Bruchköbel

Bittner-Skandal: Kreisspitze schaltet sich vor Ort direkt ein

Wurden gestern Morgen persönlich am Firmensitz der Bittner Group in Bruchköbel vorstellig: Bruchköbels Bürgermeister Günter Maibach, Landrat Thorsten Stolz und die Erste Beigeordnete Susanne Simmler. Bittner trafen sie jedoch nicht an. Nur eine überforderte Sekretärin, die keinerlei Auskunft geben konnte. Foto: Axel Häsler

Bruchköbel. Kurz vor 9.30 Uhr gestern morgen in der Straße Im Niederried: Auf dem Bürgersteig treffen sich Landrat Thorsten Stolz und die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (beide SPD) mit den Rechtsanwälten Uwe Steinkrüger und Andreas Ludwig sowie Bürgermeister Günter Maibach (CDU).

Von Monica Bielesch

Auch Mitarbeiter der Kreiswerke Main-Kinzig und der örtliche Schornsteinfegermeister sind dabei. Ihr Ziel: Sie wollen gemeinsam dafür sorgen, dass die Heizungsanlage im berüchtigten Bittner-Haus Im Niederried 6 wieder eingeschaltet werden kann.

Draußen herrschen Minus-Temperaturen als sich der Trupp Zugang zum Haus verschafft. Der Mitarbeiter von den Kreiswerken zögert, will das Haus nicht betreten. Schließlich hängt an der Eingangstür ein Schild, auf dem der Vermieter, der einschlägig bekannte Bau-, Immobilien- und Box-Unternehmer Ulrich Bittner, gegen alle Mitarbeiter der Kreiswerke Main-Kinzig ein Hausverbot ausspricht und ihnen mit Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs droht, sollten sie das Haus doch betreten. „Dafür sind wir ja mitgekommen“, sagt Susanne Simmler resolut, „dann dürfen Sie das Haus betreten“, und geht voran in den Keller.

Maibach wirkt fassungslos

„Wir sind hier, weil wir auch gegen den Vermieter Bittner ein Zeichen setzen wollen“, so Thorsten Stolz. „Seine Spielchen auf dem Rücken der Mieter sind etwas, was Methode hat.“ Als Vermieter hätte er immerhin eine soziale Verantwortung gegenüber seinen Mietern, betont Simmler. Und sie sagt einen Satz, der noch oft fällt an diesem Vormittag: „Eigentum verpflichtet, das steht schon im Grundgesetz.“ Die oberste Kreisspitze sei an diesem Morgen angetreten, um die akute Notlage der betroffenen Mieter abzumildern. Simmler: „Dafür sind wir von den Menschen gewählt worden: um Verantwortung zu übernehmen.“

Unterdessen haben die Handwerker der Kreiswerke ganz am Ende des langen schmalen Kellers den Standort des Gasanschlusses erreicht. Es sind dieselben Männer, die vor einigen Monaten dort den Gaszähler ausbauen mussten, weil Ulrich Bittner die von den Mietern gezahlten Nebenkostenumlagen nicht an die Energieversorger weitergeleitet hat. Aber eine frisch verputzte Mauer versperrt den direkten Zugang zum Zähler. Bürgermeister Maibach ist fassungslos. „Der Gasanschluss muss doch zugänglich sein, wenn ein Notfall eintreten sollte.“ Zum Glück können die Handwerker seitlich über eine Kellerbox an den Gasanschluss ran.

Kreisspitze ließ sich nicht beirren

Ein weiteres Hindernis: Die dunkelbraune schwere Eisentür zum Heizungsraum, in dem sich die Heizungsanlage befindet, ist verschlossen. „Wir müssen aber die Heizungsanlage überprüfen und in Augenschein nehmen, bevor wir hier wieder Gas drauf geben“, sagt einer der Kreiswerke-Männer. Simmler, Stolz und Maibach gehen ums Haus herum zu einem Seiteneingang. Über Treppenstufen geht es runter zu einem Büroeingang, sie klingeln bei der Bittner-Group. Auf den zwei weiteren Klingelschildern stehen Peter A. Iten, der per Schreiben an die Vermieter des Hauses als Bittners Liquidator aufgetreten ist und an den die Mieter ihre Miete samt Nebenkosten bezahlen, sowie „Dipl. Ing. U. Bittner“. Obwohl in den Büroräumen im Souterrain Licht brennt, öffnet niemand.

Aber die Kreisspitze lässt sich nicht beirren. Simmler greift zum Handy und ruft kurzerhand das Bittner-Büro an. Minuten später kommt eine Mitarbeiterin, die Klingel funktioniere nicht, beteuert sie. Zumindest hat sie einen Schlüssel für den Heizungsraum. Was die Handwerker der Kreiswerke und der örtliche Schornsteinfeger dort entdecken, macht alle Anwesenden sprachlos. An der Gasleitung ist eine Schraube halb herausgedreht und an der Heizungsanlage sind Teile ausgebaut worden.

Kurzfristige Hilfe für die Mieter

„Jetzt legitimiert uns auch noch ein übergesetzlicher Notstand“, konstatiert Simmler. Und wieder werden die mobilen Telefone aktiviert. Ein Heizungs-Fachmann wird gesucht. Und Landrat Stolz nutzt die Wartezeit, um zu betonen: „Das ist ein Fall der zeigt, dass die Kommunen und der Staat im schlimmsten Fall auch enteignen können sollten. Was der Vermieter hier macht, geht zu Lasten der körperlichen und seelischen Gesundheit der Mieter.“

Simmler ließ sich nicht beirren und griff zum Telefon. Foto: Axel Häsler

Mit ihrer ungewöhnlichen Aktion wolle die Kreisspitze den Bewohnern kurzfristige Hilfe zukommen lassen, aber auch Öffentlichkeit schaffen für die Machenschaften des Immobilienbesitzers sowie den Betroffenen juristische Begleitung anbieten. Dazu sind die zwei Anwälte Steinkrüger und Ludwig aus der Hanauer Kanzlei Ludwig Wollweber Bansch vor Ort. „Wir wollen den Menschen Rechtsbeistand zur Verfügung stellen und diesen koordinieren, denn teilweise haben die Leute Angst vor dem Vermieter und befürchten gekündigt zu werden“, so Stolz weiter.

Heizung am Abend wieder im Einsatz

Einige der elf Mietparteien sind Kunden des Kommunalen Centers für Arbeit (KCA), somit Bezieher von Sozialleistungen. In diesen Fällen wird die Miete vom KCA bezahlt. Vor allem für diese Menschen sieht sich der Kreis in der Verantwortung.

Simmler, Stolz und Maibach verlassen nach rund zwei Stunden das kalte, zugige Haus. Bis schließlich ein Heizungsmonteur in das Bittner-Haus kommt, ist es Mittag. Er bringt die Ersatzteile mit, die an der Heizung ausgebaut worden sind, um sie zu ersetzen. Am Abend funktioniert die Heizung im Haus Im Niederried 6 schließlich nach Monaten wieder. Zum Glück, nachts sollte es bis zu minus vier Grad werden.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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