Populäre Musik und naturnahe Beisetzungen gefragt

Der Wandel der Bestattungskultur

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Naturnah: Auf dem Langener Friedhof sind etliche Bestattungsvarianten möglich. Bereits 2011 gestalteten die Kommunalen Betriebe dort einen Friedpark. Zudem planen die KBL derzeit, einen eigenen Bestattungswald in Oberlinden zu betreiben.

Langen - Die Bestattungskultur hierzulande ist vielfältiger geworden und auf den einzelnen Trauerfall zugeschnitten. Von der traditionellen Erdbestattung über die Almwiesenbestattung bis zur Seebestattung – die Informationsseite „www.bestattungsplanung.de“ listet mehr als 20 verschiedene Formen der Beisetzung auf. Von Christian Mulia 

Auch auf dem Langener Friedhof haben Hinterbliebene vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bei Grabstätten und Trauerfeiern. Im Trend liegen die Urnenbestattungen, übrigens nicht nur in den Städten. In Langen wurde diese Form bei 70 Prozent der 380 Beisetzungen im vergangenen Jahr gewählt.´Grabsteine, Urnen und Traueranzeigen werden individuell angefertigt und ausgesucht. Das Bedürfnis nach einer persönlichen Gestaltung der Trauerfeier kommt insbesondere in den Liedwünschen zur Geltung. Immer häufiger werden klassische Musik, Schlager oder Popsongs eingespielt. 2017 entschieden sich die Trauernden am häufigsten für das „Ave Maria“ (Franz Schubert), gefolgt von „Time to say goodbye“ (Sarah Brightman) und „Amoi seg’ ma uns wieder“ (Andreas Gabalier).

An Bedeutung gewinnen die Bestattungswälder, die sich außerhalb der städtischen Friedhöfe befinden. Die Urne, mitunter aus Holz oder Bioplastik, wird direkt im Baumwurzelbereich beigesetzt. So wird die Asche dem Kreislauf der Natur zurückgeführt. Mittlerweile finden fünf Prozent der Bestattungen in den rund 100 deutschen Friedwäldern und Ruheforsten statt. Nach anfänglichen Vorbehalten wird diese Bestattungsform inzwischen von der evangelischen und der katholischen Kirche akzeptiert, sofern die Grabstätte öffentlich zugänglich ist und Namenstafeln für die Verstorbenen sowie christliche Symbole an den betreffenden Bäumen befestigt werden können.

Auf die gestiegene Nachfrage nach naturnahen Bestattungen hat der Langener Friedhof 2011 mit der Gestaltung eines Friedparks reagiert. Derzeit planen die Kommunalen Betriebe Langen (KBL), einen eigenen Bestattungswald zu betreiben. „Wir haben geprüft, welche Waldstücke dafür infrage kommen, und uns für eine Grünfläche in Oberlinden entschieden“, so Ralf Krupka, Abteilungsleiter Friedhof bei den KBL.

Rund ein Fünftel aller Deutschen wird jährlich anonym bestattet. Dahinter mag der Wunsch der Verstorbenen stehen, den Hinterbliebenen nicht zur Last zu fallen. Die Angehörigen bekunden wiederum, dass der Tote im Herzen der Liebenden weiterlebe, weswegen ein Grabstein überflüssig sei. Die Kirchen sehen diese Entwicklung kritisch. „Die Trauer braucht nicht nur einen Ort, sondern auch einen Namen“, wendet Pfarrer Reinhard Zincke ein. „Denn mit dem Namen verbindet sich die unverwechselbare Persönlichkeit eines Menschen“, betont der Dekan des Evangelischen Dekanats Dreieich.

Wie werde ich Trauerredner/in?

Einen Kompromiss stellt die sogenannte halbanonyme Bestattung dar. Sie erfolgt auf einer Rasenfläche oder in einer Gemeinschaftsgrabanlage. Die einzelnen Grabstellen werden hier nicht eigens gekennzeichnet. Dafür sind auf einer Stele Namenstafeln der Verstorbenen angebracht. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts werden katholische und evangelische Kirchen mancherorts zu architektonisch ansprechenden Urnenkirchen umgestaltet. Die Urnen werden dort in vorgesehenen Fächern aufbewahrt. Teilweise finden in diesen Gotteshäusern weiterhin Gottesdienste statt, was eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten herstellt.

Außerdem werden die Bestattungs- und Friedhofsgesetze überarbeitet. Eine offene, multikulturelle Gesellschaft respektiert die religiösen Bräuche auch am Lebensende. Mit Blick auf die muslimischen Mitbürger lassen fast alle Bundesländer Ausnahmen von der Sargpflicht zu. Die Verstorbenen können stattdessen in einem Leinentuch beigesetzt werden. Ende 2011 wurde in Langen ein muslimisches Grabfeld in Richtung Mekka ausgewiesen.

Die Kirchen erheben allerdings Einspruch gegen Vorstöße, den Friedhofszwang ganz preiszugeben – so wie in den Niederlanden, der Schweiz oder Tschechien. Dort kann nach der Feuerbestattung die Asche der Toten zu Hause aufbewahrt oder an beliebigen Orten verstreut werden. „Die Trauer und das Totengedenken sind jedoch keine Privatangelegenheit“, ist Zincke überzeugt, „vielmehr brauchen sie einen öffentlichen Raum.“

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