Lockdown

Umfrage: Was von der vielfältigen Kulturlandschaft in Offenbach und der Region nach Corona übrig bleibt

Stillstand: Auf Plakaten machen die Bürgerhäuser Dreieich auf mögliche Folgen der Corona-Krise für die Kulturlandschaft aufmerksam.
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Stillstand: Auf Plakaten machen die Bürgerhäuser Dreieich auf mögliche Folgen der Corona-Krise für die Kulturlandschaft aufmerksam.

Lockdown für immer? Die Kulturlandschaft in Offenbach und der Region leidet. Was wird nach der Pandemie von ihr übrig sein? Eine Umfrage.

Offenbach – Zwei Wochen Lockdown sind geschafft: Die Türen von Theatern, Museen, Konzerthäusern und Kinos bleiben aber noch weitere zwei Wochen zu – mindestens. Nachtklubs und Diskotheken sind ohnehin seit Frühjahr dauerhaft geschlossen. Der zweite Lockdown in diesem Jahr trifft die Kulturlandschaft hart und könnte den Akteuren der ohnehin schon gebeutelten Szene endgültig den Rest geben. Wir haben uns bei Betroffenen in Stadt und Kreis Offenbach umgehört, wie es um ihre Zukunft steht. Was wird von unserer vielfältigen Kulturlandschaft in Post-Pandemiezeiten übrig bleiben?

„Jetzt tut es gerade richtig weh“, sagt Benjamin Halberstadt, Betriebsleiter der Bürgerhäuser Dreieich. Auf den Plakaten, die das Kulturprogramm für die nächsten Wochen ankündigen, kleben schwarze Banner, auf denen steht: „Ohne Kunst und Kultur wird’s still“. Der Spruch, der von einer deutschlandweiten Initiative stammt, treffe den Nagel auf den Kopf, findet Halberstadt. Wieder müssen die Kultureinrichtungen deutschlandweit schließen, obwohl sie gerade erst mit neuen Hygienekonzepten zaghaft wiedergeöffnet hatten. Das Überleben der kulturellen Vielfalt hängt jetzt am seidenen Faden.

„Die Situation im zweiten Lockdown ist vergleichbar mit einer Küstenstadt, über die gerade ein Tsunami gegangen ist – und dann fegt er ein zweites Mal drüber. Danach müssen wir erst mal gucken, was an Fragmenten übrig geblieben ist, und was man dann wieder aufbauen kann“, befürchtet Halberstadt.

Verschieben, umplanen, absagen, erneut umplanen, stornieren – so sei es das ganze Jahr 2020 gegangen, sagt Birgit von Hellborn. Mehrere Hygienekonzepte und Bestuhlungspläne habe sie ausgearbeitet, erzählt die Geschäftsführerin von Capitol und Stadthalle Offenbach. Um überhaupt Veranstaltungen stattfinden zu lassen, hatte sie den „Kleinen Kultursalon“ ins Leben gerufen – aber auch der hat jetzt wieder zu.

Rein gar nichts sei mehr sicher, sagt von Hellborn, noch nicht einmal, ob man nach Corona auf Knopfdruck wieder in alter Form loslegen könne. Denn unter den ausfallenden Konzerten, Kabarett- und Theater-Veranstaltungen leide ja nicht nur die eigene Kasse – in der sich im Vergleich zum vergangenen Jahr bis zu 80 Prozent weniger Umsatz befinde. Ganz besonders treffe es die Menschen im Hintergrund; die Ton- und Lichttechniker, die Bühnenbauer, die Stagehands, alle, die an einer Produktion beteiligt sind. Und das seien pro Konzert in der Stadthalle immerhin an die 80 Leute. Einige Verleihfirmen, von denen Stadthalle und Capitol normalerweise Bestuhlung und technisches Equipment bekommen, seien mittlerweile insolvent. „Viele auf und hinter der Bühne werden es wirtschaftlich nicht überleben“, glaubt von Hellborn.

Zwar hat die Bundesregierung bessere Hilfen versprochen, um die Existenz von 1,5 Millionen Menschen in der Kultur- und Kreativbranche zu sichern. Beantragen könne man die Staatshilfen allerdings bisher noch nicht, sagt Diego Ramos Rodríguez. Der selbstständige Violinist spielt unter anderem beim Offenbacher Isenburg Quartett, und normalerweise auch als Aushilfe in größeren Ensembles – aber da gab es in den vergangenen Monaten keine Engagements mehr.

