Bruchköbel

Untreueverdacht bei der AWO - auch Sozialzentrum betroffen

Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen: das Senioren- und Pflegeheim der AWO in Bruchköbel. Es wurde vor einigen Jahren an eine private Immobiliengesellschaft verkauft. Foto: Monica Bielesch

Bruchköbel. Das Pflegeheim der AWO in Bruchköbel ist Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Dies geht aus einem Bericht des Hessischen Rundfunks hervor. Danach sollen zwei AWO-Heime, in Bruchköbel und Langgöns bei Gießen, an Firmen des ehemaligen Generalbevollmächtigten des Bezirks Hessen-Süd verkauft worden sein.

Von Holger Weber

Es gehe dabei um den Verdacht der Untreue, heißt es in dem HR-Bericht. Im Mittelpunkt der Affäre steht Torsten Hammann. Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater mit Kanzleien in Pfungstadt und Bad König war von Anfang 2016 bis Mitte 2019 Generalbevollmächtigter des Bezirksverbandes Hessen-Süd. Unter Hammanns Führung als Generalbevollmächtigter seien sowohl das AWO-Sozialzentrum „Heinz Ulm Haus“ in Langgöns als auch das Zentrum an der Hauptstraße in Bruchköbel an private Immobilienunternehmen verkauft worden, die Hammann mit gegründet habe und zu deren Gesellschaftern er zähle. Damit habe der Generalbevollmächtigte gegen das Verbot sogenannter In-sich-Geschäfte verstoßen, das bei Gemeinwohlorganisationen gelte. Seit den Verkäufen nutze die Arbeiterwohlfahrt die ehemals eigenen Pflegeheime weiter, bezahle dafür jedoch Miete.

Den Verkauf der Pflegeheime soll Hammann der Arbeiterwohlfahrt nach HR-Informationen dadurch schmackhaft gemacht haben, dass nur so der aufgelaufene Sanierungsstau der Gebäude zu beheben sei. Denn der AWO Hessen-Süd fehlte offenbar das Geld, um die überwiegend noch mit Zweibettzimmern ausgestatteten Heime zu modernisieren. Seinen Mit-Investoren versprach er nach HR-Informationen, die gekauften Heime würden die beachtliche Rendite von sechs Prozent abwerfen. Laut HR seien mehrere Fragen offen: „Warum verkaufte die AWO Heime, von denen sich die neuen Besitzer eine ordentliche Rendite erwarteten? Und: Verstieß Hammann gegen das Verbot sogenannter In-sich-Geschäfte, indem er als AWO-Verantwortlicher Geschäfte mit sich selbst machte?“

Arbeit an Anbau

In Bruchköbel wird schon seit geraumer Zeit an einem Anbau gearbeitet, der nach ursprünglichen Plänen schon vor zwei Jahren fertiggestellt werden sollte. Ob zwischen der Verzögerung und dem jetzt öffentlich gewordenen Fall ein Zusammenhang besteht, ist jedoch unklar. Weder der AWO-Bezirksverband Hessen Süd noch der AWO-Bundesverband wollte dazu gestern Angaben machen.

In dem Anbau in Bruchköbel entstehen 22 Einzelzimmer, jedes rund 20 Quadratmeter groß. Darin sollen Senioren unterkommen, die heute noch in Doppelzimmern im Bestandsbau leben. Insgesamt gibt es in Bruchköbel laut Angaben der AWO 88 stationäre Pflegeplätze in 22 Doppel- und 44 Einzelzimmern.

In einer Presseerklärung teilte der AWO-Bezirksverband Hessen-Süd auf Anfrage unserer Zeitung mit, der Verband sei entschlossen, die Strukturen und die Geschäftstätigkeit in seinem Verantwortungsbereich transparent zu machen, Unklarheiten aufzuklären und wo erforderlich auch die Konsequenzen zu ziehen.

Dafür sei eine unabhängige Task-Force unter Leitung der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin gebildet worden, die alle Hinweise auf Defizite, Versäumnisse und Probleme prüfen und bewerten werde. Sie soll dabei auch die Hinweise aus der Mitarbeiterschaft, aus Öffentlichkeit und Medien sowie aus staatlichen Stellen einbeziehen. Die Task-Force habe ihre Arbeit aufgenommen. Sie werde ihre Prüfung mit der Unterstützung einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft so zügig wie irgend möglich vornehmen und durch ihren Bericht abschließen.

Kenntnis beim Bundesverband

Der Bundesverband schreibt: „Die von den Medien aufgegriffenen Verkäufe zweier Einrichtungen des AWO-Bezirksverbandes Hessen-Süd sind dem Bundesverband bekannt und bereits Bestandteil eines laufenden Prüfungsverfahrens. Aufgrund der laufenden Verfahren kann zwar keinen Prüfungsergebnissen vorgegriffen werden. Eindeutig ist aber, dass keine In-sich-Geschäfte bei der AWO erlaubt sind“.

Für Aufruhr sorgte der Bericht des Hessischen Rundfunks auch beim Bruchköbeler Ortsverband der AWO. Vorsitzende Rita Hoffmann fürchtet um den Ruf ihres 176 Mitglieder zählenden Vereins, der mit dem hauptamtlichen Zweig der AWO nichts zu tun habe. „Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass es sich bei unserem Verein ausschließlich um Ehrenamtliche handelt, die mit dieser Sache überhaupt nicht in Verbindung stehen“, so Hoffmann gestern im Gespräch mit un‧serer Zeitung. Der Ortsverband organisiert beispielsweise Ausflüge oder einmal im Jahr die große Adventsfeier für Senioren, an der immer mehrere Hundert Bruchköbeler teilnehmen.

Erst vor wenigen Wochen war die AWO bundesweit ‧negativ in die Schlagzeilen geraten durch den Fall des Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann und dessen ‧Ehefrau. Die Leiterin eines AWO-Kindergartens soll ungerechtfertigterweise in eine höhere Gehaltsklasse eingestuft worden sein und zudem einen Dienstwagen bekommen haben, der ihr nicht zustand.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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