Kultur

Die Lyrik ins Handy getippt: Tim Schäfer (20) ist Jahressieger beim bundesweiten Wettbewerb „lyrix“

Der 20-jährige Tim Schäfer aus Bruchköbel schreibt preisgekrönte Gedichte. Zu diesem Hobby kam er schon als 17-Jähriger.
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Der 20-jährige Tim Schäfer aus Bruchköbel schreibt preisgekrönte Gedichte. Zu diesem Hobby kam er schon als 17-Jähriger.

Tim Schäfer aus Bruchköbel bei Hanau schreibt preisgekrönte Gedichte. Nun hat er den Bundeswettbewerb für junge Lyrik „lyrix“ gewonnen.

Bruchköbel - Eine Deutschlehrerin auf der Karl-Rehbein-Schule hat Tim Schäfers Talent entdeckt. „Als ich damals in die Oberstufe gekommen bin, hat sie mich gefragt, ob ich nicht Lyrik schreiben will“, erinnert sich der heute 20-jährige junge Bruchköbeler.

Die Lehrerin erzählte ihm von „lyrix“, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik. Heute ist Tim Schäfer mehrfacher Preisträger des Wettbewerbs, der vor rund fünf Jahren vom Deutschlandradio und dem Deutschen Philologenverband ins Leben gerufen wurde.

Junger Mann aus Bruchköbel ist zum zweiten Mal Jahressieger geworden

Aktuell ist Schäfer mit seinem Gedicht „wie sonst nur das benzol“ zum zweiten Mal einer der Jahressieger geworden. „Das habe ich in einem Guss runtergeschrieben und nur gut fünf Minuten dafür gebraucht“, erzählt Schäfer beim Besuch im Verlagshaus. Nicht immer gelingt ihm ein Werk so schnell. Anders als die Dichter vergangener Generationen, die mit Feder und Papier im stillen Kämmerlein saßen, schreibt er oft vor dem laufenden Fernseher, in der U-Bahn auf dem Weg zur Universität oder am Bahnhof, beim Warten auf den Zug. Und: „Stift und Papier sind so gar nicht meins“, sagt der Student der Soziologie und Skandinavistik mit einigem Nachdruck. Seine Werke entstehen auf dem Handy oder am Laptop. „Wenn mir eine Idee kommt, dann tippe ich sie in die Handy-Notizen rein.“ Meist kommen die Ideen zu Unzeiten, sagt er. „Abends oder Nachts, dann ist alles ruhig und ich habe eine große Klarheit.“

Das Gewinnergedicht „wie sonst nur das benzol“ von Tim Schäfer

zieh ganz langsam am seidenen

faden bis nicht mehr da ist was du fassen kannst

reiß die schatten die ich geworfen habe

auseinander bis sie sich in luft

auflösen setz dich zu den gewesenen

und sprich zu ihnen tröste sie

zieh ganz langsam am seidenen

faden binde dir einen knoten in den

schmerz bis du ihn erstickst

du wirst die ausströmenden atome

am anfang aufsaugen wie sonst

nur das benzol das an deinen lungenlappen

leckt dein zwerchfell zittert hartnäckig

sieh noch ein letztes mal in die

gläsernen pupillen und brich die

angst auf lass sie zerborsten

am boden liegen und zieh,

zieh am seidenen faden

bis nicht mehr da ist

was du fassen kannst

Monatsthema: ich bin deine wolke aus nichts

Der lyrix-Wettbewerb ist fortlaufend, jeden Monat können junge Autoren zwischen zehn und 20 Jahren zu einem Monatsthema ihre Werke einreichen, pro Monat wird ein Sieger bestimmt. Bereits bei seiner ersten Teilnahme vor drei Jahren gehörte Schäfer zu den Gewinnern – sehr zu seinem Erstaunen. „Aber das hat mich motiviert, weiterzumachen.“ Mittlerweile sei das Gedichteschreiben ein Hobby, dass er nicht mehr missen möchte.

Bruchköbel: Tim Schäfer erlangt mit der Lyrik Zugang zu den eigenen Gedanken und Emotionen

Das Schreiben helfe ihm, Themen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu reflektieren. „Damit kann ich Gedanken, Stimmungen, Momente und Gefühle einfangen.“ Und die Lyrik ermögliche ihm einen besseren Zugang zu seinen eigenen Gedanken und Emotionen, meint der junge schlanke Mann. „Es kann etwas Befreiendes haben.“

Gedeutet und interpretiert will er seine Gedichte eher nicht wissen. Denn jeder Mensch habe eine andere Lesart. „Jeder soll seine eigenen Schlüsse daraus ziehen“, findet Schäfer, der mit seinen Eltern in Roßdorf wohnt. Aber dann redet er doch über das Siegergedicht „wie sonst nur das benzol“. Es sei ein Appell an sich und andere, sich über die Konse-quenzen von Worten bewusst zu sein und einen positiven Umgang damit zu finden.

Aber nicht nur die deutsche Sprache hat es ihm angetan. In seinem Nebenfach Skandinavistik hat er Altnordisch gelernt, übersetzt Texte aus dieser alten Vorstufe der nordischen Sprachen. Eine Reise nach Island habe ihn inspiriert. Auch Schwedisch hat er in nur zwei Jahren gelernt, schwedische Literatur hat es ihm besonders angetan.

Wegen Corona bleibe dem jungen Mann aus Bruchköbel wenig Freizeit

Viel Freizeit bleibe ihm aktuell nicht, berichtet er, denn wegen Corona seien die Unis geschlossen und das Online-Studium sei sehr aufwendig und arbeitsintensiv. Der junge Dichter hat früher Volleyball gespielt, interessiert sich außerdem noch für politische Themen, Literatur und backt gerne. Seine Lieblingsbücher sind „Naokos Lächeln“ von Haruki Murakami und „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ von Maya Angelou. Aber er hat keine Scheu auch eine Biografie von Fußballer Oliver Kahn zu lesen, die schlicht „Ich“ heißt.

Er wünscht sich, dass in der Schule weniger verlangt werde, die Gedichte von Goethe und Co. zu interpretieren. Das schrecke die Schüler ab, findet er. Denn: „Eigentlich kann jeder Gedichte schreiben.“

Der Bundeswettbewerb „lyrix“

„lyrix“ wurde 2008 von Deutschlandfunk und dem Deutschen Philologenverband initiiert. Seit 2015 ist der gemeinnützige Verein lyrix der Ausrichter des Wettbewerbs, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Partner sind der Deutschlandfunk, der Deutsche Philologenverband und der Deutsche Museumsbund.

Der Online-Wettbewerb will nicht nur den Nachwuchs fördern, sondern auch zeitgenössische Lyrik unter Jugendlichen bekannt machen und ihnen Poesie als mögliche eigene Ausdrucksform vermitteln, etwa mit Veranstaltung, Lesungen und Schreibwerkstätten.

Der Wettbewerb wird monatlich zu einem wechselnden Thema ausgeschrieben, teilnehmen können Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Aus den Monatsgewinnern kürt die Jury zwölf Jahresgewinner. Die ausgezeichneten Gedichte erscheinen in einer lyrix-Anthologie, die jährlich zur Frankfurter Buchmesse herausgegeben wird.

Die Gewinner-Reise nach Berlin mitsamt feierlicher Preisverleihung, Schreibwerkstatt, professionellem Sprechtraining und literarischem Rahmenprogramm ist in diesem Jahr wegen Corona für den Spätherbst geplant. mcb

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