Eine erste Bilanz: Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun ist seit 100 Tagen im Amt

Bürgermeisterin Sylvia Braun auf der Baustelle in der Innenstadt Bruchköbel
+
Einst stimmte sie gegen das Jahrhundertprojekt, jetzt tut sie alles für dessen Umsetzung: Bürgermeisterin Sylvia Braun auf der Baustelle des neuen Stadthauses. Die Arbeiten in der Stadtmitte gehen zügig voran.

Im November 2019 wurde Sylvia Braun zur neuen Bürgermeisterin von Bruchköbel gewählt. Seit dem 1. April ist sie im Amt. Wir ziehen eine Zwischenbilanz.

Bruchköbel – Neulich, an einem Samstag, hat sie sich spontan die Sicherheitsschuhe angezogen, den Helm geschnappt und ist zur Baustelle gefahren. Jeder, der schon mal gebaut hat, kennt diese Begeisterung, die Euphorie für das Neue, das da gerade im Entstehen ist. Bei Bruchköbels Bürgermeisterin Sylvia Braun ist das nicht anders. Auch wenn es nicht ihr eigenes Haus ist, das sie im Moment so fasziniert, sondern das Stadthaus, ihr künftiger Amtssitz.

Bruchköbel: Bürgermeisterin Braun begutachtet Baustelle in der Innenstadt

Das Objekt wächst von Tag zu Tag in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit. In wenigen Tagen wird der Aushub beendet sein, ein großer Teil der Bodenplatte ist schon gegossen, die ersten Wände der Tiefgarage stehen.

Braun zeigt Bilder auf dem Bildschirm ihres Handys: „Sichtbeton. Wir wollten mal testen, wie der aussieht, denn auch im Treppenhaus soll es später Sichtbeton geben“, erläutert sie.

Bürgermeisterin Sylvia Braun hat die Rolle der Bauherrin in Bruchköbel

Ein Video zeigt, wie ein Arbeiter mit einer schweren Maschine die wenige Tage zuvor gegossene Betonplatte glättet. Sie berichtet von den Schwierigkeiten, die es dabei gab, weil es kurz zuvor geregnet hatte und der Beton nicht die richtige Härte für dieses Verfahren aufwies und man deshalb nur mit großer Vorsicht vorgehen konnte.

Man merkt, da steckt jemand tief drin in der Thematik. „Ich lerne jeden Tag Neues über die Baustelle“, sagt Braun in einer Weise, die deutlich macht, dass sie sich in der Rolle der Bauherrin eingefunden hat.

Bruchköbel: Bürgermeisterin stimmte gegen den Innenstadtumbau

Die Begeisterung für das Stadthaus war bei Bruchköbels neuer Bürgermeisterin freilich nicht immer so groß. Als Chefin der FDP-Fraktion hatte sie im Stadtparlament einst gegen den Bau des Jahrhundertprojekts in ihrer Stadt gestimmt, weil sie das Gebäude für zu teuer und in mancher Hinsicht auch überdimensioniert hielt. Und weil sie das Gefühl hatte, nicht über alle Informationen zu verfügen, um eine so wichtige und zukunftsweisende Entscheidung mit gutem Gewissen treffen zu können.

Das muss man wissen, wenn man heute, genau 100 Tage nach ihrer Amtsübernahme, eine erste kleine Bilanz zieht. Denn der neue Kommunikations- und Politikstil, der seit ihrer Amtsübernahme im Bruchköbeler Parlament und auch im Interimsrathaus auf dem Fliegerhorst gepflegt wird, lässt sich zu einem großen Teil aus dieser Erfahrung herleiten.

Bürgermeisterin ging als Außenseiterin in den Wahlkampf in Bruchköbel

In der ersten Stadtverordnetenversammlung schenkte sie ihren ehemaligen Kollegen gleich reinen Wein ein und bezifferte die Kosten für den Stadtumbau auf 43 Millionen Euro, eine Summe, die so nie von der Stadtspitze kommuniziert worden war.

Und auch verhehlte sie nicht eine hundertprozentige Kostensteigerung beim Feuerwehrgerätehaus in Butterstadt. Transparenz, eine gute, eine offene Kommunikation – mit diesem Anspruch an sich selbst war sie als klare Außenseiterin in den Wahlkampf gezogen.

Bruchköbel: Bürgermeisterin übernimmt Öffentlichkeitsarbeit beim Stadtumbau

In wichtigen Angelegenheiten wie dem Stadtumbau hat sie deshalb die Öffentlichkeitsarbeit selbst übernommen. „Die Leute wollen keine Marketing-Sprache“, sagt sie. „Sie wollen wissen, was los ist. Sie möchten Informationen, die authentisch sind.“ Und die liefert Braun den Bürgern bisher.

Mitunter auch sonntags auf ihrem Facebook-Account. „Da habe ich dann Zeit“, sagt sie. Sie schreibt über ihre Pläne mit dem Alten Rathaus am Freien Platz, über die Freibadöffnung in der Corona-Krise und über die Umsetzungen der von Wiesbaden formulierten Verordnungen in den Kindertagesstätten.

Auch auf Facebook: Bruchköbels Bürgermeisterin setzt auf Kommunikation

In den lokalen Facebook-Foren schaltet sie sich auch schon mal ein, wenn sie glaubt, dass die Diskussionen mangels Fakten und Tatsachen in die falsche Richtung gehen. Kommunikation ist für sie aber auch das Gespräch mit dem Bürger beim Brötchenholen oder an der Kasse des Supermarkts.

Und nicht zuletzt am Bürgertelefon, an dem manch einer ganz überrascht reagiert, wenn die Bürgermeisterin selbst die Beschwerden entgegennimmt.

