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Bauernprotest: Landwirte wollen nicht länger die Buhmänner sein

Fürchten um ihre Zukunft: Rund 30 Jungbauern und -bäuerinnen demonstrierten gestern Abend mit einem Traktorkonvoi durch Erlensee und Hanau gegen immer schärfere Umweltauflagen bei immer größerem Preisdruck. Außerdem wollen sie nicht die Buhmänner der Nation sein. Foto: Axel Häsler

Region. Ein ungewöhnlicher Korso rüttelte Dienstagabend Autofahrer und Passanten auf: Mit fast 30 Traktoren machten sich in Erlensee Landwirte aus Bruchköbel, Nidderau, Gründau und Langenselbold auf den Weg, um den Kollegen in Berlin den Rücken zu stärken.

Von Jutta Degen-Peters

Sie protestierten gegen die Düngemittelverordnung, gegen immer strengere Auflagen und gegen ein Image, das sie als Verursacher der Umweltzerstörung brandmarkt.

„Wir lieben unsere Kulturlandschaft“ oder „Wenn Sie mich hier seh'n, bin ich hier richtig“ steht auf den Transparenten und Plakaten, die auf die Motorhauben und an die Frontlader der Trecker montiert sind. Während in Berlin vor der Siegessäule Tausende von Traktoren Aufstellung beziehen, die im Rahmen einer Sternfahrt aus allen Teilen der Republik dorthin unterwegs waren, um sich gegen geplante schärfere Vorgaben zum Insekten- und Umweltschutz zu positionieren, machen in Hanau und Umgebung die Landwirte vor Ort ihrem Frust Luft.

Demo per Whatsapp und Instagram organisiert

„Viele von uns können sich nicht leisten, vier Tage im heimischen Betrieb auszufallen“, erklärt Bendix Knop, der mit seinem Traktor bereits an der Demo in Bonn teilgenommen hat. Der 25-jährige gelernte Landwirt vom Rosenhof in Oberissigheim – 45 Hektar Land, 50 Pferde – hat jetzt die Initiative ergriffen und auch hier eine Demo per Whatsapp und Instagram organisiert.

Er habe einfach handeln müssen, nachdem er am Montagabend mit Freunden zusammensaß und darüber nachdachte, wie man die Menschen für die Probleme der Landwirte sensibilisieren könne. „Ein Mahnfeuer wollten wir schon länger machen. Jetzt ist halt eine Demo mit Traktoren draus geworden, die zum Mahnfeuer fahren“, sagt der Jungbauer.

Mahnfeuer in Oberissigheim

Gegen 16.30 Uhr versammeln sich die großen Landfahrzeuge am Toom-Kreisel in Erlensee, um von dort über die L 3193 und die alte Bundesstraße 8 auf der Lamboystraße nach Hanau zu fahren.

Der Weg führt den Treckerzug am Klinikum vorbei zum Kurt-Blaum-Platz, von wo aus er über die Friedrich-Ebert-Anlage und den City-Ring hinter dem ehemaligen Opel-Schäfer-Gelände wieder auf die Bruchköbeler Landstraße einbiegt und weiter nach Oberissigheim fährt. Dort sammeln sich die Demonstranten an der Landwehr auf dem Berg um ein Mahnfeuer.

Landwirte beklagen immer strengere Auflagen

Die Stimmung ist gut, Solidarität macht stark. Und Solidarität tut Not, findet Knop. Er und seine Kollegen fänden Umweltschutz wichtig, betont er. „Alles andere wäre ja blöd, wir wollen uns unsere Zukunft doch nicht versauen.“ Doch sie wehren sich dagegen, dass immer wieder Umweltauflagen erlassen werden, ohne die Landwirte in solche Entscheidungen einzubeziehen.

„Die Auflagen werden immer strenger“, klagt er. Aber in der Praxis sei das alles gar nicht durchzusetzen. Zumal der Preisdruck immer größer werde. Mit den Auflagen Schritt zu halten, erhöhe die Kosten, während die Preise gedrückt würden.

"Werden zu Buhmännern der Nation"

„Mir geht außerdem gegen den Strich, wie wir zu Buhmännern der Nation gemacht werden“, schimpft Knop. Gerade erst habe ihn eine Radfahrerin auf einem Feldweg angehalten und „zur Schnecke gemacht“. Die Bauern seien für das Sterben von Insekten und Pflanzen verantwortlich, habe sie ihn beschuldigt.

„Genau dieses Bild haben viele im Kopf“, kritisiert er. Den Verbrauchern wirft er Unredlichkeit vor. Viele mäßen mit zweierlei Maß: „Die Leute fordern immer mehr Umweltschutz und rufen nach regionalen Erzeugnissen. Doch gleichzeitig kaufen sie Lebensmittel aus dem Ausland zu Billigpreisen, wo es solche Vorschriften nicht gibt.“

Das sehen auch seine überwiegend jungen Kollegen so, die ebenfalls Flagge zeigen. Neben Manuel Schneider aus Gründau ist da Knops Freund vom Hof Betz in Langenselbold, der gerade seine Ausbildung zum Landwirtschafts-Techniker macht, um den Hof des Vaters einmal zu übernehmen. Oder sein Kumpel vom Hof Traut in Nidderau-Windecken, der Landwirtschaft studiert. Dessen Vater betreibe seinen Hof im Nebenerwerb, erklärt Knop, weil sich die Milchviehhaltung nicht mehr rentiert. Hauptberuflich sei er jetzt bei der Stadtverwaltung beschäftigt, die ihm ein festes Gehalt garantiere.

Brutale Preisschwankungen

„Anders als andere Berufsgruppen wissen wir nie, was wir am Ende des Jahres verdient haben“, erklärt ein weiterer Jungbauer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Mal bekommen wir für den Doppelzentner Weizen 13 Euro, mal sind es 18 Euro – die Schwankungen sind brutal“, beschwert er sich.

Und ein anderer ergänzt, was geschieht, wenn die Düngung heruntergefahren werde: „Dann stimmt der Kleberwert im Getreide nicht mehr und die Backneigung nimmt ab“, beschreibt er seine Probleme und die seiner Leidensgenossen.

Als Folge davon werde er mit seiner Getreideladung von den Abnehmern wie der Raiffeisen-Zentrale in Limeshain, Philippi in Büdesheim oder der Firma Kampfmeyer wieder nach Hause geschickt. „Wir können die Körner nur noch als Futtergetreide verkaufen. Oder die Industrie fügt dem Getreide Chemie bei, damit die Backneigung stimmt.“

Quelle: Hanauer Anzeiger

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