Stadt kam glimpflich davon

Alles im Fluss: Wie Bruchköbel das Hochwasser bändigt

Schlüssel des Erfolgs: das Wehr. Durch einen zwei Meter hohen Schieber wird der Abfluss reguliert.
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Schlüssel des Erfolgs: das Wehr. Durch einen zwei Meter hohen Schieber wird der Abfluss reguliert.

Bruchköbel – Viel geschlafen hat Björn Schutt am vergangenen Wochenende nicht. Auch nachts stand der stellvertretende Bauamtsleiter der Stadt Bruchköbel mit zwei seiner Kollegen am Wehr in Niederissigheim und hat den Schieber des Bauwerks so gesteuert, dass nur eine für den Krebsbach verkraftbare Menge Wasser in Richtung Bruchköbel abfließen konnte.

Einen Tag nach dem auch in Bruchköbel heftigsten Hochwasser seit vielen Jahren kann er erleichtert Vollzug melden: „Der Krebsbach ist an keiner Stelle über die Ufer getreten.“ Und auch Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun zeigte sich erleichtert und zugleich stolz auf die Arbeit ihres Teams: „Es braucht einiges an Engagement der zuständigen Mitarbeiter, die hier ständig kontrollieren und regelnd eingreifen und das auch im Ernstfall wie jetzt rund um die Uhr“ postete sie am Sonntag zufrieden auf Facebook.

Kommt dem Bauwerk bald näher: Der Krebsbach wird in der Stadtmitte aufgeweitet.

Nicht alle Kommunen sind so glimpflich davongekommen, wie Blicke nach Büdingen und Langenselbold zeigen. Doch Vergleiche eignen sich bei Hochwasser kaum, schränkt Schutt ein. Jede Situation müsse man für sich betrachten, entscheidend seien die örtlichen Begebenheiten, sagt er bescheiden.

Zwei Wetterphänomene auf einmal

Dass es zu dem Hochwasser am vergangenen Wochenende kam, sei vor allem zwei gleichzeitig auftretenden Wetterphänomenen geschuldet gewesen: der Schneeschmelze im Vogelsberg und den starken über mehrere Tage andauernden Regenfällen.

Der Höhepunkt des Hochwassers in Bruchköbel wurde in der Nacht von Samstag auf Sonntag erreicht. Zwischen zwei und sechs Uhr hatte sich in dem Rückhaltebecken in Niederissigheim eine Wassermenge von rund 60 000 Kubikmetern angesammelt. Die Wiesen sind noch immer größtenteils überflutet und weite Teile des Radwegs zwischen Nieder- und Oberissigheim in den Fluten versunken. Für Schutt jedoch noch kein Grund zur Besorgnis, denn das Rückhaltebecken ist für die doppelte Menge an Wasser konzipiert. „Wir können dort bis zu 120 000 Kubikmeter stauen.“ Dennoch habe man die Lage während des gesamten Wochenendes im Auge behalten müssen, weil gerade bei Schneeschmelze und zeitgleichen Regenfällen die zu erwartenden Wassermassen nur schwer abschätzbar seien. Das Wasser komme schnell, gehe aber auch schnell wieder. „Die Herausforderung ist es, die Kurve möglichst flach zu halten“, sagt er. Doch nicht nur das Rückhaltebecken, sondern auch das Flussbett selbst habe am Wochenende noch Kapazitäten gehabt, sagt Schutt: „Da passte noch einiges rein.“

Doppelter Schutz: Auch im Rückhaltebecken wurde der Fluss auf einer Länge von 540 Meter in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Nach dem folgenschweren Hochwasser im Jahr 1981, als die gesamte Bruchköbeler Innenstadt unter Wasser stand, wurden in der Stadt eine Reihe von Hochwassermaßnahmen eingeleitet, die sich jetzt auszahlten. Die wichtigste davon sei zweifellos der Bau des Rückhaltebeckens zwischen den beiden Ortsteilen Nieder- und Oberissgheim gewesen, sagt Wasserbauexperte. 2010 wurde der Damm sowie das Drosselbauwerk fertiggestellt. Ein weiteres, wenngleich kleineres Rückhaltebecken gibt es am Blochbach in Niederissigheim, wo rund 10 000 Kubikmeter Wasser gestaut werden können. Da der Blochbach jedoch in keiner Verbindung zum Vogelsberg stehe, reiche die Kapazität dort vollkommen aus.

Viele kleine Maßnahmen

Aber auch viele kleine Maßnahmen, die man in den vergangenen Jahren umgesetzt habe, führten zu einer Verringerung der Hochwassergefahr, sagt Schutt und meint damit vor allem die Renaturierung großer Teile des Krebsbachs. Dadurch wurden neue Retentionsflächen geschaffen und die Fließgeschwindigkeit des Flusses herabgesetzt. Seit 2010 sind in der Stadt vier solcher Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt worden, eine weitere ist aktuell in der Umsetzung und zwei weitere sind geplant.

Positive Effekte erhofft sich Schutt auch durch die Aufweitung des Krebsbachs am neuen Stadthaus in der Innenstadt. Bisher ist das Gewässer dort am schmalsten und die Gefahr, dass das Wasser über die Ufer tritt am höchsten. Durch die sogenannten „Krebsbachkaskaden“ erreiche man eine gewisse Entspannung im Stadtkern. Nicht zuletzt sind in den vergangenen Jahren große Teile des Bruchköbler Kanalnetzes erneuert worden. Auch dies habe einen mildernden Effekt beim Hochwasser. All den Maßnahmen liegt nach Angaben des Experten die Annahme zugrunde, dass man sich in Zukunft auf wesentlich mehr und vor allem wesentlich heftigere Hochwasserereignisse einstellen müsse.

Feuerwehr hat wenig zu tun

Ein positives Fazit zog am vergangenen Wochenende nicht zuletzt die Bruchköbeler Feuerwehr. Man habe keine örtlichen Einsätze im Zusammenhang mit der Flut gehabt und lediglich Kräfte der Abteilungen Roßdorf und Innenstadt für einige Stunden zur Unterstützung nach Maintal entsandt, um dort Sandsäcke zu füllen und logistisch zu unterstützen“, bilanzierte der stellvertretende Stadtbrandinspektor Matthias Schmidt. (Von Holger Weber)

Platz für jede Menge Wasser: Das Rückhaltebecken zwischen Nieder- und Oberissigheim schützt die Innenstädter vor Überschwemmungen.

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