HIMALAYA-TOUR Dieter Bachmann erlebt mit dem Motorrad eine abenteuerliche Reise

Auf zwei Rädern aufs Dach der Welt

Dach-Parkplatz: Unten schlafen die Fahrer, oben lassen die Mechaniker morgens die Motoren warm laufen.

Langen – Es ist ein reißender Gebirgsfluss, nicht sonderlich tief augenscheinlich, aber angesichts des schäumenden Wassers und der großen Steinbrocken dazwischen würde wohl kaum ein deutscher Autofahrer auf die Idee kommen, auf vier Rädern da durchzufahren. VON MARKUS SCHAIBLE

Dieter Bachmann macht’s auf zwei Rädern: Der Langener sitzt auf einem Motorrad der Marke Royal Enfield (Modell Himalayan), rollt auf der Schotterstraße an und dann geht es hinein ins rauschende Wasser – und auf der anderen Seite wieder raus.

Der Name des Motorrads ist in diesem Fall Programm – der Fluss befindet sich im indischen Teil des Himalaya-Gebirges. Und die Tour, die Bachmann unternimmt, führt über die höchsten Straßen und Pässe der Welt, bis auf über 5000 Meter Höhe.

Der 68-jährige gebürtige Düsseldorfer, der über Frankfurt, Neu-Isenburg und Sprendlingen 2004 nach Langen kam, ist leidenschaftlicher Motorradfahrer – „das habe ich von meinem Großvater“. Dabei haben es ihm vorwiegend ältere Maschinen angetan: „Nur ein einziges Mal habe ich mir ein neues Motorrad gekauft. Aber eigentlich interessieren mich die alten, weil man da mehr selbst dran machen kann. Und sie sehen mehr wie Motorräder aus.“ Drei Maschinen besitzt er: eine große BMW 1100 LT aus den 1990er Jahren, eine Heinkel Tourist (von 1961) und eine BMW K 75 C von 1985. Keine von ihnen wäre allerdings den Strapazen gewachsen gewesen, die eine derart abenteuerliche Tour wie die im Himalaya mit sich bringt. Doch Royal Enfield ist ein indischer Hersteller, die Motorräder sind somit sozusagen auf heimischen Strecken unterwegs.

„Es war schon immer ein großer Traum von mir“, sagt der frühere Technische Kaufmann bei einem Edelstahlhändler (Schwerpunkt Sonderwerkstoffe) über die Tour. „Per Zufall bin ich über eine Annonce gestolpert – und habe gedacht: Das ist genau das, was du suchst.“

Mit dem Flieger geht es nach Neu-Delhi, dann mit dem Zug weiter nach Shimla, der ehemaligen Sommerresidenz der englischen Gouverneure. Am Ende bewältigt eine noch von den Briten gebaute Schmalspurbahn die endlosen Kehren hinauf auf 2100 Meter. „Schon die Anreise ist abenteuerlich“, sagt Bachmann und lacht. „Das gibt einen guten Vorgeschmack.“

Nur, dass die kommenden Tage nicht mehr im Zug, sondern im Motorradsattel zugebracht werden. Der indische Organisator Motorcycle Expeditions stellt der knapp 30-köpfigen, abenteuerlustigen Motorradfahrergruppe, die sich erst im Hotel kennengelernt hat, für die Tour neben Reiseleiter, mehreren Mechanikern samt Pick-ups mit Ersatzteilen auch zwei Unfallärzte aus Deutschland zur Seite. Nicht ohne Grund, denn die nächsten zehn Tage werden es in sich haben ...

Schon der erste Abschnitt zeigt sich von seiner anspruchsvollen Seite. Noch bei Trockenheit geht es los, doch dann beginnt es zu regnen. Und weil eine Brücke eingestürzt ist, muss die Gruppe über Nebenwege ins 2500 Meter hoch gelegene Sarahan fahren. „Die letzten 15 Kilometer haben wir uns einen völlig verschlammten Berg raufgequält. Das war reines Geländefahren“, berichtet der Langener.

Es soll nicht das einzige Mal bleiben, dass die geplante Route nicht eingehalten werden kann. Ganz im Gegenteil: Weil der Monsun relativ heftig war, ist sogar ein großer Teil der ursprünglich gedachten Strecke aufgrund verschütteter Straßen nicht befahrbar. „Die Inder können sehr gut improvisieren“, schwärmt Bachmann von der „perfekten Organisation“.

