Prozess um gefährliche Körperverletzung

Die vielen Versionen eines Opfers

Langen/Darmstadt - Eine Stunde Verhandlung nach dreieinhalb Stunden Wartezeit – auch das gehört zum Alltag in deutschen Justizbehörden. Und letztlich wurde das Verfahren eingestellt. Spannend war’s trotzdem. Von Silke Gelhausen 

Im aktuellen Fall dachte die Offenbacher Polizei, der sich in ihrem Gewahrsam befindliche Angeklagte würde vom Amtsgericht Darmstadt abgeholt werden – was normalerweise nie der Fall ist. Aufgrund dieses Trugschlusses verzögerte sich der Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Jugendschöffengericht derart, dass Richter Martin Wallocha alle acht Zeugen wieder nach Hause schickte und schon einen Folgetermin plante. Auch der Gerichtsmediziner musste irgendwann wegen wichtiger Termine den Saal verlassen. Doch trotz aller Widrigkeiten konnte die Verhandlung noch stattfinden – und endete mit einer Einstellung des Verfahrens.

Verhandelt wurde ein Ereignis vom 15. März 2017. Laut Anklageschrift ging der heute 20-jährige Angeklagte in den Abendstunden mit seiner damaligen Freundin in der Egelsbacher Gemarkung spazieren. Auf einem Feldweg sei es zur Auseinandersetzung gekommen, der Langener habe die Gleichaltrige ins Gesicht, gegen Kopf und Körper geschlagen. Als sie zu Boden ging, soll er noch auf Kopf, Oberkörper und Unterleib eingetreten haben. Erst als sich zwei Hundehalterinnen nähern, habe er vom Opfer abgelassen. Bei der jungen Frau sind Prellungen an Bauch, Schädel und Ellenbogen dokumentiert; sie erstattet Anzeige.

Eigentlich ein eindeutiger Fall, sollte man meinen. Doch diese Schilderung des Ausflugs ist leider nicht die Einzige der Egelsbacherin. Während der Angeklagte vor Gericht jegliche Aussage verweigert, trägt die alleinige Zeugin des Vorfalls ihre nunmehr fünfte Version vor. „Es waren nur leichte Schläge gegen den Oberkörper und keine Tritte“, so die 20-Jährige. Bei der Polizei hatte sie im Vorfeld die ganze Bandbreite von selbst zugefügten Verletzungen bis hin zu einem versuchten Tötungsdelikt protokollieren lassen. Dazu die Geschädigte: „Die Polizei hat meine Angaben nicht korrekt aufgenommen.“

Die beiden zufällig des Wegs gekommenen Frauen hatten zwar Geräusche gehört, aber nichts gesehen – können also kein entscheidendes Detail zum Fall beitragen. So nimmt Richter Wallocha die fünfte Version als gegeben hin und mildert die Anklage der gefährlichen in eine einfache Körperverletzung ab.

Archivbilder

Bilder: Prozessauftakt gegen mutmaßlichen IS-Kämpfer

Als Gegenleistung für die Verfahrenseinstellung darf der Informatikstudent sechs Monate lang keinen Kontakt zur Ex-Freundin aufnehmen. Außerdem muss er nach Weisung der Jugendgerichtshilfe an drei Anti-Aggressionstrainings teilnehmen. Verstößt er gegen diese Maßgaben, wird das Verfahren wieder aufgenommen.

Seine Festnahme kurz vor Prozessbeginn (weshalb er im Polizeigewahrsam saß) war im Übrigen ebenfalls aufgrund eines Hilferufs der Frau erfolgt. Sie hatte mitgeteilt, dass der Student sie bedrohen würde und ihre Aussage beeinflussen wollte. Die Beamten hatten den Langener daraufhin nachts in seinem Elternhaus aus dem Bett geholt.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: picture-alliance / dpa

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