Nach Corona-Pause

Niederissigheimer Bänkelsänger Gerhard Kalbfleisch zieht wieder los

Reich an Geschichten: Bänkelsänger Gerhard Kalbfleisch feiert sein Comeback.
+
Reich an Geschichten: Bänkelsänger Gerhard Kalbfleisch feiert sein Comeback.

Er hütete die Schweine, besaß den einzigen Ziegenbock im ganzen Dorf. Und er arbeitete sowohl als Nachwächter als auch Küster in der Kirche. Heute würde man so einen Tausendsassa „Mädchen für alles nennen“. Früher hieß er ganz einfach Ortsdiener. In Niederissigheim gab es einen solchen. Er hieß Philip Rust und war natürlich im ganzen Dorf bekannt, denn jeder hat von dem Gemeindeangestellten in irgendeiner Weise profitiert.

Bruchköbel – Gerhard Kalbfleisch, auch bekannt als der Bänkelsänger von Niederissigheim, weiß noch viel mehr über den Mann. Die Geschichte von Philip Rust erzählt er unter anderem bei seiner musikalischen Führung durch sein Heimatort, die er jetzt nach einer Corona-bedingten Pause wieder anbieten möchte. Vier Termine hat er bereits in Planung, je nach Interesse könnten noch einige hinzukommen.

Erzählungen aus dem Fundus des Vaters

Erstmals führte Kalbfleisch 2015 Interessierte durch sein Dorf. Mit dabei: seine Gitarre, sein selbst gezimmerter Schemel und ein kleiner Wagen, aus dem seine wissensdurstige Gefolgschaft mit kühlem Äppler versorgt wird. Kalbfleisch gibt als Bänkelsänger Einblick in eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Und er lässt vor dem Auge seiner Zuschauer und Hörer Bilder entstehen, die ebenfalls nicht mehr existieren. „In Niederissigheim ist man schon immer sehr fortschrittlich gewesen“, sagt er mit einem ironischen Unterton. „Das Spritzenhaus, das  Backhaus, die Empore der alten Kirche – alles ist irgendwann der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Und auch die vielen Fachwerkfassaden, die dem Dorf einst einen pittoresken Charme verliehen haben, hat man hinter leichter zu pflegendem Putz verschwinden lassen. Der Niederissigheimer Kalbfleisch versucht darum, das Vergangene in die Köpfe seiner Zuhörer zurückzuholen.

Kalbfleisch kann bei seinen Erzählungen auf einen Fundus zurückgreifen, der sich vor ihm auf dem Tisch zu einem halben Meter hohen Stapel Papier auftürmt. Es sind die Aufzeichnungen seines 2006 verstorbenen Vaters Eduard, der die Geschichten aus Niederissigheim einst auf Wunsch seines Sohnes zu Papier gebracht hat. Es ist ein Werk, an dem der Senior mehr als 20 Jahre gearbeitet hat. „Mein Vater war ein hervorragender Erzähler, der seine Zuhörer stundenlang unterhalten konnte und das Gedächtnis eines Elefanten hatte“, sagt Kalbfleisch. Es sind Geschichten, die in Vergessenheit gerieten, würde sie Kalbfleisch nicht auf musikalische und unterhaltsamen Weise erhalten.

Mäßiger Gitarrenspieler, aber ein guter Sänger

Sich selbst bezeichnet Kalbfleisch als eher mäßigen Gitarrenspieler, dafür aber sei er ein guter Sänger. Schon seit seinem 14. Lebensjahr ist der 68-Jährige Mitglied im Gesangsverein Sängerlust von Niederissigheim. Seit 1975 ist er auch dessen Vorsitzender. Kalbfleisch liebt die Musik, vor allem Volkslieder, Wanderlieder, Küchenlieder, Bänkellieder und Moritate haben es ihm angetan. Und genau diese gibt er auf seinen geführten Touren auch zum Besten.

Traditionell beginnt er seine Führungen am Parkplatz unterhalb des Friedhofs mit dem Lied „Im schönsten Wiesengrund“. Dort, wo Anfang des 13. Jahrhunderts einmal eine Siedlung der Franken gestanden haben muss, aus der – wohl in Folge einer Auseinandersetzung – die beiden Ortsteile Nieder- und Oberissigheim hervorgegangen sind. Seine Tour führt unter anderem zum Friedhof, wo er über das einstige Totenhäuschen und dessen Zweck berichtet. Es geht zur Bleiche, wo einst aus Flachs hergestelltes Leinen gebleicht wurde. Zudem führt der Bänkelsänger seine Zuhörer zur Schmiedestraße, zum ehemaligen Spritzenhaus und nicht zuletzt zur Blochmühle, wo sich einst die alte Dreschmaschine befand. Traditionell beschließt Kalbfleisch jede Führung mit dem Klassiker „Die Gedanken sind frei“.

Touren im August und September

Seine Wanderung ins Niederissigheim vergangener Tage zieht nicht nur Neubürger an, die mehr über ihre neue Heimat wissen wollen. Kalbfleisch ist auch immer wieder überrascht, wie viele Alteingesessene sich mit ihm auf musikalische Wanderschaft begeben. „Die Fußballer, die Feuerwehr, alle sind schon dabei gewesen“, sagt er.

Seine Führung dauert etwa 90 Minuten und ist kostenlos. Es darf aber gespendet werden, wenn am Ende der Hut umgeht. Die Einnahmen kommen ausschließlich der von der evangelischen Kirchengemeinde betriebenen Essensbank zugute. Bis heute hat Kalbfleisch der Essensbank mehr als 1500 Euro aus dem Erlös seiner Touren zukommen lassen können.

Zunächst hat der Bänkelsänger vier Touren in diesem Sommer geplant: Am 23. und 30. August sind die ersten terminiert. Weitere folgen am 6. und 20. September. Gestartet wird jeweils um 19 Uhr am Parkplatz des Friedhofs.

Voraussetzung für die Touren ist natürlich, dass das Wetter an den jeweiligen Tagen mitspielt. Denn bei Regen bleiben auch Bänkelsänger lieber zu Hause. (Holger Weber-Stoppacher)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare