Vorstand weist Kritik zurück

Volksbank Dreieich: Verein fordert geringere Dispozinsen

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Wer kurzfristige Engpässe in der Krise überbrücken will, greift gerne zu einem Dispokredit.

Durch Kurzarbeit oder sogar Arbeitslosigkeit ist gerade in vielen Haushalten das Geld knapp. Wer kurzfristige Engpässe in der Krise überbrücken will, greift gerne zu einem Dispokredit.

Langen – Der Verein Bürgerbewegung Finanzwende hat die FMH-Finanzberatung aus Frankfurt mit einer Untersuchung beauftragt: Sie überprüfte 1 250 Anbieter von Dispositionskrediten – das decke den größten Teil der deutschen Bankenlandschaft ab – und fand heraus, dass bei fast der Hälfte aller Kontomodelle der Zinssatz zehn Prozent und mehr beträgt. Der Dispokredit der Volksbank Dreieich ist mit 12,9 Prozent sogar einer der zehn höchsten Zinssätze aller untersuchten Institute.

Das ist dem Verein Bürgerbewegung Finanzwende, der sich unter anderem für Verbraucherschutz einsetzt (siehe Kasten), eindeutig zu viel, wie er in einem offenen Brief an die Volksbank Dreieich betont. „Wir halten Dispozinsen von zehn Prozent und mehr in der derzeitigen Phase für deutlich überhöht. Banken und Sparkassen sollten durch überhöhte Zinsen nicht zu einem unnötig hohen Schuldenberg beitragen“, sagt Julian Merzbacher, Verbraucherschutzexperte bei Finanzwende.

Die Bürger seien unverschuldet in diese Krise geraten und viele würden vermutlich in den kommenden Wochen auf Dispositionskredite zurückgreifen. „Menschen, die bereits zuvor wenig Einkommen hatten, sind nun oftmals in einer noch schwierigeren Lage. Banken und Sparkassen sollten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein und die Situation um Corona nicht nutzen, um Menschen durch überhöhte Dispozinsen immer stärker in Not zu bringen“, betont der Verein in dem Schreiben.

„Wir fordern Sie dazu auf, diese Praxis in der derzeitigen Situation umgehend zu beenden und Ihren Zinssatz auf unter zehn Prozent zu senken“, formuliert der Verein in dem offenen Brief an den Volksbank-Vorstand. Niedrigere Dispozinsen seien kundenfreundlich und möglich – das hätten einige Sparkassen bewiesen, die während der Corona-Krise die Dispozinsen zumindest für Bestandskunden deutlich gesenkt hätten. „Gleichzeitig machen einige Banken – darunter auch Regionalinstitute – seit Jahren vor, dass sie auch mit Dispozinssätzen von deutlich unter zehn Prozent wirtschaften können, unabhängig vom Kontomodell“, schreibt der Verein weiter.

Jens Prößer, Vorstand der Volksbank Dreieich, verweist auf den intensiven Wettbewerb unter Banken und Sparkassen und spricht von „marktgerechten Zinskonditionen“. Das Gesamtkonzept sei für die Kunden wichtig und das werde durch solch eine Auswertung nicht berücksichtigt. „Während 12,9 Prozent beispielsweise den höchsten Dispozins eines der Kontomodelle der Volksbank Dreieich eG darstellt, liegt dieser für die Mitglieder unserer Bank drei Prozent niedriger“, betont Prößer. Der günstige Dispokredit für Volksbank-Mitglieder bilde so ein „stimmiges Gesamtpaket“ mit dem kostenlosen Online-Girokonto und der persönlichen genossenschaftlichen Beratung, betont er.

Die Volksbank setze auf Vorbeugung: „Es ist Bestandteil genau dieser genossenschaftlichen Beratung, dass wir mit unseren Mitgliedern und Kunden präventiv sprechen. Das bedeutet, dass wir immer dazu raten, eine Reserve vorzuhalten oder diese gezielt anzupassen, um mögliche Engpässe zu vermeiden“, betont Prößer. Damit sorge man dafür, dass ein Dispokredit erst gar nicht nötig werde – lediglich als „besonders flexible Lösung für den sehr kurzfristigen Bedarf“.

Geraten Kunden in finanzielle Engpässe, suchen die Berater gemeinsam mit ihnen geeignete Lösung. Prößer verweist auf die Konsumentenkredite der Volksbank als Möglichkeit der längerfristigen Finanzierung, die ab einem Jahreszins von 4,99 Prozent zu haben sind – „und damit deutlich günstiger als ein Dispositionskreditzins“. Zudem biete die Volksbank durch die Stiftung „Deutschland im Plus“ eine kostenfreie Schuldnerberatung.

Prößer wehrt sich gegen den Vorwurf, dass die Bank die aktuelle Situation ausnutze. In der Corona-Krise habe die Volksbank ihr Angebot etwa durch ein Sonderkreditprogramm zu einem Zinssatz von 3,29 Prozent erweitert – für das der Kunde keine Sicherheiten stellen müsse.

VON JULIA RADGEN

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