Interview

LES-Rektor Max Leonhardt zur kurzfristigen Komplettöffnung der Grundschule

Abstand halten auf dem Schulhof – aber drinnen werden die Kinder der LES wieder in voller Klassenstärke unterrichtet. Schulleiter Max Leonhardt sieht das kritisch.
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Abstand halten auf dem Schulhof – aber drinnen werden die Kinder der LES wieder in voller Klassenstärke unterrichtet. Schulleiter Max Leonhardt sieht das kritisch. 

Der Rektor der Ludwig-Erk-Schule in Langen sieht die Öffnung der Schulen kritisch. Im Interview spricht er über die Lage.

Langen – Seit dem vergangenen Montag dürfen alle Kinder zurück an die Schulen – und das kurz vor den Sommerferien. Wie die Ludwig-Erk-Schule (LES) Langen die Öffnung handhabt, wie die Landesentscheidungen bei Eltern ankommen und welche Sorgen das Kollegium hat, darüber spricht Rektor Max Leonhardt im Interview.

Die Regelschule „für alle“ hat wieder begonnen, wie ist das Gefühl nach der ersten Woche, wie läuft es?

Es läuft den Umständen entsprechend gut. Die Kinder halten sich an die Hygieneregeln und geben sich viel Mühe. Sie haben ein Gespür dafür, dass es besondere Zeiten sind. Einige Kinder empfinden die Situation bedrohlich, andere agieren ganz normal, fröhlich und unbeschwert wie sonst auch. Bei einigen Kindern habe ich das Gefühl, dass sie die Situation durchaus belastet. Aber Kinder erleben natürlich auch Zuhause ganz unterschiedliche Dinge. Manche Eltern sind sehr besorgt, andere weniger.

Der Unterricht ist schon sehr anders als üblich. Wir haben überwiegend Frontal- und Arbeitsphasen, keine Gruppen- oder Partnerarbeiten. Wir verzichten auf Rituale wie den Morgenkreis, kooperative Lernformen sind gerade schwierig. Für meine Kollegen ist diese Pandemie eine Ausnahmesituation: Sie müssen sich extrem an den Zeitplan halten, weil eben alles genau getaktet ist. Die Klassen haben unterschiedliche Unterrichtsanfänge und Pausen, damit die Lerngruppen sich nicht begegnen und durchmischen. Der Plan funktioniert bislang sehr gut.

Wie organisieren Sie den Unterricht ohne Sicherheitsabstände?

Ein Problem beim Hygieneplan 3.0 – so heißt die jüngste Richtlinie – ist ein kleiner Hinweis: Darin steht, dass für die Grundschulen der Sicherheitsabstand im Klassenraum aufgehoben wird. Aber alle anderen Dinge sind nicht angepasst an diese Vorgabe. Zum Beispiel: Sportunterricht ist erlaubt, aber nur unter bestimmten Bedingungen. In der Klasse sitzen die Kinder eng nebeneinander. Aber in der Sporthalle sollen alle zwei Meter Abstand halten. Da gelten die Regeln aus dem Hygieneplan 2.0. Da wurde nichts angepasst. Die Kinder tragen alle Mund-Nasen-Schutz, wenn sie in die Schule kommen. Im Klassenraum nicht und in ihrem auf dem Schulhof zugeteilten Viertel in den Pausen auch nicht. Den Toilettengang haben wir mit Magneten geregelt: Wenn vier Magneten hängen, darf kein fünftes Kind auf die Toilette. Im Gebäude selbst haben wir die Wege im Einbahnstraßensystem eingerichtet.

Es gab viele Proteste von den Lehrerkräften, aber auch von Eltern, die die komplette Öffnung der Grundschulen zwei Wochen vor den Ferien kritisiert haben. Wie war das bei Ihnen an der LES?

Bei mir hat diese Entscheidung Unverständnis hervorgerufen, muss ich ganz ehrlich sagen. Wir hatten gerade zwei Wochen das Modell des Unterrichts in zwei Gruppen umgesetzt. Das hat hervorragend geklappt. Wir haben eigens einen Stundenplan dafür gemacht – übrigens schon der dritte in den vergangenen Monaten. Dann kam die Nachricht der kompletten Öffnung. Das hat Ungläubigkeit bei den Kollegen ausgelöst und bei vielen Eltern. Keiner von uns hat begriffen, warum das zwei Wochen vor den Ferien sein muss.

Verstehen sie die Kritik, dass Grundschüler und Lehrer jetzt als „Versuchskaninchen herhalten“?

Letztendlich hat diese Entscheidung vor allem das Gefühl meiner Fürsorgepflicht sehr strapaziert. Meine Fürsorge für die Kinder, für deren Familien und für meine Kolleginnen. Mir haben die Argumente des Kultusministeriums nicht eingeleuchtet. Da wurden drei wissenschaftliche Fachleute genannt, die der Meinung waren, dass man das jetzt als Test so umsetzen sollte. Ich finde die Entscheidung wagemutig und unnötig. Was ich auch sehr bedenklich fand, war die Wortwahl des Kultusministers (Alexander Lorz, Anm. d. Red.), dass man die Idee ganz „spannend finde“. 

Das ist die unpassendste Wortwahl, die man sich denken kann, wenn wir über einen Testlauf mit Kindern und Lehrkräften reden. Letztere kamen mir überhaupt in der ganzen Diskussion zu kurz. Die Älteren trifft diese Krankheit im Falle einer Infektion schlimmer und wir haben nicht wenige Lehrkräfte, die älter sind. Da fehlt mir das Verständnis. Aber: Wir sind Beamte, wir nehmen solche Aufträge an und versuchen, sie so gut wie möglich umzusetzen, das haben wir getan. Wobei ich sagen muss: Es war ein riesiger Kraftakt, jetzt wieder neu zu planen. Wir mussten jede Klasse für sich bedenken, alle haben unterschiedliche Startzeiten. Ein ganz schön schwieriges Unterfangen.

Macht es pädagogisch Sinn, die letzten beiden Wochen vor den Sommerferien so zu nutzen?

Als pädagogisch würde ich diesen Plan nicht bezeichnen. Der Fachunterricht kann nur sehr begrenzt stattfinden. Die wirkliche Fachkraft darf nicht in die Klasse, weil sie ja nach den Hygienevorschriften nicht in mehr als einer Klasse eingesetzt werden darf. Wir haben Lehrerteams gebildet. Die Klassenlehrerin in ihrer jeweiligen Klasse und dazu ein Fachlehrer, der von der Stundenanzahl gut dazu passt.

Die Kinder hatten sich zuvor sehr gut in den Wochenrhythmus eingefunden, zwei Mal in der Woche in die Schule zu kommen. Für die Förderung der Kinder war das meiner Meinung die bessere Variante. Wir konnten intensiv in Kleingruppen arbeiten. Gerade nachdem die Kinder lange gar nicht in der Schule waren, war es wichtig, alle genau im Blick zu behalten. Bei einer Gruppe mit zehn oder zwölf erkenne ich sofort, ob ein Kind die schriftliche Division verstanden hat. Wenn nicht, kann ich mir gezielt noch mal Zeit nehmen, es zu erklären. Das ist bei 20 oder 24 Schülern schon weit schwieriger. Also: vom Inhaltlichen ist die aktuelle Lösung nicht die bessere Version – zumindest nicht in dieser Phase. Wir hätten jetzt Ruhe gebraucht, es fortzusetzen.

Wie groß ist die Angst der Eltern vor einer Infektion?

Angst ist vielleicht das falsche Wort. Eltern haben durchaus Respekt vor dem Virus. Das merken wir daran, dass sie sehr gut darauf achten, dass die Kinder Mund-Nasen-Schutz dabeihaben, dass sie schnell darauf reagieren, wenn wir rückmelden, dass die Kinder zu früh hier sind und sie pünktlich kommen sollen, damit sich nie zu viele Kinder gleichzeitig auf dem Schulhof sammeln. Eltern sind besorgt, aber ängstlich sind relativ wenige.

Gibt es Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken?

21 von unseren 350 Schülern sind abgemeldet. Wir haben keine Begründung verlangt, aber Eltern haben sich erklärt und die Erläuterungen sind ganz unterschiedlich. Einige haben es damit begründet, dass Oma und Opa im gleichen Haushalt wohnen, oder sie zum Beispiel ein zweites Kind mit Herzfehler haben, und deswegen das Risiko zu groß ist.

Haben Sie auch Lehrer, die als mögliche Risikofälle nicht kommen müssen?

Am Freitag vor einer Woche gehörte ich selbst noch zur Risikogruppe. Da war ich mit 64 Jahren gefährdet, jetzt offensichtlich nicht mehr. (Das Kultusministerium hat verfügt, dass Lehrkräfte, die 60 Jahre und älter sind, künftig nicht mehr automatisch von der Präsenzpflicht freigestellt sind, Anm. d. Red.) Das hat sich schnell geändert – toll! (lacht) Da fällt mir wirklich nur Ironie ein. Spaß beiseite, unsere Kollegen, die die 60 überschritten haben, sind auch vorher zum Unterricht gekommen. Sie wollten ihre Klassen weiter mit gutem Unterricht versorgen und die Kinder begleiten. Nach aktueller Regel könnten ein oder zwei Kolleginnen zuhause bleiben, aber alle sind da.

Das Gespräch führte Nicole Jost.

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