Zum schlechten Wetter („Wir kamen klatschnass an“) kommen der Linksverkehr und die Tatsache, dass selbst Asphaltstraßen oft sehr eng und vor allem in schlechtem Zustand sind. Da auf diesen die gesamte Versorgung der Bevölkerung mit kleineren Zehn- bis Zwölf-Tonner-Lastwagen erfolgt, ist reichlich Verkehr. Und auch die Armee ist im Grenzgebiet mit China, Tibet und Pakistan viel in Bewegung, berichtet Bachmann von „endlosen Militär-Konvois“.

Belohnt werden die Strapazen mit grandiosen Eindrücken: Zum einen fährt man in Höhen, in denen in den Alpen nur noch nackter Fels zu finden ist, noch durch Obstplantagen – dank der Nähe zum Äquator. „Und dann ist man auf 3800 bis 4000 Metern im Hochland, die Luft ist extrem klar und man schaut auf Bergketten, die noch mal 2000 bis 3000 Meter höher sind. Das sind fantastische Ausblicke.“

Faszinierend seien auch die Kontraste: Zahlreiche Flüsse ziehen sich als links und rechts begrünte Bänder durch die Wüste. Andererseits sei Indien extrem farbenfroh und sehr abwechslungsreich: „Es kommt immer wieder was Neues“, sagt Bachmann. Und er stellt fest: „Es verändert einen.“

Fahrerisch „richtig interessant“ wird es dann auf den Schotterpisten – deshalb auch die ärztliche Begleitung. Bereits am zweiten Tag bricht sich eine Mitfahrerin bei einem Sturz das Schlüsselbein; nicht der einzige Unfall während des Trips.

Bei Kullu folgt eine andere Herausforderung: ein kilometerlanger, unbeleuchteter Tunnel – „mit Lastwagen, die darin überholen“, schildert der 68-Jährige. Ebenso höchste Konzentration ist aus anderem Grund angesagt: Während man in Indien noch um die ganzen heiligen Kühe „drumrum fahren muss“, ändert sich das glücklicherweise in Kaschmir, auch „die Schweiz Indiens“ genannt: „Da werden die Rindviecher wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt.“

Zahlreiche der höchstgelegenen Pässe der Welt wie Baralacha La (4850 Meter), Nakee La (4739) und Lachulung La (5065) überqueren Bachmann und seine Mitfahrer. Am Tso-Kar-See übernachtet die Gruppe auf 4500 Metern – „da hatte ich keine gute Nacht“. Morgens wird bei allen die Sauerstoff-Sättigung im Blut gemessen, ob sie noch fahrtüchtig sind. Doch der Langener steigt gleich freiwillig für einen Tag in den Kleinbus.

Es folgt einer der schönsten Abschnitte der Tour – von Leh nach Kargil, vorbei an den berühmten Klöstern Kaschmirs. Ende des Trips ist in Srinagar. „Die letzte Straße ist die abenteuerlichste überhaupt, nur Geröll, die Fahrbahn ist permanent verschüttet.“ Dazu kommen endlose Lkw-Karawanen – aber auch Fahrradfahrer ...

Danach gönnt sich Bachmann im Dal See (auf dem in luxuriösen Hausbooten übernachtet wird) erst einmal ein Bad. Bis ihm aufgeht, dass die Abwässer von 1000 Hausbooten alle direkt in den See fließen. „Ist aber alles gut gegangen“, sagt er und lacht.

Sein Fazit: „Das ist eine Tour, die macht man einmal im Leben und das bleibt für immer haften.“ Wobei: „Im Nachhinein denke ich immer mal wieder: Das würde ich auch noch ein zweites Mal machen ...“

Filmabend

Dieter Bachmann ist Mitglied im Fahrzeugveteranenverein Dreieich. Dieser organisiert am Mittwoch, 6. November, einen Filmabend, bei dem der Langener Bilder und Videosequenzen der Himalaya-Tour zeigt. Beginn ist um 19 Uhr im Restaurant Dejan in Sprendlingen, In der neuen Lach 15. Zur besseren Planung wird um Anmeldung gebeten bei Georg Hufnagel, z 0160 98617579.

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