Der Pfingstgeist in der Autolüftung

Zum ersten Autogottesdienst der Region kommen knapp 250 Menschen nach Niederissigheim

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Das laute Singen ohne Maske war endlich wieder möglich. Auch der Gesang von Katharina Lind konnte über die Frequenz 92,9 empfangen werden, denn die Gemeinde hat extra eine Radio-Frequenz gekauft.

„Wir machen eine vierte Reihe auf“, ruft Martin Ohl, winkt einem Fahrer in seinem Wagen zu und weist das Auto in die passende Lücke auf dem tegut-Parkplatz in Niederissheim ein.

Es ist kurz nach 10 Uhr am Pfingstmontag und die Autos in der Zufahrt stauen sich, um rechtzeitig zum ersten Autogottesdienst in Bruchköbel zu kommen. Gemeinsam hatten die evangelischen Gemeinden Roßdorf und Issigheim dazu eingeladen und am Ende kommen rund 250 Menschen, um einen unvergesslichen Pfingstgottesdienst zu feiern. Auch Bürgermeisterin Sylvia Braun lässt sich diesen besonderen Gottesdienst nicht entgehen. „Spannend“ findet sie die neuen kreativen Konzepte, mit denen die Kirchen in der Krise arbeiten. Besonders interessiert sie die Technik, die die Gemeinden bei diesem Gottesdienst einsetzen. 

Und die begeistert auch die anderen Besucher, denn wenn Pfarrer Burkhard von Dörnberg auf dem zur Bühne umfunktionierten Traktor-Anhänger etwas ins Mikrofon spricht, dann können die Menschen in den Autos ihn in ihrem Autoradio hören. „Bitte stellen Sie ihr Autoradio auf die Frequenz 92,9 ein. Wir haben extra eine Radio-Frequenz gekauft“, erklärt er nicht ohne Stolz, während Auto um Auto auf den Parkplatz fährt. 

Gemeinde hat Radiolizenz für zwei Monate gekauft

Die Kollekte wird mit Stoffbeuteln an langen Holzstäben eingesammelt. Sie ist unter anderem für die Jugendarbeit und für die Bezahlung der Radio-Lizenz gedacht. „Die haben wir für zwei Monate gekauft“, erzählt der Pfarrer nach dem Gottesdienst. Der Sendebereich erstreckt sich über weite Teile von Bruchköbel. 

Die Teamer der Gemeinde Issigheim halfen fleißig beim Autogottesdienst mit.

Gerade im Bereich Frankfurt sei eine solche Lizenz sehr schwierig zu kriegen, so von Dörnberg und ist froh, in der Firma Ton-Planet aus Nidderau einen kompetenten Partner dafür gefunden zu haben. Johannes Emmerich von Ton-Planet hat sich für die Kirchengemeinden bei der Landesmedienanstalt um die Lizenz gekümmert und verantwortet auch beim Gottesdienst die Technik, damit alle Besucher den Gottesdienst verfolgen können. Insgesamt passen rund 85 Fahrzeuge auf die Fläche, in jedem Wagen sitzen zumeist ganze Familien.

„Endlich eine Gelegenheit, Gottesdienst ohne Maske zu feiern“

Durch die Reihen schieben drei Teamer, die jugendlichen Helfer der Gemeinde Issigheim, einen Einkaufswagen vollgepackt mit Apfelsafts sowie den Singblättern und verteilen beides an die Besucher. Die können während des Gottesdienstes dann ohne Maske aus vollem Halse singen. Das ist auch ein Grund für viele, diesen Autogottesdienst zu besuchen. „Ich kann aus medizinischen Gründen die Mundschutzmaske nicht länger aufhaben“, sagt eine ältere Dame aus Oberissigheim, die strickend hinter dem Steuer ihres Wagens sitzt und wartet. Sie ist froh, dass das Auto-Konzept ihr die Möglichkeit gibt, endlich wieder einem Gottesdienst live beizuwohnen. 

Die Familie Wagner ist stilecht mit einem Cabrio vorgefahren. Tochter Sabine sitzt mit Strohhut auf dem Rücksitz. Mutter Magdalena steht im Wagen, schaut über die Autoreihen und freut sich. „Endlich eine Gelegenheit, Gottesdienst ohne Maske zu feiern“, sagt sie. „Und es können mehr Leute zusammen kommen“, ergänzt ihr Mann Benno. Und gerade weil es eine völlig neue Art ist, Gottesdienst zu feiern, kommt bei den Besuchern auch nicht das Gefühl einer Beeinträchtigung wegen Corona auf. 

Besucher aus Niederissigheim, Roßdorf oder Offenbach

Während die Freiwillige Feuerwehr und die Teamer der Gemeinde Issigheim die Autos weiter einweisen, erklärt die Roßdorfer Pfarrerin Christine Binder, warum solche Konzepte wie ein Auto-Gottesdienst in der aktuellen Lage wichtig sind. „Durch die Einschränkungen wegen Corona suchen wir nach Möglichkeiten, die Menschen anzusprechen und ihnen zu zeigen, dass Kirche noch da ist“, sagt sie. In dieser Zeit hätten viele das Gefühl von Mangel. „Das ist hier jetzt nicht so, dieser Gottesdienst ist so anders, da haben wir wieder die ganze Fülle.“ 

Auf einem Supermarkt-Parkplatz feierten die evangelischen Kirchengemeinden Roßdorf und Issigheim am Pfingstmontag einen Autogottesdienst Bruchköbel. Pfarrer Burkhard von Dörnberg (links) und Martin Ohl sorgten mit einem Feuerwehrschlauch für saubere Autoscheiben.

Und diese Fülle ist laut und nass. Denn auch hier gelingt es Pfarrer von Dörnberg mit Martin Ohl an seiner Seite, die Besucher in den Gottesdienst einzubinden. Beim Huptest zu Beginn des Gottesdienstes kommen die meisten Huper aus Niederissigheim und Roßdorf, aber auch Butterstadt, Offenbach und der Rest der Welt ist auf dem Parkplatz vertreten. Statt bei den Liedern zu Klatschen gibt es vielstimmiges Gehupe, und als es um den Bibeltext zur Apostelgeschichte zum Pfingstwunder geht, wird die Autolüftung zum Symbol des „gewaltigen Windes“ und des Pfingstgeistes. 

„Die Gemeinschaft ist wichtig und dafür steht Kirche.“

Dann heißt es: „Machen Sie die Fenster zu und die Herzen auf“, und der Pfarrer spritzt mit sichtlich viel Spaß und einem Feuerwehrschlauch die ersten Reihen vor der provisorischen Bühne nass. „So wie jetzt Ihre Windschutzscheibe aussieht, so fühlen wir uns mit Corona“, sagt Martin Ohl. Die klare Sicht verschafft der Scheibenwischer und die Predigt vom Pfarrer und Ohl. Sie wischen die aktuellen Unsicherheiten und Unklarheiten beiseite. „Wir müssen die Energiequellen suchen, finden und genießen“, sagt von Dörnberg. Was die Zukunft bringe, sei nicht so wichtig, wenn das Vertrauen in Gott da sei. Und Ohl ergänzt: „Die Gemeinschaft ist wichtig und dafür steht Kirche.“

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