Waldspaziergang zu Grenzmarkierungen

Von Steinläufern und Läufersteinen

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Leicht zu entdecken ist dieser Grenzstein in der Koberstadt. So manches Exemplar liegt freilich gut getarnt im Unterholz, wie die Teilnehmer des VVV-Spaziergangs feststellten.

Langen - „Der Stein liegt etwa zehn Meter in diese Richtung versteckt“, sagt Wilhelm Ott und deutet ins Dickicht. „Mal sehen, ob Sie ihn finden. “ Die Umstehenden lassen sich nicht lange bitten, suchen zwischen Baumstämmen, Büschen und Blättern. Von Daniel Untch

Mitten im herbstlichen Wald ist so ein bemooster Stein gar nicht so leicht zu finden. Die Suchaktion gilt keinem gewöhnlichen Stein – Objekt der Begierde ist ein Grenzstein. Um solchen auf die Spur zu kommen, trafen sich jüngst mehr als zwei Dutzend Interessierte zum Grenzsteinspaziergang des Langener Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV). Den sachkundigen Führer spielte Wilhelm Ott, Grenzsteinobmann im Westkreis Offenbach.

Gleich zu Beginn der Wanderung präsentiert Ott den „wohl schönsten Grenzstein“ etwas abseits vom Weg. Somit wird direkt klar, weshalb in der Ankündigung festes Schuhwerk empfohlen wurde. Den gut im Gebüsch versteckten Stein hatte Ott zuvor schon etwas frei gelegt, damit das eingemeißelte Wappen zu erkennen ist. Drei übereinanderliegende Winkel markieren das ehemalige Hanauer Gebiet.

Dann geht es zurück auf den Weg und hinein in die Koberstadt. Läuft man sonst achtlos an den vielen Grenzsteinen vorbei, fallen sie bei dieser Gelegenheit ganz automatisch ins Auge. Immer wieder stehen sie am Wegesrand – „als historische Zeugen ihrer Zeit“, wie Ott betont. Die Steine sind nummeriert, damit nachgeprüft werden kann, ob noch alle an Ort und Stelle sind. Wappen oder Initialen zeigen an, wessen Gebiete dort aneinander grenzen. So steht etwa LL für Landgraf Ludwig, der um 1760 sein Territorium markieren ließ. L steht für Langen und D für Dietzenbach, das früher einmal an Langen grenzte. „Wenn zwei Steine weit voneinander entfernt stehen, wurden kleinere Zwischensteine eingelassen“, erklärt Ott. „Diese nennt man Läufersteine.“

Grenzsteine müssen bleiben

Viele Steine stehen schon mehrere hundert Jahre an ihrem Ort. Andere hingegen haben gerade in jüngerer Vergangenheit größere und kleinere Reisen hinter sich bringen müssen. So bleiben die VVV-Steinläufer vor einem Exemplar stehen, von dem Ott erzählt, dass es zunächst nur lose im Wald gelegen habe. „Und auf einmal war er weg.“ Nach einigen Nachforschungen habe Ott ihn in einem privaten Garten gefunden – „der neue ,Besitzer’ hat ihn ohne Murren zurückgegeben“. Nach der Zwischenlagerung im Langener Stadtarchiv wurde der Stein wieder an ursprünglicher Stelle eingegraben. Denn, wie der Obmann erklärt: „Es ist verboten, Grenzsteine zu entfernen. Außerdem ist es so, dass der Ort, an den der Stein gehört, seine Seele ist. Steht er woanders, ist er bloß ein Stein ohne Bedeutung.“

Als Grenzsteinobmann hat Wilhelm Ott ein vielfältiges Aufgabengebiet. So kontrolliert er beispielsweise regelmäßig, ob alle Steine noch intakt sind. Des Weiteren geht er immer wieder auf die Suche, um alte Steine zu entdecken. Dazu schaut er sich in Archiven die historische Flur- und Gemarkungsgrenzen an und geht diese anschließend mit Hilfe eines GPS-Gerätes ab.

Auf diese Weise hat Ott auch jenen Stein abseits des Weges entdeckt, nach dem die Gruppe Grenzsteininteressierter nun Ausschau hält. Nach kurzer Zeit hallt ein „Ich hab’ ihn“, durch den Wald und die Gruppe schart sich um den Stein, der einst die Grenze zwischen Hanau und Darmstadt markierte. „Jetzt im Herbst macht es aber keinen Sinn, nach Steinen zu suchen“, sagt Ott. „Erst im Frühjahr, wenn das Laub weg ist, beginnt die Grenzstein-Jagdsaison.“

Einstimmige Runde

Mit einer Anekdote vom Brauch des Grenzgangs weiß der Obmann die Zuhörer zu amüsieren. Einmal im Jahr liefen Repräsentanten angrenzender Territorien gemeinsam die Markierungen ab, um sie zu überprüfen. „Dabei wurden auch Kinder mitgenommen. Und die setzte man auf einen Grenzstein und gab ihnen eine kräftige Ohrfeige, damit sie sich merken, wo der Stein steht.“

Abgesehen von ihrem historischen Wert markieren viele Steine nach wie vor Flur- und Gemarkungsgrenzen zwischen den Stadtgebieten. Auch wenn heutzutage für die Grenzen die sogenannte Besteinungspflicht nicht mehr herrscht, gilt wie zu allen Zeiten: Es ist strikt verboten, Grenzsteine zu versetzen, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen.

Der Rundgang findet sein Ende am Radarturm des Deutschen Wetterdienstes; mittlerweile hat Regen eingesetzt. Die begeisterte Gruppe hofft auf Fortsetzung, konnten doch während des zweistündigen Spaziergangs längst nicht alle Grenzsteine in Augenschein genommen werden. „Nächstes Jahr treffen wir uns hoffentlich zum nächsten Teil“, ertönt es einstimmig aus der Runde.

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