Das Leiden der Buchen

Warum rund um den Langener Steinberg zahlreiche Bäume gefällt wurden

Revierförster Manfred Schröpfer (links) und Forstamtsleiter Melvin Mika mit den Überresten einer gefällten Buche.
+
Schwarzer Pilz, weiße Flecken: Revierförster Manfred Schröpfer (links) und Forstamtsleiter Melvin Mika begutachten die Überreste einer gefällten Buche.

Der Koberstädter Wald rund um den Langener Steinberg ist in einem schlechten Zustand. In den vergangenen Wochen mussten rund 200 Bäume – vorwiegend Buchen – gefällt werden. Bei einem Rundgang erklären Forstamtsleiter Melvin Mika und Revierförster Manfred Schröpfer, wieso.

Langen – Nummer 97 hat Glück gehabt. Die große Buche, gekennzeichnet mit roter Farbe aus der Sprühdose, darf erst einmal stehen bleiben. Lange gibt Manfred Schröpfer ihr aber nicht mehr: „Der Baum ist rettungslos verloren“, sagt der Revierförster. „Er wird die nächsten Jahre absterben.“ Schröpfer läuft um den kräftigen Stamm herum, immer wieder bückt er sich und hebt Rindenstücke vom Waldboden auf. Er blickt hoch zur dürren Krone. „Die sind einfach von den Ästen abgefallen“, erklärt er.

Dem Langener Wald geht’s nicht gut, das sieht jeder, der dort einen Spaziergang macht. Stürme und Trockenheit der vergangenen Sommer haben sichtbare Spuren hinterlassen: Abgebrochene Stämme stehen in der Gegend herum, abgeknickte Äste hängen schlaff herunter, an vielen Bäumen platzt die Rinde ab, andere sind von Pilzen befallen. Trotzdem stapeln sich seit einigen Wochen in der Koberstadt rund um den Steinberg zahlreiche gefällte Buchen. In den sozialen Netzwerken kochen deswegen die Emotionen hoch. „Der Baum war sehr sehr krank? Da muss ich lachen“, kommentiert etwa ein Facebook-Nutzer das Foto einer frisch gefällten Buche. „Das kann ich nicht verstehen“, schreibt ein anderer. Und eine Userin findet: „Ganz schlimm momentan...“

Bei einem Ortstermin erklären Schröpfer und Forstamtsleiter Melvin Mika, warum viele Bäume – allesamt groß und kräftig – weichen mussten. „Unsere Taktik war: Wir gucken uns die Bäume aus, die todgeweiht sind“, erläutert Schröpfer. „Wir machen aber nur die weg, die eine Gefahr für Leib und Leben darstellen.“ Sprich: die in der Nähe der Waldwege stehen. Alternativ könne man die kranken Bäume auch stehen lassen, bis sie von alleine umfallen, so der Förster. „Dann müssten wir aber den ganzen Wald für Fußgänger sperren.“ Warte man zu lange, werde auch das Fällen gefährlich für die Forstamtsmitarbeiter: „Dann geht man unten mit der Kettensäge ran und oben fallen die Äste ab“, so Schröpfer.

Deswegen haben er und seine Kollegen alle Bäume, für die es keine wirkliche Hoffnung mehr gibt, mit einem roten Strich markiert. Um die 150 seien es westlich der A 661 gewesen, berichtet Schröpfer, gute zwei Drittel davon habe man fällen müssen, vorwiegend Buchen und einige Eichen. Östlich der Autobahn seien es in etwa genauso viele gewesen. Nur die Bäume, die – so wie die Buche mit der Nummer 97 – vielleicht noch eins, zwei Jahre durchhalten und weit genug abseits der Wege wachsen, durften stehen bleiben. Nun säumen abgetrennte Stämme allenthalben die Waldwege.

An den Schnittflächen der gefällten Buchen ist die Weißfäule gut zu erkennen, die den Baum seine Festigkeit verlieren lässt.

Schröpfer und Mika begutachten die Überreste einer Buche, die bereits gefällt und zersägt wurde. Mika pikst mit seinem Autoschlüssel ins Innere des Baumstamms, sofort bröselt das Holz. Schuld ist die sogenannte Weißfäule, ein Pilz, der dafür sorgt, dass der Holzbestandteil Lignin abgebaut wird und der Baum seine Stabilität verliert. Auch ist das Holz mit schwarzen Linien durchzogen: die Wurzeln (genannt Hyphen) eines anderen Pilzes. Ein paar Meter daneben stapeln sich 21 gefällte Buchen: Die Rinde ist noch intakt, doch an sämtlichen Schnittflächen der kräftigen Bäume sind die Flecken der Weißfäule gut zu erkennen. Aus dem Holz könne man höchstens noch Klopapier fertigen, erklärt Schröpfer. Die Stämme verkaufe das Land, dem das Waldstück gehört, an eine Firma in Stockstadt.

Daneben liegt ein weiterer Stapel mit neun Bäumen, an denen kein Makel zu erkennen ist. Sie gehen an eine Firma in Aschaffenburg und werden später als Stuhl oder Tisch wiedergeboren. Wie Mika erklärt, stammen sie von Bäumen, die „auf Augenhöhe“ noch gesund, in der Krone aber bereits krank sind. „Oft sind die unteren Meter noch vital, aber oben fällt schon Totholz raus.“ Manche vorgeschädigten Bäume habe man jetzt gefällt, damit man sie noch verwerten könne – den Sommer würden sie ohnehin nicht überleben. „Es gibt aber von Hessen Forst die ganz klare Vorgabe, keinen einzigen gesunden Baum zu ernten“, betont Mika.

Das viele Totholz macht betroffen, auch die Forstamtsmitarbeiter. „Ich fühle mich mittlerweile eher wie ein Leichenbestatter“, sagt Schröpfer. Wie soll das weitergehen? „Die Eiche ist unsere große Hoffnung“, so der Förster, „sie kommt mit der Trockenheit besser zurecht“. Genauso wie Kirsche, Esskastanie oder Linde. Bei der Wiederaufforstung vom Sturm zerstörter Flächen, etwa am Waldhaus Hotz, experimentiert das Forstamt zudem mit hitzeresistenteren Baumarten, etwa nordamerikanischen Roteichen und Douglasien oder südeuropäischen Pflaumeneichen. Mika ist sicher: „Wir werden hier in 50 Jahren immer noch Wald haben. Aber er wird anders aussehen.“ (Manuel Schubert)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare