PORTRÄT

Zwischen Künstlern und Terroristen - Regina Heidecke hat als Redakteurin viel erlebt

In Langen heimisch: Regina Heidecke, früher Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk und bei 3sat, engagiert sich heute in der Flüchtlingshilfe. 
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In Langen heimisch: Regina Heidecke, früher Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk und bei 3sat, engagiert sich heute in der Flüchtlingshilfe.

Regina Heidecke ist Redakteurin hochanspruchsvoller Ballettfilme, sie hat spannende Porträts von Künstlern aus Afghanistan oder dem Irak gedreht und ist eine Kennerin der kulturellen Szene, wie kaum eine andere Fernsehfrau ihrer Generation.

Langen – Keine Frage: Kulturliebhaber kennen ihr Gesicht und noch viel eher ihre Beiträge im Hessischen Rundfunk und aus der 3sat-Sendung „Kulturzeit“: Die Langenerin erzählt beim „Langener Themenabend“ im Gingko Haus 2 aus ihrem ganz persönlichen Leben, aus ihren Erfahrungen im Beruf und den Erlebnissen nach ihrer beruflichen Karriere.

1949 geboren und aufgewachsen in Bad Hersfeld, zieht ihre Familie nach Kassel um, als sie vier Jahre alt ist. „Meine Eltern waren reichlich mittellos, aber dank meines Großvaters, der Oberpostdirektor in Kassel war, kamen wir in einer schönen Altbauwohnung unter“, berichtet Heidecke aus ihrer Kindheit. Der Schwimmverein, Sport und Gemeinschaft haben sie in Nordhessen geprägt und beim nächsten Umzug ihrer Familie hat die sportliche Leistung geholfen: Als amtierende Hessenmeisterin glänzt sie in Frankfurt-Höchst bei den Schwimmwettbewerben – eine Wohltat nach den Anfangsschwierigkeiten, die sie als 14-Jährige und ganz neu in der Stadt und an der Helene-Lange-Schule hat. Mit der Pubertät wandelt sich das Interesse vom Sport zu Kultur, dank eines engagierten Pfarrers in Unterliederbach, der Theater ermöglicht, spielt sie das Gretchen in Faust. Der Berufswunsch war klar: Schauspielerin. „Aber meine Eltern waren strikt dagegen, ich sollte etwas Anständiges lernen“, berichtet Heidecke lachend.

Langen: Vortrag von Regina Heidecke

Sie beginnt das Studium der Soziologie, ist in der Studentenbewegung aktiv, besonders in der Frauenbewegung. In ihrer Freizeit erklimmt sie die Berge in den Dolomiten und ist fasziniert von Reinhold Messner und seiner Philosophie. Nach dem Abschluss des Studiums an der Goethe-Uni bringt sie ein Aushilfsjob zum Hessischen Rundfunk und eine beeindruckende Karriere nimmt ihren Lauf. Schon während eines Praktikums setzt ihr Chef Hoffnungen in sie, lässt Regina Heidecke sich ausprobieren. Sie entwickelt das Konzept für den Kulturkalender – eine Sendung, die 14 Jahre lang erfolgreich laufen sollte.

Privat läuft es auch rund: Sie trifft ihren Mann Siggi, die beiden heiraten und ziehen nach Langen, wo ihre Eltern bereits leben. Die Kinder Felix und Jenny werden geboren. „Ich war direkt zufrieden hier. Ich mochte den kleinstädtischen Charakter von Langen.“ Die Kinder erleben ihren beruflichen Alltag hautnah mit – U3-Betreuung ist noch eine Utopie für berufstätige Frauen. „Ich hatte sie so oft dabei, sie waren mit bei Dreharbeiten und im Büro. Ich hatte aber auch meinen Mann als große Stütze, der viel bei den Kindern blieb.“

Die 80er Jahre sind eine spannende Zeit beim HR: „Der Sender hatte einen Ausdehnungswillen und viele spannende Projekte begannen mit dem Satz meines Chefs: Ich habe da so eine Idee. Es war klasse und eine unheimliche Fundgrube für Themen und Menschen, die dort arbeiteten.“ Regina Heidecke dreht für 3sat ein Porträt mit der RAF-Terroristin Eva Haule, die damals schon 20 Jahre im Gefängnis saß. Es wurde später noch ein Halbstunden-Film für den HR daraus und Birgitta Trommler, Leiterin der Sparte Tanz des Staatstheaters in Darmstadt, hat die Geschichte von Haule zu einem gefeierten Tanztheater verarbeitet.

Reisen gehört zum Beruf

Für das Reisemagazin dreht sie in Schweden, New York oder Jamaica, sieht die Welt und wird Schlussredakteurin der 3sat-Kulturzeit. „Das war dann wieder ein ganz neues Arbeiten – aber im Rückblick war es die schönste Zeit meines beruflichen Lebens“, erzählt Heidecke. Dort entstehen auch die Filme mit den irakischen Künstlern, sie arbeitet mit dem NGO Institut for war and peace reporting im Nordirak zusammen, sie sieht Städte, die es heute nach den kriegerischen Auseinandersetzungen nicht mehr gibt. Sie gibt ihr Wissen weiter und reist auch als Referentin für Journalistinnen für Workshops in den Irak.

Wie abwechslungsreich, lustig und besonders liebevoll im Umgang mit den Kollegen das Team der Kulturzeit damals ist, beweist ein Abschiedsfilm, den die Kollegen eigens für sie drehen und den sie bei Ginkgo in Ausschnitten zeigt. Seit 2014 ist Regina Heidecke offiziell im Ruhestand – das Filmemachen hat sie nie ganz aufgegeben. 2017 reist sie nach Indonesien, um Workshops für junge Filmemacher zu geben, und auch bei ihrer ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in Langen, zu der sie über Frank Gottschling kam, arbeitet sie aktuell an einem Filmprojekt mit drei jungen kurdischen Männern zum Thema „Angekommen in Deutschland“. Derzeit ist sie mit dem Schnitt des Werks beschäftigt, außerdem ist sie einmal in der Woche in der Koordinationsstelle Miteinander in der Rheinstraße. „Es ist gut zu tun im Ruhestand“, schließt sie ihren Vortrag, der an diesem Abend ganz viel Applaus erntet.

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