Eric Rentschler. Ein Aderlass, von dem sich die deutsche Filmindustrie künstlerisch nicht mehr erholen sollte.

Die veränderten politischen Verhältnisse machten sich schnell vor Ort bemerkbar. Schon Mitte Mai 1933 lief in Langen der Streifen „Blutendes Deutschland“. Noch im Dezember 1932 von der Weimarer Filmzensur nur für Veranstaltungen der NSDAP freigegeben und mit „Jugendverbot“ versehen, legte Regisseur Johannes Häussler unmittelbar nach der Machtübernahme eine verschärfte nationalistische Neufassung vor, die nun für die Jugend freigegeben war. Die Propagandafilme „Hitlerjunge Quex“ und „SA-Mann Brand“ (beide 1933 gedreht) waren ebenfalls zu sehen. Das berüchtigte antisemitische Machwerk „Jud Süß“ mit Heinrich George und Maria Söderbaum erlebte im November 1940 zahlreiche Aufführungen.

Bestrebungen nach Vergrößerung

Ab 1936 gab es Bestrebungen, in Langen wieder ein zweites Lichtspielhaus zu etablieren; es blieb bei der Planung. Die UT-Betreiber wiederum wollten 1938 ihre Vorführungsstätte vergrößern und reichten bei den zuständigen Behörden Erweiterungspläne ein. Das Baugesuch wurde aber abgelehnt.

Als am 8. Mai 1945 Hitler-Deutschland bedingungslos kapitulierte, hinterließ es als „Erbe“ mehr als 1 000 ab 1933 gedrehte Spielfilme, die häufig als „unpolitische“ Filme in die Nachkriegskinos kamen. So zum Beispiel der 1942 uraufgeführte Streifen „Brüderlein fein“ mit Paul Hörbiger, der Ende 1946 über die Leinwand der Langener „UT-Lichtspiele“ flimmerte. Zwar legte die amerikanische Besatzungsmacht Wert darauf, dass keine Propaganda-Filme der NS-Zeit zur Aufführung kamen. Die „unterhaltsamen“ Filme der Jahre 1933 bis 1945 ließ sie aber problemlos passieren.

Freilich verweigerte sie den bisherigen UT-Betreibern, den Geschwistern Daubert, die Vorführungslizenz, sodass diese ihr Haus an einen Lizenzbesitzer namens F.W. Harnisch aus Frankfurt verpachteten. Dessen Vertrag lief bis Ende 1948, danach übernahmen die alten Betreiber wieder die Regie in der Rheinstraße 32. Sie blieben nur kurze Zeit konkurrenzlos: Am 12. März 1949 hob sich abermals der Vorhang in den „Lindenfels-Lichtspielen“ (Bahnstraße 25), nun nicht mehr im Saal über dem Schankraum der Gastwirtschaft, sondern im Nebengebäude. Pächter des „LiLi“ war der Langener Heinrich Ebling, die Lizenz führte eine Frau Hasselblatt aus Frankfurt.

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Anfang 1950 folgte ein drittes Filmtheater, ein Neubau: die „nach modernsten architektonischen und künstlerischen Gesichtspunkten errichtete“ „Lichtburg“ in der Bahnstraße 73/Ecke Wiesenstraße. Die Eröffnung fand vor geladenen Gästen statt, ihnen führte Direktor Harnisch „Hallo Janin“ vor, ein 1939 gedrehtes Werk mit Marika Rökk und Johannes Heesters in den Hauptrollen. „Es erinnerte an die guten Zeiten deutscher Filmproduktion“, schrieb die Lokalpresse.

Auch das „UT“ setzte im Frühjahr 1950 ein Zeichen, indem es die lange geplante Modernisierung und Erweiterung in Angriff nahm. So wurde der Eingang vom Wiesgässchen in die Rheinstraße verlegt und vorführungs- wie komfort-technisch aufgerüstet. Mit etwa 500 Sitzplätzen zog es in Größe und Ausstattung mit der neu erbauten „Lichtburg“ gleich. Zur Premiere hatten ebenfalls nur Geladene Zutritt, ihnen präsentierten die Dauberts „Eroica“, ein österreichisches Nachkriegswerk zum Leben Beethovens.

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