Im April kritisierte der Musiker gegenüber unserer Zeitung, dass die staatlichen Soforthilfen an der Realität freiberuflicher Kreativer vorbeigingen: Honorarausfälle würden sie zum Beispiel nicht auffangen, sagte er damals. Ramos Rodríguez hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten mit anderen Projekten, mit Tätigkeiten als Komponist und mit einem Arbeitsstipendium der Hessischen Kulturstiftung über Wasser gehalten. Eine Perspektive sei das aber nicht – und das sei ungerecht: „Wir freien Künstler erhalten ja im Grunde das kulturelle Leben, während Theater, Orchester und andere Einrichtungen immer weiter ihr Budget kürzen. Ich finde, dass wir dafür, dass wir diese Rolle übernehmen, mehr Wertschätzung verdient hätten.“

Anerkennung für ihre Arbeit vermissen auch die etablierten Kulturinstitutionen, wie etwa Museen. Als der Lockdown beschlossen wurde, liefen sie, wie etwa auch Theater und Kinos, unter der Bezeichnung „Freizeiteinrichtungen“ – was viele für ein fatales Zeichen halten: „Wir haben schließlich den gesellschaftlichen Auftrag, Bildung und Wissen zu vermitteln“, sagt Inez Florschütz, Direktorin des Deutschen Ledermuseums (DLM) in Offenbach. „Wir leisten viel, da würde ich mir schon einen Bewusstseinswandel wünschen, auch vonseiten der Politik“, so Florschütz.

Dass der zweite Lockdown nun die Museen trifft, sieht sie, trotz ihres Verständnisses für weitreichende Maßnahmen gegen die rasant steigenden Infektionszahlen, kritisch. Vor Kurzem erst wurde die neue Ausstellung „tierisch schön?“ im DLM eröffnet – unter allen Auflagen und Vorsichtsmaßnahmen. „Da verpufft jetzt einfach ein großer Teil unserer Arbeit“, sagt die Direktorin.

Die eigentlichen Folgen der Corona-Krise werde das Museum wohl aber erst im kommenden Jahr zu spüren bekommen: Da es der Wirtschaft zusehends schlechter gehe, könnten dann nämlich wichtige Sponsorengelder fehlen, befürchtet Florschütz. Für ein Haus, in dem es an Geld für neue Ausstellungen und Kataloge, für die Aufarbeitung und Digitalisierung der Sammlung, und für dringend notwendige Sanierungen fehlt, sind das keine guten Aussichten.

Das städtisch betriebene Klingspor Museum hat es mit dem Segen des Magistrats immerhin geschafft, einige am Haus organisierte Kurse als Bildungsangebot weiterhin stattfinden zu lassen – auch während des Lockdowns, wie Stefan Soltek, Leiter des Schriftkunstmuseums sagt. Er findet es ebenfalls bedenklich, wie mit Kulturschaffenden in der Krise umgegangen wird: „Die Grundauffassung von Kultur als Unterhaltung wäre grundsätzlich zu hinterfragen. Besonders zu Coronazeiten ist die Fragestellung nach dem gesellschaftlichen Wert von Kultur drängend“, so Soltek.

Während sich das Klingspor Museum auf den städtischen Etat verlassen kann, haben Privatbetriebe, die auf Eintrittsgelder angewiesen sind – wie etwa Kinos – schlechtere Karten. Vor Kurzem haben wir über den Überlebenskampf der regionalen Lichtspielhäuser berichtet. Nun hat der zweite Lockdown die Not noch einmal vergrößert. „Die erneute Schließung hat für unsere Kinos dramatische Folgen“, sagt Gregory Theile, Geschäftsführender Gesellschafter der Kinopolis-Gruppe.

Das Unternehmen mit Sitz in Darmstadt betreibt auch Multiplexkinos in Hanau und Aschaffenburg. Bis Ende Oktober sei der Umsatz im Corona-Jahr im Vergleich zu 2019 um 65 Prozent zurückgegangen, so Theile. Mit Blick auf den kompletten Ausfall des Novembergeschäfts spricht er von einer „verheerenden“ Situation: „Wenn nicht sofort umfassende Hilfen bereitgestellt werden, droht ganz Deutschland ein kultureller Kahlschlag.“ Die erneute Schließung der Kinos habe weitere Filmverschiebungen zur Folge gehabt, was die Situation zusätzlich verschärfe und „zu einer insgesamt absolut existenzbedrohenden Situation unserer Kinos“ führe, so Theile.

Trotz aller Sorgen haben einige Kulturakteure die Zuversicht noch nicht verloren – etwa die Betreiber des Offenbacher Technoclubs „Robert Johnson“. Seit Frühjahr ist der Laden geschlossen – ohne Aussicht auf baldige Wiedereröffnung. Dennoch weist Labelchef Florian Reinke Gerüchte zurück: „Pleite sind wir auf keinen Fall“, sagt er. Über eine Crowdfunding-Aktion und eine Kampagne, bei der Werke befreundeter Künstlerinnen und Künstler verkauft wurden, sei so viel Geld reingekommen, dass der Club erst mal weiterhin im Dornröschenschlaf überleben könne. Geöffnet werden solle erst wieder, wenn Tanzen ohne Maske, Abstand und Tests möglich ist.

Pläne für ein Re-Opening gibt es schon: „Das soll eine Art Wiedergeburt werden“, sagt Reinke. Wie bei der Eröffnung vor 21 Jahren sollen Dixon und „Robert Johnson“-Gründer Ata auflegen. Bis dahin müsse man durchhalten und geduldig sein. Und, so Reinke, auf vernünftige Staatshilfen hoffen, die dann einen Neustart der Kulturszene ermöglichen. (Lisa Berins)

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