Viagra im Abwasser braucht keiner

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Gregor Knopp von der TU Darmstadt (links) und Werner Hötzel, Geschäftsführer des Abwasserverbandes, überprüfen die Versuchsanlage, mit der seit vier Monaten Rückstände von Arzneimitteln beseitigt werden. Die ersten Ergebnisse sind beachtlich.

Langen - Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Viagra – nein, die Rede ist nicht vom Arzneimittelschrank des italienischen Ministerpräsidenten, sondern davon, was Langener und Egelsbacher so tagtäglich einnehmen und auch wieder ausscheiden. Von Markus Schaible

Denn bis zu 60 Prozent der Wirkstoffe eines Medikamentes bleiben nicht im Körper, sondern landen in der Toilette. Und damit in der Kläranlage. Dort konnten sie bislang nicht entfernt werden – eine Gefahr, die von Fachleuten erst nach und nach erkannt wird.

Auch wenn die Langzeitwirkungen noch gar nicht exakt erforscht sind, ist Handlungsbedarf gegeben, haben die Verantwortlichen des Abwasserverbandes Langen/Egelsbach/Erzhausen erkannt. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Darmstadt und mit finanzieller Unterstützung des Landes ist vor vier Monaten eine Versuchsanlage in Betrieb gegangen, um herauszufinden, wie der Chemie-Cocktail aus dem Abwasser herausgefiltert werden kann.

Hauptproblem sei, dass die typischen Arzneimitteleigenschaften einer einfachen Beseitigung im Wege stünden, erläuterte Ministerialrat Dr. Eberhardt Port vom Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bei einem Informationsbesuch auf der Kläranlage: „Die Wirkstoffe sind stabil in Wasser, denn sie sollen nicht leicht abbaubar sein.“

In Deutschland sind knapp 3000 Arzneimittelwirkstoffe in annähernd 10 000 Präparaten zugelassen. Über die Verkaufstische der Apotheken gehen jährlich mehr als 30.000 Tonnen, Tendenz steigend. Und nicht nur durch die menschlichen Ausscheidungen geraten die Stoffe ins Abwasser; oft werden Medikamente auch unsachgemäß über die Toilette entsorgt.

Die Wirkstoffe stehen im Verdacht, bei Fischen oder Fröschen biologische Veränderungen hervorzurufen. „Es wurde festgestellt, dass Froschpopulationen verweiblichen“, berichtet Professor Peter Cornel (TU Darmstadt), der wissenschaftliche Leiter des Projekts. Und der Wissenschaftler schließt wie seine Kollegen auch Risiken für den Menschen nicht aus.

Zusammenhang mit Zivilisationskrankheiten?

Zwar handelt es sich bei den gefundenen Mengen um verschwindend geringe Anteile im Nanobereich – ein Nanogramm sind ein milliardstel Gramm. Oder anders gesagt: 50 Nanogramm pro Liter entsprechen einer Menge von 50 Gramm in einer Talsperre wie dem Edersee.

Dennoch: Es bestehe die Möglichkeit, dass die Stoffe als sogenannte Triggersubstanzen fungieren. Heißt: Sie legen sozusagen einen Schalter im Körper um. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zu typischen Zivilisationskrankheiten.

Umso größer sei die Bedeutung des 270.000 Euro teuren Forschungsvorhabens, sagt Werner Hötzel, Geschäftsführer des Abwasserverbandes. Ziel sei ein Reinigungsgrad, der eine dem Trinkwasser vergleichbare Qualität liefert. Auch wenn es dafür noch keinen gesetzlichen Zwang gebe, seien EU-weite Auflagen absehbar. „Wir wollen unsere Anlagen frühzeitig auf künftige Reinigungserfordernisse ausrichten und uns für die Zukunft wappnen“, betont Hötzel.

Bereits nach vier Monaten gebe es beachtliche Ergebnisse, berichtet Cornel: So seien vom Blutfettsenker Bezafibrat beim Einlauf in die Anlage 80 bis 100 Nanogramm pro Liter gemessen worden, nach der Filtration sei der Stoff nicht mehr nachweisbar. Ähnlich sei es bei anderen Medikamentenrückständen. Große Probleme würden jedoch Röntgenkontrastmittel darstellen.

Auf der Kläranlage im Wald bei Schloss Wolfsgarten probieren die Wissenschaftler unterschiedliche Verfahren aus, wie die Spurenstoffe an Aktivkohle angelagert und dadurch entfernt werden können. Am Ende des zweijährigen Versuchs soll die wirtschaftlichste und für die Praxis tauglichste Methode feststehen. Unterschiede ergeben sich unter anderem dadurch, ob die Kohle anschließend regeneriert werden kann oder teuer verbrannt werden muss. Der flächendeckende Einsatz solcher Anlagen würde die Abwassergebühren von derzeit durchschnittlich 124 um fünf bis acht Euro pro Einwohner und Jahr erhöhen, schätzt Cornel. „Und letztlich muss die Gesellschaft entscheiden, ob es ihr das wert ist.“

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