Suche mit Hunden

Tödliche Gefahr beim Mähen: So wollen Jäger Rehkitze vor dem Tod retten

Wenn Landwirte ihr Heu auf den Feldern und Wiesen einbringen, droht Rehkitzen ein grausamer Tod. Jäger aus dem Main-Kinzig-Kreis wollen die Rehkitze deshalb vorher aufspüren.

  • Landwirte bringen Heu auf Feldern ein
  • Jäger wollen Rehkitze vor dem Tod retten
  • Dafür streifen sie mit Jagdhunden durch die Wiesen

Fast 1,50 Meter hoch ist das Gras auf der Wiese inmitten von Ackerfeldern kurz hinter Oberissigheim. Ein ideales Versteck für Bodenbrüter und für Ricken mit ihren Rehkitzen. In den letzten Wochen hatten die Wildtiere auf der Wiese, die einem Bruchköbler Landwirt gehört, noch ihre Ruhe.

Um Rehe zu retten: Landwirte benachrichtigen Jäger

Doch nun will der Bauer mähen, um Heu zu machen. Hans-Jürgen Heck und Jagdpächter Hans-Walter Schäfer rücken darum einen Tag vor der Mahd an, um eventuell dort lebende Ricken und ihre Jungen aus der Wiese zu vertreiben. Damit sie nicht Opfer der großen Mähdrescher werden.

„Im Idealfall ruft der Landwirt uns einen Tag vor der Mahd an, damit wir mit den Hunden durch die Wiese laufen können“, erläutert Heck den Ablauf im Gespräch mit unserer Zeitung auf dem Weg zur Wiese. Dazu hat er alle 15 Landwirte in seinem Bereich angeschrieben und gebeten, den jeweiligen Jagdpächter vor einer Mahd zu benachrichtigen.

Grausame Statistik: Bis zu 100 000 Rehkitze sterben durch Mähdrescher

Denn sollten Tiere von einem Mähdrescher getötet werden, ist am Ende der Jagdpächter verpflichtet, die Überreste zu beseitigen. Deutschlandweit sterben jährlich geschätzt rund 50 000 bis 100 000 Rehkitze durch Mähdrescher. Allein in den vergangenen Wochen seien zwei Kitze den Mähbalken und Traktoren zum Opfer gefallen, so die Jagdpächter.

Sie retten in Bruchköbel Rehkitze vor Mähdreschern: Jagdpächter Ernst-Walter Schäfer (von links), Ernst Pesmel, Jäger Hans-Jürgen Heck, Nils, Jan und Maria Heck sowie Simone Holley mit den Hunden Bea und Anni.

„Wenn wir wissen wann und wo gemäht wird, können wir die Wiesen abgehen oder in der Nacht vor der Mahd Flatterbänder aufhängen, die verhindern, dass die Ricken ihre Kitze in der Wiese ablegen“, appellieren die Pächter Ernst Pemsel und Hans-Walter Schäfer an die Landwirte.

Um Rehe zu finden: Jäger durchstreifen Wiesen mit Hunden 

Der Rehkitz-Rettungstrupp an diesem Tag besteht aus Jan, Maria und Nils Heck, den Jagdpächter Hans-Walter Schäfer und Ernst Pemsel sowie Simone Holley. Mit von der Partie sind auch Bea, ein aufgeweckter Deutsch-Langhaar-Hund sowie Anni, ein junger ungarischer Vorsteherhund. DieHunde sind natürlich an der Leine und sollen, wenn möglich, die Rehe wittern und somit aus dem gefährlichen Bereich vertreiben.

Die Gruppe führt lange Stangen und große blaue Müllsäcke mit sich, die sollen in der Wiese aufgestellt werden. Die flatternden Müllsäcke können zusätzlich das scheue Wild vertreiben. Doch bevor alle in die Wiese gehen, wirft Heck rausgezupftes Gras in die Höhe, prüft so, aus welcher Richtung der Wind kommt.

Für Jäger schwer zu finden: Rehe sitzen im hohen Gras

„Wir müssen gegen den Wind laufen“, erklärt der erfahrene Jäger. Die Gruppe verteilt sich am Rand der Wiese und auf sein Kommando gehen alle in einer Linie durch das hohe Gras. Anni hüpft wie ein Känguru aufgeregt durch das Gras, langsam arbeitet sich die Gruppe vorwärts. Es ist anstrengend, man sieht nicht, wohin der nächste Schritt geht.

Weil ein schmaler Wasserlauf durch die Wiese führt, kann es auch mal nasse Füße geben. Dort, wo das Gras niedergetreten ist, könnte vorher ein Tier gelegen haben, sagt Heck. Plötzlich kommt Aufregung auf und lautes Rufen ist zu hören. Ein Reh läuft aus dem Schutz des hohen Grases auf ein Feld und verschwindet über einer nahen Kuppe.

Jäger wissen: Ricken können Rehkitze in Sicherheit bringen

„Eine Ricke“, sagt Heck und blickt dem Tier hinterher. Nun wissen er und seine Helfer, dass irgendwo in der Wiese noch ein Rehkitz sein muss. Mit dem Blick nach unten schreiten sie weiter durch das Gras. Sollte die Gruppe es nicht finden, werde die Ricke es über Nacht sicherlich aus der Gefahrenzone holen und wegführen, erklärt Heck.

Die Tiere könnten sich durch Fieptöne über weite Strecken miteinander verständigen. „Dann haben wir schon gewonnen.“

Jäger finden Reh - Jungtier flüchtet

Plötzlich ein Ruf: „Ich hab es, hier liegt ein Kitz!“ Simone Holley steht ganz still im Gras und blickt vor sich auf den Boden. Noch bevor sich die anderen nähern können, ist das Jungtier allerdings geflohen. Der geübte Blick von Heck sieht es am Rand der Wiese auftauchen und wie schon das Muttertier über die Kuppe davon laufen.

„Das Gras vor mir hat sich anders bewegt“, erzählt Simone Holley über den Moment, in dem sie das Rehkitz entdeckte. Sie macht gemeinsam mit ihrem Freund Jan Heck gerade ihren Jagdschein und freut sich, dass die Gruppe an diesem Tag erfolgreich war.

Jäger setzen Drohnen bei Suche nach Rehen ein

Noch bis ungefähr Mitte Juni mähen die Landwirte ihre Wiesen, um Heu zu machen. Heck und Schäfer betreuen eine Fläche von insgesamt rund 100 Hektar und haben nicht nur mit der Rettung von Rehkitzen zu tun. Auch andere Bodenbrüter wie Rebhühner oder Fasane haben sie im Fokus.

„Wir haben auch schon eine Drohne mit einer Wärmebildkamera eingesetzt“, sagt Schäfer. Aber nach seiner Erfahrung sei es immer noch am effektivsten, wenn eine Gruppe mit Hunden direkt durch die betroffenen Wiesen gehe. In dieser Saison sind sie schon zehnmal ausgerückt.

Reh-Nachwuchs in diesem Jahr sehr früh

Die Landwirte mähen von April bis Juni. In diesem Jahr sei derNachwuchs bei den Rehen schon sehr früh da gewesen, so Schäfer.

 „Weil wir keinen richtigen Winter hatten.“ Nach dem Gang durch die Wiese drückt sich Hund Anni in den Schatten eines Gebüsches. Für die Hunde sei diese Arbeit in der Hitze sehr anstrengend. Aber an diesem Tag hat sich die Mühe gelohnt.

Quelle: Hanauer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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