Baum-Inventur und Wald-TÜV

Wie das Forstamt Langen den wichtigen Aspekt der Nachhaltigkeit umsetzt

Alle zehn Jahre wird der Holzvorrat ermittelt: Eine Försterin misst die Höhe der einzelnen Bäume.
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Alle zehn Jahre wird der Holzvorrat ermittelt: Eine Försterin misst die Höhe der einzelnen Bäume.

Unser Wald ist im Wandel. Deswegen hat unsere Zeitung in Kooperation mit dem Forstamt Langen eine Serie zum Wald gestartet. Dieses Mal geht es um das Thema Nachhaltigkeit.

Langen – Der Begriff Nachhaltigkeit ist vermutlich jedem schon einmal begegnet, sei es im Zusammenhang mit nachhaltiger Umweltpolitik, nachhaltig gefangenem Fisch oder auch nachhaltig geerntetem Holz. Bei all diesen Bereichen könnte man die Frage eines bekannten Kräuterbonbon-Produzenten stellen: „Wer hat’s erfunden?“

Die Antwort kommt nicht aus der Schweiz, sondern aus Sachsen und lautet: Hans Carl von Carlowitz! Der Oberberghauptmann des Erzgebirges prägte vor rund 300 Jahren den Begriff der Nachhaltigkeit, als der Bergbau mit seinem ungeheuren Holzbedarf die umgebenden Wälder fast verschlang. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit genau? Von Carlowitz’ Überlegung war, dass dem Wald nur so viel Holz entnommen werden darf, wie langfristig wieder nachwächst, damit auch künftige Generationen das Multitalent Holz nutzen können. Diesem neuen, regulierenden Blick auf die Waldbewirtschaftung verdanken wir die Tatsache, dass die Waldfläche in Deutschland seit 300 Jahren gleich geblieben ist und bis heute etwa ein Drittel des Landes bedeckt.

„Nachhaltigkeit ist also vorausschauendes Handeln für heute und die nächsten Generationen, und hat so auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun“, erklärt Iris Husermann vom Forstamt Langen. Übertragen auf ein Beispiel aus unserem täglichen Leben bedeutet Nachhaltigkeit etwa Folgendes: Wenn ich mich aus einem gefüllten Vorratsschrank bediene, muss ich später wieder etwas hineintun, damit andere nach mir die gleiche Ausgangssituation vorfinden. Bis heute gehört das Prinzip der Nachhaltigkeit zum Selbstverständnis der Forstleute in Deutschland und wird auch von Hessen Forst praktiziert. Seine Bedeutung wird angehenden Försterinnen und Förstern bereits im Studium vermittelt. „Dabei wird der Wald nicht ausschließlich als Rohstoffproduzent betrachtet, sondern als Ökosystem, das als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Produzent von Trinkwasser und Holz sowie als Erholungsort dauerhaft erhalten werden soll – nachhaltig eben“, erklärt Waldpädagogin Husermann.

Und wie kann man nun sicherstellen, dass unser Wald tatsächlich nachhaltig – also vorausschauend und bewahrend – bewirtschaftet wird? Als Planungshilfe dafür wurde bereits vor etwa 200 Jahren die sogenannte „Forsteinrichtung“ entwickelt. „Darunter versteht man nicht etwa die ,Möblierung‘ des Waldes – wobei es durchaus Ruhebänke gibt“, schmunzelt Husermann. Die Forsteinrichtung diene vielmehr der Arbeitsplanung und -kontrolle. „Das Forsteinrichtungswerk ist eine Art Inventur, die den Holzvorrat in unseren Wäldern ermittelt und alle zehn Jahre aktualisiert wird“, so die Försterin. Dabei wird im Einklang mit dem Hessischen Waldgesetz festgelegt, wie viel Holz in diesem Zeitraum geerntet werden darf, wo und was gepflanzt werden soll und welche Waldfunktionen besonders beachtet werden müssen. Im Forstamt Langen, das für Stadt und Kreis Offenbach zuständig ist, gibt es für den Wald jeder Kommune ein eigenes Forsteinrichtungswerk.

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es darum, den Wald für die nächste Generation zu bewahren.

Doch wer garantiert, dass die Vorgaben der Forsteinrichtung eingehalten werden? „Neben der obligatorischen Aufsicht durch vorgesetzte Behörden kann man seinen Wald auch durch unabhängige Unternehmen wie FSC Deutschland oder PEFC zertifizieren lassen“, so Husermann. Diese überprüfen regelmäßig, ob die Baumartenwahl ökologisch ist, ob ausreichend Totholz im Wald verbleibt und ob die eingesetzten Holzernte-Maschinen auf den für sie angelegten Wegen bleiben. „Abweichungen von den Vorgaben müssen innerhalb weniger Wochen korrigiert werden, sonst besteht die Gefahr, das Zertifikat zu verlieren“, betont die Försterin. Im Forstamt Langen ist der gesamte Wald PEFC- und teilweise auch FSC-zertifiziert. „Dieser ,Wald-TÜV‘ bescheinigte dem Forstamt erst kürzlich wieder, dass unsere Waldbewirtschaftung nachhaltig erfolgt“, freut sich Forstamtsleiter Melvin Mika.

Neben der Förderung der Schutz- und Erholungswirkung ist Nachhaltigkeit bei der Waldbewirtschaftung also der Garant dafür, dass wir und unsere Nachkommen dauerhaft über den nachwachsenden Rohstoff Holz verfügen können, sei es für Dachstühle, Möbel, Energie oder auch die morgendliche Tageszeitung. Ökologisch sinnvoll und sozial vertretbar kann dieser Bedarf aber nur aus unseren heimischen Wäldern gedeckt werden, getreu dem Motto: „Hier nicht auf Kosten von anderswo – und heute nicht auf Kosten von morgen.“

Derzeit ist allerdings die Nachhaltigkeit zu einer Herausforderung geworden, denn anhaltende Dürreperioden und Hitzesommer haben zu einer ungeplanten Bestandsentnahme geführt. Jetzt gilt es, mit besonderen Anstrengungen und entsprechendem Aufwand von Finanzmitteln den „natürlichen“ Nachwuchs durch gezielte Nachpflanzungen zu unterstützen. Auch im Wald ist die „Jugend“ – also junge Bäume – ein wichtiger Beitrag zur Zukunftssicherung. (Leo F. Postl)

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