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Vertrauen auf die trotzige Eiche in Bruchköbel

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Von: Holger Weber-Stoppacher

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Revierförster Nils Koch: Der Altenstädter betreut den Bruchköbeler Wald bereits seit zweieinhalb Jahren. Spannend sind für ihn die unterschiedlichen Bewirtschaftungskonzepte des Lebensraums.
Revierförster Nils Koch: Der Altenstädter betreut den Bruchköbeler Wald bereits seit zweieinhalb Jahren. Spannend sind für ihn die unterschiedlichen Bewirtschaftungskonzepte des Lebensraums. © Holger Weber

Bruchköbel – Gleich zu Beginn des Rundgangs durch den Bruchköbeler Wald wird die kleine Gruppe massiv attackiert. Mückenschwärme fallen gnadenlos über die Spaziergänger her, die der Einladung des Revierleiters von Hessen Forst, Nils Koch, gefolgt sind, sich vom ökologischen Zustand des Naherholungsgebiets ein Bild zu machen. Koch bleibt gelassen. Er gewinnt den aggressiven Monstern sogar etwas Positives ab:

„So lange die hier sind, so lange gibt es im Wald auch noch ausreichend Feuchtigkeit“, sagt der Förster. Und schon ist man mitten drin in der Problematik Klimawandel, die auch dem Bruchköbeler Wald zusetzt. Beim Blick in so manche Baumkrone wird deutlich, was Koch meint, wenn er sagt, dass das Baumsterben in den Jahren mit extremer Trockenheit, vor allem 2018 und 2019, in Bruchköbel Spuren hinterlassen hat.

Der Altenstädter ist seit zweieinhalb Jahren für das 1400 Hektar große Staatswaldrevier Rodenbach zuständig. Dazu gehört auch der Bruchköbeler Wald mit einer Fläche von etwa 270 Hektar. In seiner Gesamtheit stellt der Bruchköbeler Wald eine Besonderheit dar: Er ist zum einen als FFH (Flora, Fauna, Habitat)-Gebiet aufgrund seiner Artenvielfalt besonders schützenswert, gleichzeitig ist er ein stark frequentiertes Naherholungsgebiet und wird forstwirtschaftlich genutzt. Ein Dreiklang, der besonderer Sensibilität bedarf, wie man den Ausführungen des Försters entnimmt.

Risikostreuung ist die Strategie

Wie alle seine Kollegen stellt auch Koch sich der Grundsatzfrage: Wie kann man den Wald so umbauen, dass er auch in 100 Jahren noch den sich verändernden klimatischen Bedingungen gewachsen ist? Die Antwort, die der Fachmann den etwa 15 Teilnehmern des Rundgangs gibt, klingt zunächst einmal ernüchternd. Mit Bestimmtheit könne auch die Fachwelt nicht eindeuig sagen, welche Arten mit dem Klima der Zukunft und mit künftigen Schädlingen klarkommen werden. Man stütze sich aktuell auf die Erkenntnisse der forstlichen Versuchsanstalten und die aktuellen Klimaprognosen. Für Forstwirte ist Frage nach resilienten Arten noch viel drängender als etwa für Landwirte, die ihre Saat jedes Jahr neu ausbringen können. Bäume pflanzt man eben für 50, 80, manche auch für 200 Jahre. Die Ergebnisse von Kochs Arbeit werden somit erst nachfolgende Generationen von Förstern bewerten können. Wie in vielen anderen Waldgebieten verfolgt man deshalb auch in Bruchköbel die Strategie der Risikostreuung, also der Anpflanzung einer Reihe von Arten, denen man gute Überlebenschancen gibt. Dazu zählt vor allem die Eiche, die sich bereits jetzt auf den Standorten bewiesen hat, aber auch Arten wie Vogelkirsche, Esskastanie und Ahorn. Bei der Neuanpflanzung wird ein Mischwald aus drei bis fünf verschiedenen Baumarten angestrebt.

Spannend ist die Frage einer der Rundgänger: Warum, so will er wissen, setzt man nicht einfach Bäume aus dem mediterranen Raum ein, die, das hätten sie ja über Jahrhunderte bewiesen, mit Hitze keine Probleme hätten. Man sollte sich schon gut überlegen, was man in ein bestehendes Ökosystem einbringe, erwidert der Förster. Auch hier gelte: Die Folgen für Flora Fauna und auch die Tierwelt zeichneten sich erst im Laufe von Jahren ab, wenn der Mensch in einen Lebensraum eingreife. Bei der Eiche, genauer gesagt der Stieleiche habe man erstaunliche Anpassungsfähigkeiten entdeckt. Der Baum, der bekanntlich für Kraft und Trotz steht und nach dem Krieg deutsche Münzen zierte, hat allerdings ein Problem: Er wächst nur sehr langsam und ist eine Lichtbaumart. Das macht die Anpflanzung der Eiche besonders aufwendig und schwierig. Damit einmal auf einem Hektar 200 Alt-Eichen ihr Astwerk ausbreiten können, müssen auf der gleiche Fläche 8000 bis 10  000 Setzlinge gepflanzt werden. Aus diesem Grund wird bei der Neubegründung vorrangig mit Naturverjüngung gearbeitet, die nach dem Aufgang der Saat aktiv gegen über den Konkurrenzbaumarten gefördert wird.

Buche hat keine gute Überlebensprognose

Keine so guten Überlebensprognose gibt Koch den Buchen, die das Bild des Bruchköbeler Waldes derzeit noch maßgeblich prägen. Dennoch tue man bei Hessen Forst alles, damit auch die Buche weiterhin im Bruchköbeler Wald Bestand hat. Dazu gehört nach Ansicht des Försters zumindest in den bewirtschafteten Flächen des Waldes eine gute Pflege. Brombeersträucher und Besenginster werden, so gut es geht, herausgeschnitten, weil ihr dichtes Buschwerk ein klassischer Waldverhinderer sei.

An anderer Stelle greift der Förster in diese Prozesse nicht ein. Denn der Bruchköbeler Wald hat eine weitere Besonderheit, er besteht nicht nur aus bewirtschafteten Flächen, sondern auch aus Naturwald-Entwicklungsflächen. In den sogenannten Kernflächen findet keine Bewirtschaftung statt, man überlässt sozusagen die Natur sich selbst. In Hessen liegt der Anteil dieser Flächen derzeit bei etwa 10 Prozent der Wälder, die im Besitz des Landes sind. Für Koch ist die Tatasche, dass man in Bruchköbel beide Formen nah beieinander hat, besonders spannend, weil man so direkte Vergleiche zwischen den beiden Lebensräumen ziehen könne.

Spaziergänger erkennen die Grenzen der Kernflächen im Übrigen an einem großen „K“ auf der Rinde mancher Bäume, die am Rande des Waldgebietes stehen.

Was H und K bedeutet

Ein weiterer Buchstabe, den man im Bruchköbeler Wald bei genauer Betrachtung häufig entdeckt, ist das „H“. Es steht für Habitat und kennzeichnet Bäume, die bereits von Spechten oder Fledermäusen besiedelt sind. Diese ausgewiesenen Bäume, die oft mehrere Höhlen enthalten, werden nicht länger bewirtschaftet und dienen ausschließlich als Wohnraum. Sie werden bis zu ihrem Zerfall auf der Fläche verbleiben.

Die Artenvielfalt vor allem bei den Feldermäusen sei groß im Bruchköbeler Wald. Gesichtet werden dort unter anderem der Abendsegler, das große Mausohr sowie die Bechstein-Fledermaus. Insgesamt zwölf seltene Arten sind in dem Waldgebiet heimisch. Totholz auf dem Waldboden ist zudem ein wichtiger Rückzugsort und auch die vielen Wassertümpel bieten hier Lebensraum für die seltene Gelbbauchunke. Diese Habitate werden trotz der forstlichen Bewirtschaftung so gut wie möglich erhalten und gefördert.

Die Frage, ob ein abgestorbener Baum stehen gelassen oder gefällt wird, ist auch immer eine Abwägung zwischen Naturschutz und Verkehrssicherung. Steht ein Baum dicht an einem Feldweg, wird er sicherheitshalber entfernt. Auch aus holzwirtschaftlicher Sicht liegt der Fokus auf Schadholz. „Ich habe in den zweieinhalb Jahren noch keinen einzigen gänzlich gesunden Baum aus dem Wald geholt“, versichert der Förster . Um die Nachhaltigkeit der Bewirtschaftung sicherzustellen, gibt es auch für Bruchköbel einen Wirtschaftsplan, der eine Holzentnahme vorsieht, die weit unter dem Zuwachs auf den Flächen liege. Leider würde diese Menge aktuell allein durch das Schadholz erreicht.

Trotz der angespannten Lage in den Kronen der Altbäume, stehe es jedoch nicht schlecht um den Bruchköbeler Staatswald. Die Jungbestände seien auf einem guten Weg, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten und zusammen mit eingebrachten Mischbaumarten den klimastabilen Eichen-Mischwald der Zukunft zu bilden. Das ist zweifellos eine gute Nachricht für das beliebte Naherholungsgebiet der Bruchköbeler. (Von Holger Weber)

Unter Attacke: Tiere und Menschen leiden derzeit unter den Mücken im Waldgebiet.
Unter Attacke: Tiere und Menschen leiden derzeit unter den Mücken im Waldgebiet. © -

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