Wegen Corona: Amtseinführung für Bruchköbels Bürgermeisterin im kleinsten Kreis

Die Corona-Krise war für Braun Fluch und Segen zugleich, wenn man Letzteres über die Pandemie überhaupt sagen darf. Corona hat ihr zunächst einen recht freudlosen Start ohne Glanz und Gloria beschert. Bei der formellen und wegen der besonderen Situation vorgezogenen Amtseinführung Mitte März durfte noch nicht einmal ihre Familie dabei sein.

Anderseits hat die Pandemie der Bürgermeisterin auch Freiräume verschafft, weil alle repräsentativen Aufgaben, die das Amt einer Bürgermeisterin nun einmal so mit sich bringt, ausgefallen sind. Sie konnte sich ganz auf ihre Verwaltungstätigkeit konzentrieren. Ihre Stärke, wie sie selbst sagt.

Bürgermeisterin sicher: Bruchköbel hat Coronakrise bisher gut gemeistert

Die Coronakrise habe man in der Verwaltung bisher gut gemeistert, spricht sie ihren Leuten und auch sich selbst Lob aus. Und auch aus der Verwaltung selbst und der Bruchköbeler Politik hört man oft den Satz, dass mit der ehemaligen Polizeibeamtin in der Krise die richtige Frau am richtigen Ort sei.

Fast alle Parlamentarier bescheinigen ihr einen guten Start. Bisher hat sie es geschafft, ihren Politikstil, der weniger ideologisch, dafür mehr pragmatisch ist, auch ins Parlament zu tragen. Es sieht so aus, als könne die Neue die Gräben zuschütten, die in den vergangenen Jahren die Bruchköbeler Kommunalpolitik geprägt haben.

Coronakrise sorgt für mehr Digitalisierung im Rathaus Bruchköbel

Die Digitalisierung hat durch die Krise im Rathaus einen enormen Schub erfahren. Braun spricht sogar von einem „Quantensprung“. Etwa 20 Prozent der Beschäftigten, darunter auch die Mitarbeiter der Finanzverwaltung, haben von zu Hause aus ihre Arbeit gemacht. Die Magistratssitzungen wurden in Videokonferenzen abgehalten, auch die Mitglieder der Lenkungsgruppe, die mit dem Stadtumbau betraut ist, trafen sich im Netz.

Homeoffice gab es bisher nicht im Bruchköbeler Rathaus und soll auch in der Zeit nach Corona ein fester Bestandteil in der Arbeitsorganisation bleiben. „Allein schon, um den Mitarbeitern mit Kindern flexiblere Arbeitsbedingungen zu schaffen“, sagt Braun. Im Herbst sollen auch die zahlreichen Informationsplattformen, über die die Stadt im Internet informiert, zu einer einzigen übersichtlichen Internetseite zusammengeführt werden. „Da sind wir mittlerweile weit gekommen, stehen vor dem Relaunch.“

Bürgermeisterin von Bruchköbel hat vollen Terminplan

Manch einer fürchtet jedoch, dass Braun in der Zeit nach der Krise in diesem Tempo nicht weitermachen kann. Der Terminkalender füllt sich bereits jetzt mit vielen Vereinsfesten und Jubiläen, deren Initiatoren sich den Besuch der Bürgermeisterin wünschen.

Immer öfter kommt in den politischen Kreisen das Thema hauptamtlicher Stadtrat auf. In Maintal gibt es bald wieder einen, selbst das wesentlich kleinere Langenselbold ist gerade dabei, den Posten des hauptamtlichen Stadtrats wieder zu besetzen.

Diskussion über neuen Posten im Bruchköbeler Rathaus

Braun sieht die Sache recht leidenschaftlos. „Das ist keine Entscheidung, die ich zu treffen habe, sondern die Politik“, sagt sie. Außerdem arbeite sie ganz hervorragend mit Ingrid Cammerzell zusammen, der ehrenamtlichen Ersten Stadträtin. Beide bilden eine der nur ganz wenigen weiblichen Doppelspitzen, die es in deutschen Städten gibt.

Für die Zeit nach Corona hat Braun klare Vorstellungen: Sie möchte sich gerne auf die Verwaltung konzentrieren und die Repräsentationsaufgaben in Teilen an den Magistrat delegieren.

Bruchköbels Bürgermeisterin: Stadtumbau fordert noch viel Energie

Vor allem der Stadtumbau brauche weiter ihre volle Aufmerksamkeit. Zwar läuft das Projekt, aber es gebe noch viel zu gestalten. Beispielsweise habe sie die Raumaufteilung noch einmal verändert, der Plenarsaal soll wesentlich mehr sein als nur Tagungsort für die Stadtverordneten.

Braun schwebt vor, dass man die Räumlichkeit auch für Seminare vermieten könne. Zudem lässt sie derzeit die Unterbringung des Polizeipostens im Stadthaus konkret prüfen, damit die Polizei sichtbarer wird.

Stadtumbau Bruchköbel: Offene Fragen rund um Tiefgarage

Nach den Ferien müsse man sich zudem mit dem Parkraumkonzept befassen. Die Frage ist, ob die Stadt die Tiefgarage selbst betreibt, einen Betreiber sucht, oder eine Mischform wählt. Themen, die ihr Spaß machen. Und sie möchte, dass auch die Bruchköbeler Spaß haben an ihrem Stadthaus.

Bisher hat sie ihren Wechsel vom Polizeipräsidium ins Rathaus nicht bereut. „Weißt du“, habe sie neulich morgens ihrem Mann gesagt: „Ich habe irgendwie richtig Lust darauf, in dieses Büro zu gehen.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare