Wald

Auf Tuchfühlung mit der Natur: Waldbadetouren bei den Niederrodenbacher Steinbrüchen

Zwei Frauen beim Waldbaden im Wald
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Einswerden mit der Natur: Die Waldbadegäste Yvonne Reimer (links) und Brigitte Scherschlicht gehen in einer meditativen Übung mit dem Baum auf Tuchfühlung.

Rodenbach/Maintal – Schon eine Stunde Spazieren gehen im Wald macht gesund, da sind sich die Verfechter des Waldbadens einig. Allen voran der japanische Waldexperte Qing Li, der das Waldbaden an der Nippon Medical School erforscht.

Es soll den Blutdruck senken, das Immunsystem stärken und die Konzentration der Stresshormone im Blut deutlich senken. Dabei ist Waldbaden mehr als ein Spaziergang, nämlich ein bewusster Aufenthalt im Wald, bei dem dieser mit allen Sinnen erfahren werden soll.

Auch im Main-Kinzig-Kreis gibt es einige Kurse und geführte Touren zum Waldbaden wie etwa die Angebote der Maintalerin Beate Steinke, die durch einen besonders naturbelassenen Wald in Niederrodenbach führt. Mit ihr können die Teilnehmer beispielsweise einen vierstündigen „Tag im Wald“ verbringen und auf fünf Kilometern Wegstrecke ausgiebig Waldbaden.

Waldbaden mit Meditations- und Atemübungen

„Ich bin schon mal froh, dass keiner in Badeklamotten erschienen ist“, sagt Steinke bei ihrem Samstagskurs und lacht. Das Eintauchen sei dabei nämlich eher bildlich gemeint. „Es geht darum, sich mit allen Sinnen mit der Natur zu verbinden, einzutauchen in die Atmosphäre des Waldes.“

So sollen keine weiten Strecken zurückgelegt und keine körperlich anstrengenden Tätigkeiten wie etwa Radfahren oder Joggen ausgeführt werden. Steinke beleuchtet dabei auch die gesundheitlichen Effekte des Aufenthalts im Wald und bietet geleitete Meditations-, Atem- und Körperübungen an. Wie sehr sich die Teilnehmer darauf einlassen möchten, bleibt ihnen selbst überlassen.

Beim Waldbaden wird das Handy ausgeschaltet

Das Waldbaden beginnt nach einer kurzen Sicherheitseinweisung in die Verhaltensregeln im Wald und einer Vorstellungsrunde mit einem „Gruß an die Bäume“, so nennt Steinke die erste Atemübung, bei der die Arme zum Einatmen mit ineinander verschränkten Händen über den Körper geführt werden, sich öffnen und seitlich ausgestreckt beim Ausatmen wieder zum Körper geführt werden.

Die Übung dient dem Ankommen im Wald, wo das Handy ausgeschaltet werden und der Alltag für einen Moment in Vergessenheit geraten soll.

Entspannende Meditation beim Waldbaden

Anschließend schlendert die Gruppe schweigend oder in unaufgeregte Gespräche vertieft weiter in den Wald. An einer nächsten Station leitet Steinke die erste Meditation an. Dabei soll sich jeder Teilnehmer einen Baum aussuchen, mit dem er Tuchfühlung aufnimmt.

„Stelle dich neben deinen Baum, betrachte seinen Stamm, seine Äste, Zweige, Blätter, Nadeln bis zur Krone. Vielleicht kannst du sogar seine Wurzeln unter deinen Füßen spüren“, leitet Steinke an. „Berühre ihn nun mit deinen Händen, wie fühlt sich die Rinde an?“ Dann schließen alle Teilnehmer ihre Augen und sollen auf ihren Atem achten. „Lass alles los, was du jetzt nicht brauchst und achte nur auf die Geräusche, die dich umgeben.“ Das Zwitschern der Vögel, das Knarzen der Äste und das raschelnde Laub.

Waldbaden: Bewusst den Boden unter den Füßen spüren

Der Weg führt anschließend immer weiter in den Wald mit einer Geh-Meditation, die Steinke „Weg des Lächelns“ nennt. Hier geht es darum, ein Stück des Weges mit einem Lächeln auf den Lippen langsam entlangzugehen und bewusst den Boden unter den Füßen zu spüren, der mal steinig, mal erdig federnd, sandig oder mit Gras zugewachsen ist.

Ausgerechnet an diesem Punkt kommen zwei Joggerinnen vorbei, die es besonders eilig haben. „Können wir mal schnell vorbei?“, fragt eine hektisch, und kaum ist der Weg frei, eilen die beiden Frauen weiter durch den Wald, während die Waldbadegäste bewusst und mit einem Lächeln im Gesicht gemächlich einen Fuß vor den anderen setzen.

Teilnehmer von Waldbaden begeistert

An dieser Stelle ist der Waldboden sehr sandig, schließt man die Augen, könnte man das Rauschen der Blätter in den Baumkronen glatt mit dem des Meeres verwechseln und sich für ein paar Minuten an einen Sandstrand träumen. Nach einer weiteren Atemübung geht es zum Pausenplatz. Hier ziehen die Teilnehmer eine erste Bilanz. „Das war bisher eine sehr schöne Erfahrung“, sagt Brigitte Scherschlicht aus Schöneck.

„Ich genieße die Ruhe und Entspannung und finde es sehr interessant, dass auch die Auswirkungen auf den Körper erklärt werden. Spazieren gehen kann man auch alleine, weiß aber gar nicht, wie gut einem das eigentlich tut.“ Die anderen Teilnehmer stimmen ihr zu. Nach der Pause führt sie der Weg mit weiteren Atem- und Bewegungsübungen zurück zum Parkplatz nahe der Niederrodenbacher Steinbrüche, an dem die Tour ihren Anfang nahm.

Waldbaden: „Am schönsten ist es in der Gruppe“

Im vergangenen Jahr wagte Beate Steinke den Perspektivwechsel. Denn sie war zwar oft schon privat Waldbaden, hat beruflich aber einen anderen Weg eingeschlagen. Angefangen mit einer pharmazeutischen Ausbildung und anschließender Tätigkeit in einer Apotheke über ein Studium der Innenarchitektur bis hin zu ihrer freiberuflichen Tätigkeit als Innenarchitektin und Grafik-Designerin.

„Ich hab mich immer schon sehr gerne in meiner Freizeit in der Natur aufgehalten und mich mit alternativen Heilmethoden beschäftigt“, sagt sie. „Letztes Jahr habe ich mich näher mit dem Waldbaden beschäftigt und da kam mir die Idee, daraus etwas zu machen. Am schönsten ist es nämlich in der Gruppe, da hat es mich gereizt, anderen Menschen diese Erfahrung näher zu bringen.“ 2019 absolvierte sie beim Bundesverband Waldbaden dafür eine Ausbildung zur Kurs- und Seminarleiterin.

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