Trotz Corona

Agentur für Arbeit: Zahlen zum Ausbildungsmarkt positiver als erwartet

Pressekonferenz der Agentur für Arbeit
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Die Pressekonferenz der Agentur für Arbeit zum Ausbildungsmarkt fand ganz im Zeichen von Corona statt: Mit Masken und Abstand und live dazu geschalteten Gästen. Geschäftsführerin Heike Hengster (rechts) freute sich, dass die Technik mitspielte.

Main-Kinzig-Kreis – „Corona ist da, aber wir wollen trotzdem mutig voran gehen und Ausbildung ermöglichen“, sagte die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Hanau, Heike Hengster, gestern im Rahmen einer Pressekonferenz zum Ausbildungsmarkt. Denn Ausbilden werde gerade durch Corona wichtiger den je.

Sie stellte die Zahlen des abgeschlossenen Ausbildungsjahres vor, das seit März im Zeichen der Pandemie steht. Ein Ergebnis: Es gab sowohl Rückgänge bei den Bewerbern als auch bei den gemeldeten Ausbildungsplätzen.

Nur sechs Jugendliche erhalten keinen Ausbildungsplatz

Knapp 3900 junge Menschen haben in diesem Jahr die Schule abgeschlossen. Ihnen standen rund 2160 gemeldete offene Ausbildungsstellen gegenüber. 2500 Schulabgänger haben sich auf einen Ausbildungsplatz beworben. Im Vorjahr war die Zahl der Schulabgänger fast genauso hoch, die Zahl der offenen Ausbildungsplätze war mit rund 2500 aber höher und die Zahl der Bewerber mit knapp 2960 auch.

Allerdings betonte Hengster, dass es in diesem Jahr lediglich sechs Jugendliche nicht mit einem Ausbildungsplatz versorgt werden konnten. „Da hatten wir befürchtet, dass diese Zahl größer ist.“ Demgegenüber stehen 175 offene Stellen (Vorjahr: 128). Auch unter Corona würden die meisten Bewerber eine Ausbildung im Dienstleistungsbereich suchen (59 Prozent), gefolgt von den technischen Berufen (37 Prozent).

„Main-Kinzig-Kreis ist ein Fachkräfte-Land“

Rund die Hälfte der gemeldeten Bewerber würde eine Ausbildung aufnehmen, knapp 15 Prozent würden eine weitere Schulbildung beginnen. Immerhin fünf Prozent der Schulabgänger nehmen eine Erwerbstätigkeit auf. „Und das leider ohne Ausbildung, das sind dann wahrscheinlich Helfertätigkeiten“, so Hengster. Das werde zum Problem, wenn junge Menschen in diesem Segment der Erwerbstätigkeit verharren.

Rund 57 Prozent der Ausbildungsverträge im Kreis wurden bei IHK-Unternehmen abgeschlossen, 30 Prozent bei Handwerksbetrieben. „Das zeigt, dass der Main-Kinzig-Kreis ein Fachkräfte-Land ist“, so Hengster. Und auch Corona hätte nicht dazu geführt, dass es mehr Helfer-Jobs gäbe. „Das sollte Eltern und Jugendlichen Mut zur Ausbildung machen“, betonte die Agentur-Geschäftsführerin. Allerdings haben in diesem Jahr nicht alle Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz wollten, auch einen bekommen.

Generation Corona soll vermieden werden

Daher sei es wichtig, dass diese jungen Menschen im kommenden Jahr eine Ausbildung beginnen können. „Nicht nur, um eine ‘Generation Corona’ zu vermeiden, sondern auch, weil sie am Markt als Fachkräfte gebraucht werden.“ Sie ist sich sicher, dass sich gerade durch Corona der Bedarf an qualifizierten Fachkräften eher vergrößern werde. Man könne davon ausgehen, dass am Ende der Krise wesentlich mehr qualifiziertes Personal benötigt werde.

Auf der anderen Seite werden vor allem kleine und mittelständische Betriebe ermutigt, auszubilden. „Es gibt viele Förderprogramme, um die Folgen von Corona abzumildern“, weist Hengster auf Möglichkeiten der staatlichen Unterstützung hin

Trotz Corona: Azubi-Zahlen sinken nur leicht

Auch die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Hanau, Nicole Laupus, begrüßte, dass die Zahl der Auszubildenden trotz Corona lediglich um fünf Prozent zurückgegangen sei. Die 298 Ausbildungsbetriebe im Kammerbezirk müssten allerdings viele neue Wege beschreiten, um geeignete Azubis zu bekommen. Wie das in der Praxis funktioniert, erzählte Tobias Knaak, Junior-Geschäftsführer bei der Hanauer Firma Elektro-Knaak.

„Der Fachkräftemangel wird eher größer, darum versuchen wir, uns von Corona nicht beirren zu lassen“, so Knaak. Sie haben ihr Bewerbungssystem umgestellt, mit einem Test werden geeignete Bewerber herausgefiltert und gezielt eingeladen. „Bei der Rekrutierung arbeiten wir verstärkt auch mit Social Media wie Instagram.“ Und intern werden eigene Mitarbeiter weiterqualifiziert, sodass ungelernte Helfer möglichst durch eine Ausbildung qualifiziert werden.

Positive Beispiele für Ausbildungsbetriebe

Wie gewinnbringend Ausbildung über Firmengrenzen hinweg sein kann, machte ein weiteres Beispiel deutlich. So bildet die Bruker EAS GmbH ihre Verfahrenstechnologen mit der speziellen Fachrichtung „Nichteisen-Metallumformung“ im Verbund mit dem Groß-Konzern Heraeus aus. Dieses Verbundsausbildungsmodell sei ein innovativer Weg, damit auch kleinere Betriebe ausbilden könnten, die einen Teil der vorgesehenen Fertigkeiten nicht im eigenen Betrieb vermitteln könnten.

Beim Hanauer Betrieb Bruker, das rund 220 Mitarbeiter hat und Supraleiter herstellt, können die Azubis die Grundfertigkeiten wie Drehen, Fräsen, Bohren und Schweißen nicht erlernen. „Darum absolvieren sie am Beginn ihrer Ausbildung vier Monate in der Ausbildungswerkstatt von Heraeus“, berichtete Brigitte Gottschalk, Personalreferentin bei Bruker.

„Danach durchlaufen sie bei uns alle Fertigungsabteilungen.“ Aktuell sind von den vier Bruker-Azubis zwei bei Heraeus. Für den Groß-Konzern zählt Ausbildungsleiterin Karin Saar die Vorteile auf: „Wir haben ein Interesse daran, dass der Beruf des Verfahrenstechnologen nicht ausstirbt“, so Saar. „Wir wären sonst der einzige Betrieb im Kammerbezirk, der diesen Beruf ausbildet.“

„Fachkräftemangel geht uns alle an“

Auch angesichts sinkender Bewerberzahlen für technische Berufe in der dualen Ausbildung gelte es diese Ausbildung auf breite Füße zu stellen. Mittlerweile arbeitet Heraeus mit zehn mittelständischen Betrieben in Verbundpartnerschaften im Bereich Ausbildung zusammen. „Die Firmen kommen aus dem ganzen Main-Kinzig-Kreis, und es sind Berufe wie der Mechatroniker oder der Verfahrensmechaniker Kunststoff und Kautschuk.“

Und auch Malermeister Helmut Hornikel, der per Video aus Bad Soden-Salmünster zur Pressekonferenz zugeschaltet war, betonte die Bedeutung von Ausbildung. „In einem Handwerksbetrieb stellen die Menschen den Wert des Betriebes dar“, so der Chef des 160 Jahre alten Traditionsunternehmens. „Und der Grund warum ich ausbilde ist, weil ich eine wertvolle Firma haben möchte und den Kunden überdurchschnittliche Leistung bieten will.“ Tobias Knaak appellierte schließlich „Der Fachkräftemangel geht uns alle an, das ist nicht das Problem eines einzelnen Betriebes.“

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